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Archiv - 10.03.08 von Hansi Oostinga

Fritz Krüschedt (1910-1978)

Freie Arbeiter-Union Deutschlands

Fritz Krüschedt wurde am 14. Juni 1910 in Wuppertal geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters musste die Mutter ihn und seine zwei Geschwister allein groß ziehen. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen in einer Elberfelder Obdachlosensiedlung auf. Die Mutter entstammte dem katholischen Milieu, bewegte sich aber in Kreisen der linken Arbeiterbewegung und schickte ihre Kinder auf eine freie weltliche Schule. Nach der Volksschule besuchte Fritz Krüschedt eine Fortbildungsschule. Er erlernte keinen Beruf und war als Bauhilfsarbeiter tätig. Im Juli 1929 wurde Fritz Krüschedt wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt zu 70 Reichsmark Strafe oder sieben Tagen Haft am Landgericht Wuppertal verurteilt. Der Grund der Anklage ist nicht bekannt. Über Bekannte der Mutter kamen Fritz Krüschedt und sein Bruder Gustav auch in Kontakt mit der Gemeinschaft proletarischer Freidenker (GpF). In der GpF hatten die Anarchosyndikalisten einen nicht unerheblichen Einfluss. Über diese fanden die Brüder Krüschedt 1929 den Weg zur Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD), der Jugendorganisation der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD).

Die FAUD vertrat in Abgrenzung zur kommunistischen wie auch sozialdemokratischen Arbeiterbewegung eine eigenständige Traditionslinie innerhalb der deutschen Gewerkschaftsbewegung, die bis zu den lokalistischen Gewerkschaften im 19. Jahrhundert zurückreichte. Wie diese setzte sie auf ein antiautoritäres, dezentrales Organisationskonzept, das die Trennung von politischem und ökonomischem Kampf ablehnte. Die revolutionäre Gewerkschaftsorganisation sollte die Keimzelle für die neue, freiheitlich-kommunistische Gesellschaft sein. Der Kapitalismus sollte mittels eines Generalstreiks überwunden und die Gesellschaft auf Basis eines gewerkschaftlichen Rätesystems neugestaltet werden. Für den gewerkschaftlichen Tageskampf setzten die Anarchosyndikalisten auf die Methode der „Direkten Aktion“.

Die FAUD konnte Anfang der 1920er Jahre regional und in einigen Branchen einen nicht unerheblichen Einfluss ausüben. Auch in Wuppertal war sie zu dieser Zeit in einigen Betrieben die stärkste Gewerkschaft. Ende der 1920er Jahre verfügte die FAUD Wuppertal allerdings nur noch über einige Dutzend Mitglieder und war nicht mehr in der Lage, eigenständige Aktionen in den Betrieben durchzuführen.

In dieser Zeit stieß aber eine neue Generation junger Arbeiter und Arbeiterinnen mit großem revolutionären Enthusiasmus zur FAUD, bzw. ihrer Jugendorganisation SAJD. Die kleine, fast familiäre Gruppe der SAJD Wuppertal zählte 1930 etwa 15 Mitglieder. Sie stellte in den Jahren 1930 bis 1933 auch für die Brüder Krüschedt den Lebensmittelpunkt dar, zumal Fritz 1930 seine Anstellung als Bauarbeiter verlor. Sie trafen sich fast täglich und hatten sich im Garten eines Genossen ein eigenes Vereinsheim gebaut. Sie lasen gemeinsam Klassiker, stellten Flugblätter, Plakate und eine Betriebszeitung her. Ein Höhepunkt ihrer Aktivitäten war im Jahr 1931 die Aufführung des von ihnen inszenierten Theaterstücks “Sacco und Vanzetti” von Erich Mühsam in der Wuppertaler Stadthalle.

Gustav Krüschedt beschrieb seinen damaligen Tagesablauf wie folgt: “Morgens mußte ich um sechs raus [...]. Nach der Arbeit haben wir uns meistens gleich irgendwo getroffen – damals war ja immer was los: Schlägereien mit den Nazis, Diskussionen am Rathaus mit den Kakaophilosophen, Flugblätter machen oder verteilen, am Gewerkschaftshaus oder auf der Straße. Abends gingen wir immer zu den anderen
Organisationen, in ihre Versammlungen, um uns da einzumischen. Oder wir waren unter uns zusammen. Ich bin damals, glaub ich, selten vor zwölf ins Bett gekommen – und dann hab ich oft noch bis drei gelesen.“ (Zit.nach: Graf, Familie Krüschet, S. 30)

Als Schutztruppe gegen die anwachsende nationalsozialistische Bewegung gründeten die Wuppertaler Anarchosyndikalisten – ähnlich wie in anderen Städten – eine Schwarze Schar, die über mehrere Revolver und einen Karabiner verfügte. Auch Fritz Krüschedt schloss sich der schwarz uniformierten Truppe an. Ein anderes Mitglied der SAJD Wuppertal, Hans Schmitz, beschrieb die Motivation der jungen Anarchosyndikalisten damals so: “Wenn dich ein Nazi angegriffen hat, muß man zurückschlagen. Man konnte doch nicht bis zum nächsten Tag warten und dann in der Fabrik den Generalstreik fordern, so wie es die alten Genossen sagten.” (Zit. Nelles/Klan, Gustav Krüschedt, S. 52)

Die Schwarze Schar konnte einige Übergriffe der Nazis auf Versammlungen und in Arbeitervierteln verhindern. Es war deshalb nicht verwunderlich, dass die Brüder Krüschedt ins Visier der SA gerieten. Zumal sie auch sonst keinen Hehl aus ihrer Haltung machten – aus ihrer Wohnung hing oft die schwarze Fahne der Anarchisten. Der SA war Fritz Krüschedt zudem in guter Erinnerung, weil er es gewagt hatte, einen SA-Mann, der auf Passanten geschossen hatte, anzuzeigen.

Anfang 1933 konnten die Brüder einer Verhaftung durch die SA noch durch einen raschen Umzug in den Stadtteil Barmen entgehen. Die verlassene Wohnung wurde verwüstet, 500 Reichsmark und die schwarze Fahne entwendet.

Um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, hatte sich die SAJD vor der Machtübernahme offiziell selbst aufgelöst. Ihre Mitglieder blieben allerdings in Kontakt und leisteten mit einigen älteren Genossen gemeinsam Widerstand. Es wurden weiterhin Beiträge kassiert und Spendensammlungen für inhaftierte Genossen durchgeführt. Neben Kurierfahrten, Fluchthilfe für verfolgte Genossen und verdeckten Treffen mit Gleichgesinnten aus anderen Städten – auch aus anderen linken Jugendgruppen – versuchten sie mit ihren bescheidenen Mitteln Gegenpropaganda zu streuen. Davon berichtet Hans Schmitz in einem Erinnerungsbericht: “In den ersten Wochen der Nazidiktatur haben wir noch selbstgedruckte Zettel mit Linolschnitt und Wringmaschine hergestellt und verklebt. Selten, daß sie eine Stunde Tageslicht hatten, so schnell wurden sie von den gefangenen Genossen unter SA-Aufsicht entfernt. Kalk mit Heringsbrühe hatte sich schon vor dem 30. Januar als äußerst haltbar erwiesen. Als wir sahen, wie unsere Genossen die Parolen mit blutigen Händen, nur mit einem Stückchen Stein als Hilfsmittel, abkratzen mussten, gaben wir auch diese Methode auf. Dann gingen wir dazu über, mit Stempelkissen und kleinen Linolschnitten und Kinderdruckkästen zu arbeiten, das Linoleum erwies sich als zu hart. Danach nahmen wir Gummi von dickwandigen Autoschläuchen, schnitten es aus und klebten es auf ein Holzbrettchen. Tagsüber wurden helle Stellen auf Plakaten ausgeguckt und nachts bedruckt. Unsere Parolen blieben einige Stunden sichtbar, bis sie überklebt wurden. Mit der Methode ,Koffer abstellen’ haben wir auch versucht, uns bemerkbar zu machen; was schwierig war. Um Bodenunebenheiten auszugleichen, mußten wir feinporiges Schaumgummi beschaffen. Normale Schwämme mußten geteilt werden, es war schwierig, gleich hohe Buchstaben herzustellen. Es folgten Buchstaben aus gebrauchter Baumwollunterwäsche, fünffach aufeinander genäht, dann von Hand auf Pappe genäht. Der Koffer wurde in Gehrichtung abgestellt und wieder aufgehoben, wenn jemand in der Nähe zu sehen war. Dann mußte man schnell in eine stille Ecke verschwinden, wo ein zweiter Mann wartete, um neue Farbe aufzutragen.” (Schmitz, Hans, “Umsonst is dat nie”, S. 7/8)

Ende 1936, Anfang 1937 deckte die Gestapo den anarchosyndikalistischen Widerstand im Rheinland auf. Über 100 Personen wurden verhaftet. Fritz Krüschedt wurde am 7. April 1937 festgenommen. Die Untersuchungen der Gestapo Düsseldorf zogen sich über ein Jahr hin. Während dieser Zeit wurden die Inhaftierten schwer misshandelt. Eine der Foltermethoden, um Namen aus Fritz Krüschedt herauszupressen, war es, ihn stundenlang im kalten Wasser der Wupper stehen zu lassen. Er verriet dennoch niemanden. In zwei großen Prozessen im Januar und Juni 1938 wurden ingesamt 88 Anarchosyndikalisten wegen “Vorbereitung zum Hochverrat” verurteilt. Fritz Krüschedt, der jede Betätigung für die illegale FAUD abstritt, wurde im Juni zu zwei Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt.

Nach seiner Haftentlassung am 1. Juli 1939 wurde er umgehend in “Schutzhaft” genommen und ins Gefängnis Düsseldorf-Derendorf überstellt. Am 10. August kam er ins Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er die Häftlingsnummer 001252 bekam und im Block 65 untergebracht wurde. Auf einem Effektenkammerschein, der auf den 9. März 1941 datiert ist, und in einer Veränderungsmeldung des Krankenbaus, in den er am 20. Oktober 1941 eingewiesen wurde, wird für ihn die Häftlingsnummer 011923 und die Unterbringung im Block 23 angegeben.

Auch im Kozentrationslager Sachsenhausen wurde er misshandelt. So musste er er über Stunden gemeinsam mit anderen Häftlingen im kniehohen Wasser stehen und wurde an den auf dem Rücken zusammengebundenen Armen an den Pfahl gehängt. Bei späteren Schilderungen musste er, wenn er auf den Spitznamen eines KZ-Aufsehers – Puppe – zu sprechen kam, in Tränen ausbrechen.

Im Herbst 1944 gehörte er zu den 770 Häftlingen, die für die SS-Sonderformation Dirlewanger zwangsrekrutiert wurden. Ihm gelang es aber, beim ersten Fronteinsatz zu den sowjetischen Truppen überzulaufen. Diese betrachteten ihn nicht als Widerstandskämpfer, sondern als Kriegsgefangenen, was für ihn eine sehr schmerzhafte Erfahrung war. Er wurde dennoch relativ früh, im September 1945, entlassen.

Nach Deutschland zurückgekehrt, schloss er sich, nach einem kurzem Intermezzo in der KPD, der Föderation Freiheitlicher Sozialisten (FFS) an. Die FFS, die einige hundert Mitglieder zählte, verstand sich zwar als Nachfolgeorganisation der FAUD, sah für eine revolutionäre Gewerkschaftsbewegung im Nachkriegsdeutschland allerdings keine Perspektive. Die FFS konzentrierte sich vornehmlich auf die Bewahrung freiheitlicher Ideen und versuchte diese in andere Organisationen hineinzutragen, wie etwa in die neu gegründeten Gewerkschaften.

Auch Fritz Krüschedt und sein ebenfalls – nach einer Odyssee durch halb Europa – zurückgekehrter Bruder Gustav arbeiteten in diesem Sinne.

Fritz Krüschedt hatte nach dem Krieg verschiedene Anstellungen. Er arbeitete als Reparateur, Dachdecker und in der Stadtverwaltung Wuppertal. 1949 heiratete er Erna Sondern-Rutkies, die einen Sohn mit in die Ehe brachte. Am 11. Juli 1950 wurde ihre gemeinsame Tochter Marianne geboren. Nach einem Motorradunfall im Jahr 1959 wurde ihm ein Bein amputiert und er arbeitete danach als Platzwart eines Sportplatzes.

Fritz Krüschedt verstarb 1978.

Quellen

AS, D1 A/1024, Bl. 234 (Veränderungsmeldung des Gefangenen-, Geld- und Effektenverwalter).
D1 A/1054, Bl. 093 (Veränderungsmeldung des Krankenbaus)
D1 C/01, Bl. 298 (Effektenkammerschein).
NRW-HstA, RW 58-62 533, Bl. 2.
SAPMO-BArch, FBS 110/2339 (NJ 5683).
R 58/318.
StA Wuppertal, Wiedergutmachungsakte Fritz Krüschedt (11 649).
Berner, Rudolf, Die unsichtbare Front. Bericht über die illegale Arbeit in Deutschland (1937), hrsg., annotiert und ergänzt durch eine Studie zu Widerstand und Exil deutscher Anarchisten und Anarchosyndikalisten von Andreas G. Graf und Dieter Nelles, Berlin/Köln 1997.
Graf, Andreas, Die Familie Krüschet im Widerstand, in: IWK, Heft 1/2000, S. 29-33.
Linse, Ulrich, Die „Schwarzen Scharen“ – eine antifaschistische Kampforganisation deutscher Anarchisten, in: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit, Nr. 9, S. 47-66, Bochum 1989.
Nelles, Dieter/Klan, Uli, “Es lebt noch eine Flamme”. Rheinische Anarcho-Syndikalisten/-innen in der Weimarer Republik und im Faschismus, Grafenau 1990.
Nelles, Dieter/Klan, Uli, Gustav Krüschedt, in: Schwarzer Faden, Nr. 39, 3/ 9, S. 51-52.
Rübner, Hartmut, Freiheit und Brot. Die Freie Arbeiter-Union Deutschlands. Eine Studie zur Geschichte des Anarchosyndikalismus, Berlin/Köln 1994.
Schmitz, Hans, „Umsonst is dat nie“, Widerstand – ein persönlicher Bericht, Grafenau 2004.
Theissen, R../Walter, P./Wilhelms, J., Anarcho-Syndikalistischer Widerstand an Rhein und Ruhr. Zwölf Jahre hinter Stacheldraht und Gitter. Antiautoritäre Arbeiterbewegung im Faschismus, Bd. I, Meppen 1980.
Interview mit der Ehefrau des Stiefsohnes von Fritz Krüschedt, Frau Sondern, Juni 2001.
Interview mit Hans Schmitz, Dezember 2004.

Quellenangabe

Siegfried Mielke (Hrsg.) in Verbindung mit Günther Morsch: Gewerkschafter in den Konzentrationslagern Oranienburg und Sachsenhausen. Biographisches Handbuch. Band 3, Berlin 2005, S. 414-417

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