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Archiv - 20.11.04 von Michael Uhl

Die internationalen Brigaden im Spiegel neuer Dokumente

(...) Einen ungefähren Eindruck von der kommunistischen Personenkontrolle in den Reihen der offiziell überparteilichen, unter dem Symbol der Volksfront stehenden Brigaden vermitteln insbesondere die Tausende von Kaderakten und Charakteristiken, die in der Kaderabteilung der internationalen Brigaden von jedem einzelnen Freiwilligen mit akribischer Genauigkeit geführt wurden. (...)

In Szindas Charakteristiken wird die politische Gesinnung und darüber hinaus auch die sittlich-moralische Haltung jedes einzelnen Freiwilligen einer strengen Prüfung unterzogen. Markiert werden all diejenigen, die in den Augen ihres Beurteilers von der kommunistischen Generallinie abwichen oder in Spanien irgendwie negativ auffielen. In den Urteilen spiegeln sich die parteiinternen Auseinandersetzungen der KPD aus der Zeit der Weimarer Republik wider, die auf die Verhältnisse in Spanien übertragen wurden.

So war man in der Kaderabteilung der Brigaden bestens darüber informiert, ob ein Freiwilliger in Deutschland oder der Emigration der Gruppe der "Versöhnler", "Brandlerianer" oder sonstigen oppositionellen Parteikreisen angehört hatte. Gegen einige Personen mit unklarer Vergangenheit schwebten Parteiverfahren, die aber wegen der Räumung Kataloniens meistens nicht abgeschlossen werden konnten. Dabei griff man auf interne "schwarze Listen" der KPD zurück, die beim ZK in Paris angefordert wurden und die auch Szinda vorlagen. (...)

Gebrandmarkt wurden all diejenigen Personen, die in Spanien mit der kleinen linkssozialistischen Partido Obrero de Unificación Marxista (POUM) sympathisierten, Kontakt zu dessen Umfeld hatten oder selbst einmal als Milizionäre in den Formationen der POUM waren. Oft handelte es sich dabei um deutsche Emigranten, die sich in Barcelona, der Hochburg des spanischen Anarchosyndikalismus und Linkssozialismus konzentrierten. Lang ist die Namensreihe derjenigen Brigadisten, die von Szinda als "politisch schwach", "Provokateure", "verkommene", "zersetzende" oder "unkontrollierbare Elemente" eingestuft oder auch einfach nur als "Schwätzer" abqualifiziert wurden. (...)

An dieser Stelle ist noch einmal zu betonen, daß die Charakteristiken und Berichte Szindas fast ein Jahr nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs im Hotel Lux der Komintern niedergeschrieben wurden und im Vergleich zu den unmittelbar in Spanien entstandenen Urteilen deutlich an Schärfe gewonnen hatten. (...)

In den Charakteristiken der deutschen Freiwilligen werden rund zweihundert Verhaftungen von Interbrigadisten mit anschließender Gefängnishaft von unterschiedlich langer Dauer festgehalten - diejenigen Fälle nicht mitgerechnet, die außerhalb der internationalen Brigaden stattfanden. Das heißt, im Schnitt wurde jeder zehnte deutsche Interbrigadist irgendwann einmal in Spanien verhaftet. Ungefähr die Hälfte der verhafteten Personen wurde wegen Desertion oder aufgrund von Disziplinarvergehen (Mißachtung der Militärorders, Schlägereien, Betrunkenheit etc.) arrestiert.

Bei gut einem Viertel erfolgte die Verhaftung unter dem Vorwurf oder Vorwand der Spionage, der Agententätigkeit im Auftrag des Gegners bzw. einer fremden Macht. Bei einem knappen Viertel war die Verhaftung jedoch politisch motiviert, meist in Verbindung mit dem dominierenden "Trotzkismus"-Vorwurf. Die einzelnen Bereiche lassen sich in den Fällen jedoch nicht immer eindeutig voneinander trennen, sondern treten oft in kombinierter, sprachterminologisch zuweilen diffuser Variante auf. (...)

Mindestens 29 deutsche Interbrigadisten wurden von der Kaderabteilung aus ihren Einheiten zurückgerufen, um im sogenannten Spezialdienst bei den russischen Freunden zu arbeiten. Dieser Spezialdienst, dem auch Brigadisten anderer Nationalitäten angehörten, wurde in der Literatur bisher noch nicht näher vorgestellt.

Der Spezialdienst war trotz einiger Berührungspunkte keineswegs mit der internationalen Partisaneneinheit identisch, wie verschiedentlich angenommen wird. Die Partisanengruppen, in den spanischsprachigen Quellen zuweilen irreführenderweise gleichfalls Servicios Especiales genannt, standen zwar ebenso unter russischer Regie, doch werden die Partisanen oder "guerilleros" in den Charakteristiken stets auch unter diesen Namen aufgeführt und vom Spezialdienst im engeren Sinne, dem "Spezialdienst bei den russischen Freunden", eindeutig getrennt. Der offizielle Name der Partisaneneinheit, der auch internationale Gruppen angehörten, lautete ursprünglich XIV. Armeekorps (spanisch: Cuerpo de Ejército), in Nachfolge dieser bei den Kämpfen an der spanischen Nordfront aufgeriebenen republikanischen Truppe.

Im Laufe des Krieges setzte sich im allgemeinen Sprachgebrauch jedoch die Bezeichnung "Guerilla" oder "Partisanen" durch. Unter diesen Begriff fielen sowohl die Partisanen im herkömmlichen Sinn, die im feindlichen Hinterland operierten, als auch eine zahlenmäßig kleine Gruppe von Panzerfahrern, in den Quellen meist "Tankisten" genannt. Die Gruppen setzten sich aus Spaniern und Internationalen, in der Anfangszeit hauptsächlich Skandinaviern, zusammen. Sie bildeten drei Sektionen, von denen eine von dem Deutschen Richard Stahlmann (Arthur Illner) geleitet wurde ("sección" oder "détachement Richard"). Alle drei Sektionen unterstanden den Beratern des Chefs der Auslandsabteilung des NKWD, Alexander Orlov, der anfangs die Operationen anscheinend auch persönlich leitete, sowie dessen Stellvertreter und Nachfolger Kotov (Leonid Eitington).

Orlov, dessen Urheberschaft an der Ermordung von Andreu Nin jetzt anhand von Aktenindizien aus dem geheimen KGB-Archiv plausibel nachgewiesen werden konnte, war gleichzeitig auch oberster Chef jenes mysteriösen "Spezialdienstes", den man als eine Art Dienstboten des NKWD bezeichnen könnte. Wer zum "Spezialdienst" auserkoren wurde, war in der Regel vorher zum Partisanen oder Tankisten ausgebildet worden und hatte sich in entsprechenden Kampfeinsätzen bewährt; insofern überschneiden sich die Bereiche. Aus den Aufzeichnungen Orlovs geht übrigens auch hervor, daß er anscheinend über die vom SIM vorgenommenen Verhaftungen in den internationalen Brigaden im Bilde war. Einer seiner Informanten war eventuell der im Spezialdienst stehende deutsche Interbrigadist Lothar Marx, von dem bekannt ist, daß er in Spanien zu Orlovs Vertrauensmännern gehörte und wie der bereits erwähnte Schwarze eine POUM-Einheit infiltrierte.

Im Informationsdienst bei den russischen Freunden, in unmittelbarer Nähe von Orlov und Kotov, fungierte als Mitarbeiter mit weitreichenden Befugnissen auch der Deutsche Walter Vesper, der in Spanien den Decknamen "Peter Nerz" trug und bereits von Ranke erwähnt wird. Von Vesper alias Nerz stammen vermutlich die überlieferten "Informes" von 1937 über durchgeführte geheime Beobachtungen von Personen und Vorgängen im Raum Katalonien, die mit "Peter", manchmal auch nur mit der Initiale "P." gezeichnet sind. Zusammen mit Ranke war Vesper in Girona an einer der Razzien im Rahmen der Hetzkampagne gegen die POUM und deren Anhänger maßgeblich beteiligt.

Als auch viele deutschsprachige Emigranten und Milizionäre in Barcelona und Valencia verhaftet wurden, machte sich bei Vernehmungen in den Gefängnissen offenbar Personalmangel bemerkbar. Vesper stattete deshalb extra der Offiziersschule der Interbrigaden in Pozo-Rubio einen Besuch ab, um dort geeignete Mitarbeiter auszuwählen, so zum Beispiel Otto Jonack ("Emil Just"), der in Valencia Gefangene verhörte, ehe er anschließend zum SIM nach Barcelona kam, wo er mit dem bereits erwähnten Schwarze zusammenarbeitete.

Zum Spezialdienst zählte ferner die zehnköpfige Leibwache Orlovs bzw. Kotovs, die sich aus deutschen und österreichischen Brigadisten des Thälmann- und des Edgar-André-Bataillons zusammensetzte. Einige Namen dieser Leibgarde lassen sich noch nachweisen. Orlov, der, wie auch sein Nachfolger Kotov, fließend deutsch sprach, wurde von seiner mit amerikanischen Maschinenpistolen bewaffneten Leibgarde auf Schritt und Tritt begleitet. 1938 ließ er sie bei seiner Absetzung in die USA ahnungslos an der französischen Grenze zurück.

Andere Brigadisten verrichteten Kurier- oder Informationsdienste für ihren russischen Auftraggeber. Wieder andere konnten in Spanien von Orlov und seinen Mitarbeitern für eine Agententätigkeit im NKWD angeworben werden, wofür unter dem Decknamen "Konstruktion" eigens eine geheime Ausbildungsschule geschaffen wurde. Diese Schule befand sich nach den Angaben des mit der Bildung der Schule beauftragten Deutschen Heinrich Fomferra zusammen mit zwei anderen Schulen, die Partisanen ausbildeten, unweit von Valencia in Benimanet.

Zu den Schülern zählte u. a. Hans Schwarz, der in Deutschland den abtrünnigen Thälmann-Sekretär Alfred Kattner ermordet hatte. Zwei weitere Schüler waren die 1942 in Deutschland von den Nazis hingerichteten Wilhelm Fellendorf und Albert Hössler, die durch ihren Einsatz in der "Roten Kapelle“ bekannt wurden. Diese Schule besuchten wohl auch all diejenigen Brigadisten, in deren Akten vermerkt steht, daß sie zu einer sogenannten Schule für besondere Zwecke abkommandiert worden waren.

Eine Gruppe dieser internationalen Schüler, darunter auch der spätere Innenminister der DDR, Friedrich Dickel, reiste unmittelbar nach Absolvierung ihres Kurses im April 1937, also noch während des Spanischen Bürgerkrieges, zur Fortsetzung ihrer Ausbildung in die Sowjetunion. Dort mußte der Unterricht jedoch kurzzeitig unterbrochen werden, da der russische Instrukteur "Santi", der auch in Spanien den Unterricht geleitet hatte, in die Stalinschen Säuberungen hineingezogen und verhaftet wurde. Während des Zweiten Weltkriegs wurden viele der ehemaligen Schüler als "Tschekisten" von der Roten Armee in Fallschirmeinsätzen oder Kommandotrupps hinter der Frontlinie eingesetzt. Einige verrichteten später Kurierdienste in dem von Richard Stahlmann 1946 in der SBZ entlang der Zonengrenze aufgebauten geheimen Grenzapparat der KPD/SED.

Aus einer der beiden Guerillaschulen von Benimanet, die in einem ehemaligen Kloster untergebracht war und vorübergehend von dem ebenfalls im Spezialdienst stehenden Alfred Schreiber geleitet wurde, ging auch die Leibwache Orlovs hervor. Ein weiteres, provisorisches Ausbildungszentrum befand sich in Alcalá de Henares, wo sich zeitweise übrigens auch die Zentrale des spanischen SIM befand. (...)

Sowohl der Spezialdienst als auch der SIM der Interbrigaden existierten auch nach ihrer Auflösung weiter bis zum Ende des Krieges in Spanien. In einer der letzten überlieferten Operationen Ende Januar 1939 überführte der Spezialdienst das Parteivermögen und die Kaderakten der spanischen kommunistischen Partei aus dem russischen Botschaftsgebäude des bereits von italienischen Truppen umschlossenen Barcelona nach Frankreich. (...)

Bedenklich wäre es freilich, die facettenreiche Geschichte der internationalen Brigaden nun auf einzelne kaderpolitische Gesichtspunkte zu reduzieren. Gerade hinsichtlich des Alltagslebens der Freiwilligen sowie ihrer individuellen und kollektiven Kriegserfahrungen, liegen umfangreiche und wertvolle Quellen vor, die einer Auswertung noch harren. Die Forschung hat sich besonders intensiv mit den "internen" Quellen der internationalen Brigaden beschäftigt. Ein Desiderat bleibt weiterhin eine Untersuchung über die Beziehungen der Leitung der Interbrigaden zu den spanischen Regierungsstellen. Es fehlt an fundierten Studien über das Verhältnis der Republik, des Verteidigungsministeriums und des Generalstabs, dem die Interbrigaden ja direkt unterstellt waren, als auch der lokalen Behörden der Republik in Albacete, Valencia und Barcelona zur militärischen und politischen Leitung der Interbrigaden. Hierfür wären übrigens auch wieder einmal die spanischen Archive zu konsultieren. (...)


Von Michael Uhl


Auszug aus: IWK, Heft 4/1999, S. 486 - 518

Homepage: www.hth-berlin.de/iwk/ (Über die Homepage können bei Interesse auch die Hefte der "Internationalen wissenschaftlichen Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" bestellt werden)


Quelle: http://www.hth-berlin.de/iwk/1999-4_uhl.html
gespiegelt von: www.anarchismus.at

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