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Archiv - 12.11.02 von nn

1936-1996 - 60 Jahre spanische Revolution

Dem hier vorliegenden Artikel liegt ein Rundfunkmanuskript von Achim v. Borries zugrunde. Unter dem Titel "Die unbekannte Revolution - Das Experiment des spanischen Anarcho-Syndikalismus" wurde dieser Text als Gemeinschaftsproduktion des NDR/WDR am 25. März 1972 ausgestrahlt.

Der spanische Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 gilt allgemeinhin als Teil der großen europäischen Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Faschismus sowie als Vorspiel des zweiten Weltkrieges. So zutreffend diese Einschätzung zweifelsohne ist, so unvollständig, ja einseitig ist sie doch auch. Denn sie wird zwar der internationalen Bedeutung dieses Bürgerkrieges, nicht aber seinem spezifisch spanischen Aspekt gerecht. Von der relativ frühen Internationalisierung des Konflikts ausgehend, übersieht sie die ursprüngliche innerspanische Konstellation des Juli 1936.

Als Mitte Juli der Aufstand der Offiziere gegen die Republik ausbrach, da scheiterte der erste Ansturm der Reaktion in vielen Teilen Spaniens nicht an der Gegenwehr der republikanischen Armee, sondern an der spontanen Kampfbereitschaft der Arbeiter und Bauern. Diesen aber lag nichts ferner, als für eine "Republik" zu kämpfen, von der sie fünf Jahre lang tief enttäuscht worden waren.

Das parlamentarisch-demokratische System hatte es nicht vermocht, von 1931 bis 1936 die fundamentalen sozialen Probleme des Landes zu lösen oder auch nur die Vorherrschaft der progressiven Parteien zu sichern. Arbeiter und Bauern verteidigten im Juli 1936 nicht den gesellschaftlich-politischen Status quo, sondern schufen ein sozialrevolutionäres fait accompli; sie reagierten nicht defensiv, sondern sozialrevolutionär-offensiv auf den Angriff der Rechten.

Die soziale Revolution in der Anfangsphase des spanischen Bürgerkrieges zählt zu den einschneidensten sozialen Umwälzungen unseres Jahrhunderts - und ist doch außerhalb Spaniens bis heute beinahe unbekannt geblieben. Diese ihre Unbekanntheit kommt freilich nicht von ungefähr. Denn die spanische Sozialrevolution von 1936 war alles andere als eine kommunistische Revolution; und sie wird daher gerade von den Kommunisten bis heute entweder totgeschwiegen oder als "Verirrung", ja als Verrat an der gemeinsamen Sache des Antifaschismus denunziert. Das entspricht der Haltung der Kommunisten im spanischen Bürgerkrieg selbst.

Historische Basis und treibende Kraft der spanischen Sozialrevolution von 1936 waren der spanische Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus, und sie war die einzige der großen Revolutionen dieses Jahrhunderts, in der Anarchisten und Anarcho-Syndikalisten die entscheidende Rolle spielten. In fast allen anderen europäischen Ländern nur eine Randerscheinung im Gesamtspektrum der Linken, hatten Anarchisten und Anarcho-Syndikalismus in Spanien seit langem den Charakter einer Massenbewegung. Nachdem kurz vor 1870 die Ideen Bakunins in Spanien Wurzel gefaßt hatten, kam es zwischen 1880 und 1910 zu einer enormen Ausbreitung des Anarchismus; vor allem in Andalusien, für dessen Landarbeiterproletariat die Lehren Bakunins und Kropotkins zum Evangelium ihrer revolutionären Selbstbefreiung wurden. Die 1911 gegründete Anarcho-syndikalistische Gewerkschaft CNT - Confederacion Nacional del Trabajo - zählte 1918 bereits etwa 700000 Mitglieder. Nach Hugh Thomas belief sich die Zahl der Anhänger des Anarchismus in Spanien in den Dreißiger Jahren auf eineinhalb Millionen.

Zentren des Anarchismus und Syndikalismus waren insbesondere das relativ stark industrialisierte Katalonien, Aragonien und das agrar-feudalistische Andalusien. Ihr Anhang rekrutierte sich vornehmlich aus den Industriearbeitern des Nordostens, den Landarbeitern, Kleinbauern und Handwerkern des Südens. Während die spanischen Sozialisten, deren Hochburgen vor allem Kastilien und Asturien waren, eine Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung auf politisch-parlamentarischem Wege anstrebten, standen den Anarchisten dem politischen System mit militanter Feindschaft gegenüber und sahen in seiner Zerschlagung zugunsten kommunaler und betrieblicher Selbstverwaltung den einzigen Weg zu einem freiheitlichen Sozialismus.
Die soziale Umwälzung unmittelbar nach Beginn des Bürgerkrieges war denn auch eine ausgesprochen dezentralistische Revolution, von der Spontaneität der Massen getragen, ohne zentrale Leitung, ohne Eroberung des traditionellen Staatsapparates, der im Juli 1936 zunächst in Agonie verfiel. Die republikanische Regierung sah sich einem sozial-revolutionären fait accompli gegenüber. doch die Revolution versäumte es, die Machtfrage sofort eindeutig zu ihren Gunsten zu entscheiden. Katalonien, das industrielle Zentrum Spaniens, wurde auch das Zentrum der Sozialrevolution von 1936.

Franz Borkenau, dessen kritischer Augenzeugenbericht "The Spanish Cockpit" zu den aufschlußreichsten Darstellungen dieses Geschehens gehört, notierte Anfang August 1936 nach seiner Ankunft in Barcelona in seinem Tagebuch:
"Es war überwältigend! Es war, als wenn wir auf einem Kontinent gelandet wären, verschieden von allem, was ich vorher gesehen hatte."

Borkenau fand das Ausmaß der Enteignungen "fast unglaublich" und war überrascht, wie schnell sich das Leben in der katalanischen Metropole wieder normalisiert hatte. Ähnliches berichtete der heute in München lebende Sozialdemokrat und Publizist Rolf Reventlow, der im Oktober 1936 nach Barcelona kam:

"Am eindruckvollsten war natürlich einmal das äußere Bild: rote und schwarz-rote Fahnen, die schwarz-roten Fahnen der Anarcho-Syndikalisten, die roten der Sozialisten, Gewerkschaftler, und dann die der katalanischen Farben der autonomistischen Parteien, die sich ja ebenfalls gegen den Putsch der Generale stellten. Von den Schuhputzern angefangen, bis zur Straßenbahn, bis zur Straßenreinigung, sämtliche Geschäfte, vor allem die großen Kaufhäuser - überall konnte man lesen, welche Organisation diese Betriebe übernommen hatte und fortführte. Es gab also ein Kaufhaus der Partei der Marxistischen Einigung, eine spezifisch katalanische Erscheinung die sog. POUM, und es gab andere, die der CNT, der Organisation der Anarcho-Syndikalisten, gehörten oder von ihnen verwaltet wurden. Wichtig ist dabei, daß mit dem plötzlichen Aufhören der politischen Verwaltung des Staatsgefüges nach dem Putsche und der Gegenaktion der Arbeiterschaft in Barcelona alles eigentlich nicht automatisch, aber spontan sich wieder in Bewegung setzte. Es gab gar keine Zäsur. Die Arbeiterorganisationen übernahmen sowohl den Handel, wie die Produktion der Fabriken, deren Besitzer ja meist geflohen waren oder als Faschisten bekannt waren, und dann wurden diese Betriebe einfach übernommen."

Der englische Schriftsteller George Orwell, später durch seine Bücher "Animal Farm" und "1984" weltberühmt geworden, hat in "Homage to Catalonia" geschildert, wie sich ihm noch Ende 1936 das revolutionäre Barcelona darstellte:

"Zum erstenmal war ich in einer Stadt, in der die arbeitende Klasse im Sattel saß... Kellner und Ladenaufseher schauten jedem aufrecht ins Gesicht und behandelten ihn als ebenbürtig. Unterwürfige, ja auch förmliche Redewendungen waren vorübergehend verschwunden... Man hatte das Gefühl, plötzlich in einer Ära der Gleichheit und Freiheit aufgetaucht zu sein. Menschliche Wesen versuchten, sich wie menschliche Wesen zu benehmen und nicht wie... Rädchen in der kapitalistischen Maschinerie."

Borkenau schätzt, daß 70% der Fabriken in Barcelona und etwa 50% derjenigen in Valencia von den Komitees der beiden Gewerkschaftsorganisationen, der anarcho-syndikalistischen CNT und der in Barcelona sehr viel schwächeren UGT übernommen wurden. Die Kollektivierung schloß die großen Industriebetriebe und Schiffahrtsunternehmen, Handel und Gewerbe, die öffentlichen Dienste, auch Presse, Theater und Kinos, Hotels und Restaurants ein. Löhne, Arbeitsbedingungen und Produktion unterstanden fortan der Kontrolle ihrer gewählten Vertreter. Unternehmergewinne, Tantiemen und Dividenden wurden im allgemeinen abgeschafft. Der deutsche Anarcho-Syndikalist Augustin Souchy, heute achtzigjährig, der den Spanischen Bürgerkrieg als Leiter der "Abteilung für Internationale Information" der CNT in Barcelona miterlebt hat erzählt:

"Als die Kämpfe beendet waren, haben sich gleich in Barcelona beispielsweise bei den Straßenbahnen oder Autobussen oder Untergrundbahnen - das waren drei getrennte privatkapitalistische Gesellschaften und die Besitzer waren vorher schon ins Ausland geflohen - ... Die Arbeiter und die Straßenbahner hatten eine Versammlung im Büro der Gesellschaften und beschlossen: Jetzt wollen wir das übernehmen. Techniker waren natürlich auch dabei. Und so haben sie also diese drei Verkehrsgesellschaften - Straßenbahnen, Autobusse und Untergrundbahn - zu einer einzigen umgewandelt und das dann für sich so organisiert, daß es sogar besser funktionierte als vorher, denn man rationalisierte es. Straßenbahnpreise wurden herabgesetzt und die Gehälter der Direktion von 5000 oder 6000 Mark wurden abgeschafft, die Löhne der Straßenbahner von 300 auf 450 Peseten erhöht, und das Ganze funktionierte ausgezeichnet."

Nicht selten kam es zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen und einer Rationalisierung der Produktion. Unrentable Kleinbetriebe wurden, beispielsweise im Friseurgewerbe, aufgelöst bzw. zu größeren Betriebseinheiten zusammengefaßt. Besonders erwähnt zu werden verdient der Aufbau einer - angesichts der Kriegsumstände dringend erforderlichen - katalanischen Rüstungsindustrie durch die Arbeiter selbst. Eine grundsätzliche Regelung der Lohnfrage blieb aus, d.h., jeder Betrieb entschied für sich darüber, ob ein Einheitslohn oder an bisheriger Lohnstaffelung festgehalten werden sollte. Die Lohndifferenzen zwischen den einzelnen Betrieben blieben beträchtlich, entsprechend ihren unterschiedlichen Möglichkeiten. Seit Herbst 1936 richtete die CNT ihre besondere Aufmerksamkeit auf die Probleme der Kooperation der Kollektivunternehmen sowie die Erfordernisse einer gesamtwirtschaftlichen Planung.

Auch skeptisch-kritische Augenzeugen der Vorgänge in Katalonien haben die wirtschaftliche Funktionsfähigkeit des Kollektivsystems im allgemeinen positiv beurteilt, ohne freilich langfristige Prognosen zu wagen. Schwierigkeiten ergaben sich auf dem Rohstoff- und Kreditsektor, und sie waren primär politisch bedingt. Die Kollektivbetriebe waren auf Kreditgewährung seitens der Banken angewiesen, die in Barcelona von der sozialistischen Minderheitengewerkschaft, der UGT, kontrolliert wurde. Überdies verweigerte die republikanische Zentralregierung im allgemeinen Kredite an Kollektivbetriebe. Auf diese Weise konnten die Gegner des Kollektivsystems dessen volle wirtschaftliche Entfaltung blockieren. Ohne volle Einbeziehung des Kreditwesens und des Außenhandels stand der Kollektivsektor sozusagen nur auf einem Bein.

Die Kollektivierung vollzog sich ohne zentrale Leitung und folgte keinem einheitlichen Schema. Was sie kennzeichnete, war die Eigeninitiative der Arbeiter. Nicht um Verstaatlichung oder Kommunalisierung handelte es sich, sondern um betriebliche Selbstverwaltung. Augustin Souchy, der bereits 1937 einen detaillierten Report über die Kollektivierung veröffentlichte, betont:

"Ich habe die Russische Revolution 1920 - über ein halbes Jahr bin ich dort gewesen - studiert, und das wurde von oben auf, vom Staate gemacht. Ich erinnere mich noch, als Sinowjew mir 1920 in Petrograd sagte: " Nein Genosse Souchy, das geht ja nicht, daß die Arbeiter die Puntilow-Werke übernehmen, daß muß der Staat machen, sonst würden wir einen Kleinkapitalismus haben, statt einen Großkapitalismus von einigen." Also ich wußte, daß der Sozialismus von hier von den Arbeitern aufgebaut wurde, und ich sah darin das Wichtigste. Da habe ich mich entschlossen, in jeden Betrieb zu gehen und mich zu informieren, wie diese Sozialisierung vor sich ging."

Die Kollektivierung hatte auf revolutionärem Wege vollendete Tatsachen geschaffen. Am 24. Oktober 1936 fanden sie ihre gesetzlichen Bestätigungen. Das Kollektivierungsdekret der "Generalität", der katalanischen Regionalregierung - der im Vormonat auch die CNT beigetreten war -, bestimmte, daß alle Unternehmen mit mehr als Hundert Beschäftigten zu kollektivieren wären. Betriebe mit fünfzig bis hundert Beschäftigten sollten auf Antrag von drei Viertel der Belegschaft kollektiviert werden; Betriebe, deren Inhaber als Sympathisanten des Faschismus galten, verfielen der Kollektivierung in jedem Falle. Die Leitung der Betriebe ging über auf fünf- oder sechsköpfige Komitees, deren Mitglieder durch die Generalversammlung der Arbeiter bestimmt wurden. Sie hatten ein Mandat für zwei Jahre und bestimmten den Direktor. Dem Führungskomitee gehörte außerdem ein Vertreter der Regierung an.

Das Kollektivierungsdekret war, nach Daniel Guerin, "ein Kompromiß zwischen dem Verlangen nach Selbstverwaltung und der Tendenz zur staatlichen Oberaufsicht, gleichzeitig eine Übereinkunft zwischen Kapitalismus und Sozialismus." Damit spiegelte es die politische Konstellation in Katalonien im Oktober 1936 wieder, die sich von der der Juli-Tage bereits unterschied. Unmittelbar nach dem 19. Juli hatten Initiative und Macht fast ausschließlich bei den überall gebildeten Arbeiterkomitees gelegen, den eigentlichen Organen der sozialen Revolution. Die anarcho-syndikalistische CNT verzichtete jedoch darauf, ihre Alleinherrschaft zu proklamieren und durchzusetzen. In das am 21. Juni gegründete "Zentralkomitee der antifaschistischen Milizen" wurden auch Vertreter aller anderen antifaschistischen Gruppen aufgenommen. Gleichzeitig tolerierte die CNT die "Generalität" unter ihrem Präsidenten Companys, so daß es seit Ende Juli in Katalonien das merkwürdige Phänomen einer faktischen Doppelherrschaft von Regionalregierung und Komitees gab. Der weitumgehenden Umwälzung auf wirtschaftlich-sozialem Gebiet entsprach also nicht eine ebenso radikale politische Umstrukturierung. Als sich die CNT Anfang September entschloß, in die "Generalität" einzutreten, wurde das "Zentralkomitee der antifaschistischen Milizen" aufgelöst. Das war ein symptomatischer Vorgang, denn mit ihm verschwand bereits wenige Wochen nach der Sozialrevolution der, nach Borkenau, "most advanced outpost of a Soviet system in Spain", also, der eigentliche Vorposten eines Rätesystems in Spanien.

Die Kollektivierung der Industrie in Katalonien war nur die eine Seite der sozialen Umwälzung im Sommer 1936. Nicht minder revolutionär waren die Vorgänge auf dem Lande, vor allem in Ost-Andalusien, Aragonien und der Levante. Die Republik von 1931 hatte vor allem auf dem Agrarsektor versagt. Mochte auch das von ihr gegründete "Institut für Agrarreform" hier und da gewisse Einzelmaßnahmen bewirkt haben, am Gesamtproblem gemessen blieben diese ein Tropfen auf dem heißen Stein. Zahlreiche lokale Revolten, die Besetzung von Latifundien durch Landarbeiter und die Bildung einzelner Kollektive schon vor Ausbruch des Bürgerkrieges signalisierten die fundamentale Bedeutung der Agrarfrage in einem Lande, dessen zwei Millionen Industriearbeitern etwa 4,5 Millionen Landarbeiter gegenüberstanden.

Im Juli 1936 ergriffen Landarbeiter und Kleinbauern, vor allem in den bereits genannten Regionen, die Initiative und übernahmen die Ländereien der meist schon geflohenen Großgrundbesitzer oder schlossen ihre Kleinbetriebe zu örtlichen Kollektiven zusammen. Auch hier handelte es sich nicht um einen von oben gelenkten und zentral geleiteten oder auch nur koordinierten Vorgang. Darum gab es sowohl hinsichtlich des Ausmaßes als auch der Form der Kollektivierung große Verschiedenheiten, nicht nur von Region zu Region, sondern schon von Ort zu Ort. Treibende Kraft und organisatorische Basis waren durchweg die lokalen Syndikate der Landarbeiter und Bauern. Auf örtlicher Ebene kam es weithin zu einer Kooperation von Anarchisten und Sozialisten, während die Kommunisten eine eindeutig antikollektivistische Politik verfolgten. Dazu Rolf Reventlow:

"Tatsache ist, daß nur auf dem Landwirtschaftlichen Betrieb sowohl die sozialdemokratisch orientierte UGT wie die anarcho-syndikalistische CNT auf die Gestaltung des Großbetriebes und auf kollektive Betriebsführung ausgerichtet waren. Das war nicht Kollektivierung wie die in Sowjetrußland, die verordnet, angeordnet und durch militärische Gewalt herbeigeführt wurde, sondern eine ganz spontane Bewegung aus diesen beiden Organisationen heraus, die zwar Raum ließ für Familienbetriebe; das waren aber, wie der spanische Landarbeiterverband in der Sitzung seines Nationalkomitees vom 23. Dezember 1936 schon feststellte, eine ganz kleine Minderheit. Es gab natürlich anderswo Bauern oder Pächter, die das Land in Besitz genommen hatten und nicht bereit waren, den Kollektiven bzw. den Genossenschaften beizutreten. Sie wurden von den Kommunisten in ihrer lebhaften Propaganda sozusagen 'eingekauft', d.h., sie wurden aufgenommen in die Organisation; sie waren bis dahin unorganisiert. Und die kommunistische Politik unter dem kommunistischen Landwirtschaftsminister Uribe ging eigentlich auf die Aufteilung des Landes an einzelne Landwirte hinaus. Sie legten den Genossenschaften die größten Schwierigkeiten in den Weg."

Einige Zahlen mögen das Ausmaß der Agrarkollektivierung andeuten: In Aragon entstanden 450 lokale Kollektive recht unterschiedlicher Größenordnung mit insgesamt 433.000 Mitgliedern. Für die Levante wird diese Zahl von etwa 350 Kollektiven genannt. Im Zentrum und im republikanischen Teil von Andalusien gab es - Hugh Thomas zufolge - weitere 250 Kollektive und in Katalonien etwa 250. Gaston Leval schätzt, daß 1937 rund 3 Millionen Menschen in landwirtschaftlichen Kollektiven lebten. Augustin Souchy berichtet:

"Der Unterschied zwischen der Kollektivierung hier und den Kolchosen in der Sowjetunion ist, daß es in Spanien absolut freiwillig war. Wer Kollektiven nicht beitreten wollte, brauchte es nicht; den nannte man Individualisten. Die Individualisten konnten weiterexistieren, aber sie haben dann zusammengearbeitet. Und ich erinnere mich an ein kleines Beispiel: In einem kleinen Dorf in Aragonien gab es zwei Cafes, eins der Kollektivisten, dort tranken sie ihren Kaffee gratis, eins der Individualisten, dort mußten sie ihren Kaffee bezahlen. Die meisten aber waren..., schlossen sich der Kollektive an. Wirtschaftlich war es doch wohl so - nehmen wir das Dorf Calanda, wo ich auch unter anderem gewesen bin; drei- bis viertausendfünfhundert Einwohner, dreitausendfünfhundert entschieden sich für die Kollektive, und die anderen blieben allein. Die Kollektive, die hatte nun den Lastkraftwagen, um ihre Produkte in die Stadt zu bringen; das hatten die einzelnen nicht. Natürlich mußten sie dann wirtschaftlich mit der Kollektive zusammenarbeiten, wenn sie überhaupt zu etwas kommen wollten. Das war das gleiche, möchte ich gleich hinzufügen, in Kastilien, also Altkastilien, da gab es nicht die Landarbeiter, sondern die Kleinbauern. Als der Umschwung kam, haben sie ihre Arbeit zusammengelegt, kauften einen Lastkraftwagen und anstatt daß jeder mit dem Eselskarren in die Stadt fuhr, um seine Produktion zu verkaufen, machten sie es gemeinsam. Man hat zunächst an der juristischen Struktur, dem Eigentum, nichts geändert, aber die praktische Verwirklichung war eben die kollektive Arbeit und das gemeinsame soziale Leben."

Angesichts der unzulänglichen Nutzung des privaten Großgrundbesitzes und der Unrentabilität des landwirtschaftlichen Kleinbetriebes in den meisten Teilen Spaniens war die Kollektivierung ökonomisch sinnvoll und offensichtlich auch erfolgreich. Die Produktionsmethoden wurden durch eine stärkere Mechanisierung auf kollektiver Basis modernisiert. Die ökonomische Effektivität des Kollektivsystems war nicht zuletzt psychologisch bedingt. Dazu Rolf Reventlow :

"Die wirtschaftliche Funktionsfähigkeit war zweifellos gegeben, einmal durch die, ich möchte sagen, die dynamische Kraft der spontanen Aktion der auf dem Lande lebenden Menschen, die das alles als eine Befreiung empfanden und das Ziel hatten, eine völlig neue und dynamische Ordnung herzustellen. Natürlich gab es Unterschiede, wesentliche Unterschiede, in der Betriebsführung und den Auffassungen der anarcho-syndikalistischen CNT, nicht zuletzt in Aragonien und der sozialistischen UGT. Die letztere - in verschiedenen Beschlüssen und Richtlinien - legte sich auf eine enge Verbindung der Genossenschaften mit dem Staate fest, während die Anarcho-Syndikalisten sehr viel lokalbegrenzter, gebietsbegrenzter arbeiteten."

Die Kollektivierung auf dem Lande kam einer integralen Revolution gleich. Sie befreite die Landbevölkerung von der jahrhundertlangen drückenden Herrschaft der Großgrundbesitzer, der Kirche und der lokalen Repräsentanten der Staatsmacht, leitete ihre Befreiung von Armut und Unwissenheit ein. Augustin Souchy schildert ein charakteristisches Erlebnis aus der Zeit vor 1936:

"Andalusien, das war der rückständigste Teil von Spanien. Ich erinnere mich - ich war des öfteren, fast jedes Jahr in Spanien nach Proklamierung der Republik, und einmal, als ich in Andalusien auf der Eisenbahn von Cordoba nach Sevilla fuhr, immer vierte Klasse, da kamen die Bauern, setzten sich da in die Mitte - diese vierte Klasse hat ja keine Sitze -, und einer hatte eine Zeitung, und der konnte lesen und las den anderen vor; es war natürlich eine anarchistische Zeitung aus Barcelona. Er konnte lesen und las da nun vor, wie es gemacht werden sollte."

Die Kollektive schufen eigene Alters - und Krankenversicherungen, sie stellten ihren Mitgliedern eine
eine gegenüber früher wesentlich verbesserte und kostenlose medizinisch-ärztliche Versorgung zur Verfügung; sie sorgten für den Bau von Schulen sowie für die Errichtung von Abendschulen und anderen Bildungseinrichtungen. Ein ungelöstes Problem freilich blieb Wohlstandsgefälle zwischen den verschiedenen örtlichen Kollektiven. Ihm entsprachen erhebliche Lohnunterschiede von Kollektiv zu Kollektiv. Die Kollektive brachten ihre Überschüsse in regionale Ausgleichskassen ein. Koordination und Kooperation waren von Region zu Region unterschiedlich.
Souchy berichtet:

"In der ganzen Levante hatten die Landkollektiven eine ausgezeichnete Organisation. Sie kamen zusammen in der ganzen Levante, hatten einen Kongreßbeschlossen: wir bauen eine Düngemittelfabrik, wir errichten eine Landwirtschaftsschule. Da bekamen sie auch einige Professoren aus Frankreich, die sie hinzuzogen; und sie organisierten alles aufs beste und gaben eine Zeitung heraus, Kulturpropaganda machten sie - also das war keineswegs etwas primitives, sondern es war hochorganisiert, wie man sich's nicht besser denken konnte in einer kapitalistischen Gesellschaft, vom Organisationsstandpunkt aus gesehen. Und es war auch sogar viel ergiebiger, denn das war ja der Unterschied, und darauf möchte ich ganz besonders hinweisen: In Rußland, unter diesem System, wo der Staat die Wirtschaft organisiert, bis heute noch hat man immer Schwierigkeiten und da gibt es, wie sie wissen Kurzschlüsse. In Spanien hat dieses System, weil es von unten aufkam, jeder hatte Interesse, Initiative..., da gab es keine Schwierigkeiten: die Produktion fiel nicht, sondern sie ist gestiegen, weil gerade eben diese Personen selbst daran Interesse hatten und aus eigener Initiative aus Lust an dem Neuaufbau, arbeiteten, nicht wie in Rußland, wo Stalin die Bauern zur Kollektivierung gezwungen hat."


Zu einer juristischen Fixierung der neuen Eigentumsverhältnisse auf dem Lande kam es nicht mit Ausnahme von Katalonien. Weder wurden die entstandenen Kollektive gesetzlich gesichert, noch erhielten die nicht kollektivwilligen Bauern eine Garantie ihres Eigentums - ein Umstand, der auf beiden Seiten zu erheblicher psychologischer Unsicherheit führte. Nutznießer dieser Situation waren insbesondere die Kommunisten, die sich den bäuerlichen Eigentümern als Schutzmacht empfahlen. Nicht selten war es bei der Kollektivierung zumindest zu einem starken psychologischen Druck mitunter auch zur Anwendung von physischer Gewalt gegen Widerstrebende gekommen. Zudem kostete die Rücksichtslosigkeit, mit der etwa die berühmte Kolonne Durruti vorging, die Anarchisten insgesamt viele Sympathien. Auch davon profitierten vor allem die Kommunisten seit Spätherbst 1936 war eines der wichtigsten Momente der postrevolutionären Entwicklung. Bei Ausbruch des Bürgerkrieges waren die spanischen Kommunisten politisch von geringer Bedeutung gewesen; bei den Parlamentswahlen von Februar 1936 brachten sie es auf ganze 16 Mandate. Die Zahl der Parteimitglieder betrug etwa 30 - 40.000. Im Frühjahr 1937 gab die Partei ihre Zahl mit etwa 250.000 an, davon nur 35,2% Industriearbeiter, 25% landwirtschaftliche Arbeiter, 30,7% bäuerliche Eigentümer oder Pächter, 6,2% Angehörige des städt. Bürgertums und 2,9% Intellektuelle und Beamte. Für diese erstaunliche Entwicklung gab es mehrere Gründe. Zum einen wirkte sich die Waffenhilfe, die die Sowjetunion der Republik seit September 1936 zukommen ließ, psychologisch zugunsten der Kommunisten aus. Sodann zeigten diese im militärisch-administrativen Bereich beachtliche organisatorische Fähigkeiten, die gerade in den Krisenmonaten des Herbstes 1936 der Republik zugute kamen. Denn es hatte sich gezeigt, daß das republikanische Lager einer militärischen Reorganisation bedurfte, um den Gruppen der Reaktion erfolgreich widerstehen zu können. Ebenso notwendig war eine einheitliche Kriegsführung.

Der erste Ansturm der Reaktion war im Juli 1936 an der spontanen Kampfbereitschaft des Volkes, nicht an der der Armee gescheitert. Die verschiedenen gewerkschaftlichen und politischen Organisationen der Linken hatten eigene Milizen aufgestellt. Das Milizsystem selber bedeutete eine sozialrevolutionäre Errungenschaft. Georg Orwell, der der Miliz der links-sozialistischen-revolutionären POUM angehörte, war vor allem vom Geist der Einheit tief beeindruckt, dem er dort begegnete:

"Der wesentliche Punkt dieses Systems war die soziale Gleichheit zwischen Offizieren und Soldaten. Jeder, vom General bis zum einfachen Soldaten, erhielt den gleichen Sold, aß die gleiche Verpflegung, trug die gleiche Kleidung und verkehrte mit den anderen auf der Grundlage völliger Gleichheit... Es gab Offiziere und Unteroffiziere, aber keine militärischen Ränge im normalen Sinn, keine Titel, keine Dienstabzeichen, kein Hackenzusammenschlagen und kein Grüßen. Sie hatten versucht, in den Milizen eine Art einstweiliges Arbeitsmodell der Klassenlosen Gesellschaft zu schaffen. Natürlich gab es dort keine vollständige Gleichheit, aber es war die größte Annäherung daran, die ich je gesehen oder in Kriegszeiten für möglich gehalten hätte."

Ein gewisser Mangel an Disziplin und das Operieren der Milizen auf eigene Faust erwiesen sich als Schwächen des Systems. So wurden die Milizen im September/Oktober 1936 nicht aufgelöst, aber in die neugeschaffene "Volksarmee" eingegliedert und dem neuen Generalstab unterstellt. Das war vom rein militärischen Standpunkt aus, kurzfristig zweifellos zweckmäßig, politisch aber nicht unbedenklich. "La Batalla", die Zeitung der POUM, warnte denn auch am 16. Dezember angesichts der fortschreitenden Restauration:

"Die Arbeiterklasse kann nicht erlauben, daß unter dem Vorwand militärischer Notwendigkeit eine Armee wieder aufgebaut wird, die morgen das Werkzeug zu ihrer eigenen Vernichtung sein würde."

Die militärische Reorganisation war nur ein Teil jener Integration des republikanischen Lagers, die ihren sinnfälligsten Ausdruck am 4. November 1936 mit dem Eintritt der Anarchisten und Syndikalisten in die Volksfrontregierung Caballero fand. Der Entschluß der anarcho-syndikalistischen Führungsspitze, der Regierung der Caballero beizutreten, kam auf dem Hintergrund der radikalen, antipolitischen Tradition des spanischen Anarchismus einer historischen Entscheidung gleich. Die Bürgerkriegsumstände des Herbstes 1936 legten indes einen dermaßen einschneidenden Schritt nahe; auch die anarchistische Führung konnte sich nicht der Notwendigkeit eines geschlossenen Kampfes gegen den gemeinsamen faschistischen Feind entziehen. Die Anarchisten übernahmen vier Ministerien, darunter das Justizministerium. Diese anarchistischen Minister kamen sehr bald in eine fatale Situation. Faktisch hatten sie mit ihren Eintritt in das Kabinett die Parole "Erst der Krieg - dann erst die Revolution" akzeptiert; sie übernahmen nun die Mitverantwortung für eine Politik der "Normalisierung" im republikanischen Lager, deren restaurativer Charakter unverkennbar war. Dieser Kompromiß der CNT-Spitze mit den antirevolutionären Kräften war auf Seiten der Anarchisten nicht unumstritten. Bedeutete er nicht einen Verrat an der Revolution? Der theoretische Kopf der anarchistischen Opposition gegen die Koalitionspolitik, der italienische Philosophiedozent Camillo Berneri, schrieb am 5. November 36 in der von ihm Halbmonatsschrift "Guerre di Classe":

"Natürlich müssen wir den Krieg gewinnen; man gewinnt aber den Krieg nicht dadurch, daß man das Problem auf die rein militärischen Voraussetzungen des Sieges reduziert, sondern nur dadurch, daß man es mit den politischen und gesellschaftlichen Erfordernissen des Sieges verbindet...Schon nimmt der Schatten Noskes sichtbare Konturen an... Der monarchisch-katholisch-traditionalistische Faschismus ist nur einer der Sektoren der Gegenrevolution... Denkbar ist nur eins von beidem: entweder Sieg über Franco durch revolutionären Krieg - oder Niederlage." Und Diego Abad de Santillan, der führende Wirtschaftstheoretiker des spanischen Anarchismus, der im Herbst katalanischer Wirtschaftsminister geworden war, bekannte 1940 selbstkritisch:

"Wir wußten, daß es nicht möglich war, den Sieg zu erringen, wenn man nicht vorher im Krieg gesiegt hatte. Wir haben die Revolution geopfert, ohne zu begreifen, das diese Opfer auch den Verzicht auf die eigentlichen Ziele des Krieges mit sich brachte."

Der Aufbau der neuen Volksarmee im traditionellen militärischen Stil, die Schaffung eines straffen Polizeiapparates unter Regierungskontrolle, die Ablösung der lokalen Arbeiterkomitees durch von oben eingesetzte Verwaltungsorgane und die Behinderung der Kollektivunternehmen durch eine restriktive Kreditpolitik - dies waren nur einige der wichtigsten Schritte auf dem Wege zum starken Staat, zu einer "Ordnung" auf Kosten der Revolution. Die Kommunisten taten alles, diese Entwickelung zu fördern. Borkenau sagt:

"Sie widersprachen nicht nur einer allumfassenden Sozialisierung, sondern auch schlechterdings fast jeder Form von Sozialisierung. Sie widersprachen nicht nur der Kollektivierung der bäuerlichen Landanteile; sie widersetzten sich mit Erfolg jeder klaren Politik der Zerschlagung der Großgüter. Sie widersetzten sich nicht nur dem Recht den kindischen Ideen der Beschaffung des Geldes im lokalen Maßstab; sie widersetzten sich auch der staatlichen Marktkontrolle, ja sogar der Regelung des Absatzes auf einem so leicht lenkbaren Marktsektor wie es der Apfelsinenmarkt war. sie haben nicht nur versucht, eine brauchbare Polizei zu organisieren, sondern auch eine eindeutige Vorliebe für die den Massen so verhaßten Polizeitruppen der alten Ordnung an den Tag gelegt. Sie haben nicht nur die Macht der Komitees zerschlagen; sie mißtrauten überhaupt jeder spontanen 'unkontrollierbaren' Massenbewegung. Mit einem Wort: was sie anstrebten, war nicht die Verwandlung einer chaotischen Begeisterung in eine disziplinierte, sondern die Ersetzung der Massenaktionen durch gelenktes militärisches und administratives Operieren und damit völlige Ausschaltung der Massenaktionen überhaupt."

Im Namen der "antifaschistischen Einheit" kämpften die Kommunisten für einen bürokratisch-militärischen Zentralismus um jeden Pries. Ihre eindeutig anti-revolutionäre Politik resultierte primär aus ihrer engen Bindung zur Sowjetunion. Diese engagierte sich in Spanien zwar, in gewissen Grenzen, für die Republik, aber gegen die Revolution! Das hatte vor allem außerpolitische Gründe: Stalin lag zu dieser Zeit viel an einer Verständigung und Kooperation mit Frankreich und England. Von beiden war zu erwarten, daß sie eine soziale Revolution in Spanien als alarmierend ansehen würden. Dieselbe Auffassung vertraten die sozialistischen und bürgerlichen Partner der spanischen Kommunisten. Sie machten geltend, die schwerbedrängte Republik könne auf Unterstützung von Seiten der Westmächte nur hoffen, wenn sie auf sozialrevolutionäre Experimente verzichte. Die fortschreitenden Eindämmungen der sozialen Revolution veranlaßte indes weder London noch Paris zu einem stärkeren Engagement für die Republik. Nach wie vor blieb es der Sowjetunion vorbehalten, den antifaschistischen Kampf aktiv zu unterstützen. Die Republik mußte diese Hilfe teuer bezahlen. Denn mit den russischen Waffen kamen auch russische Berater nach Spanien und es kamen nicht zuletzt, die Abgesandten der GPV. Ihre Aktivität galt vor allem der Verfolgung und Beisetzung der antistalinistischen Linken. Das republikanische Spanien, insbesondere Katalonien, wurde zum Nebenkriegsschauplatz des stalinistischen Vernichtungsfeldzug gegen die nicht-bolschewistische, revolutionäre Linke. Die "Prawda" erklärt am 17. 12. 1936 ganz unumwunden:

"Was Katalonien angeht, so hat die Säuberung von Trotzkisten und Anarchisten begonnen. Und sie wird mit derselben Energie durchgeführt, wie in der UDSSR."

Anfang Mai 1937 erreichte die Auseinandersetzung zwischen den Kommunisten und den Linken in Barcelona ihren blutigen Höhepunkt. Am 3. Mai drang der Ordnungsbeauftragte der Generalität, Rodrigues Salaz, ein Mitglied, der von den Kommunisten kontrollierten "Sozialistischen Einheitspartei Katalonien" mit einer Gruppe Bewaffneter Zivilisten in das seit 1936 von der CNT besetzte Gebäude der Telefonzentrale von Barcelona ein. Ob er auf Weisung von oben oder auf eigene Faust handelte, steht bis heute nicht eindeutig fest. Die Nachricht von diesem Handstreich verbreitet sich mit ungeheuerlicher Schnelligkeit durch die Stadt und mobilisierte die Arbeiter. In ganz Barcelona wurde zum Streik aufgerufen, und binnen kurzem wurden Barrikaden errichtet. Dies alles geschah ohne jede zentrale Initiative. Die Arbeiterschaft wußte, was auf dem Spiele stand. Längst war sie sich der Gefahr bewußt, die den Errungenschaften des Juli 1936 drohte. Nun sah sie den Augenblick gekommen, dieser fortschreitenden Drosselung der Revolution Paroli zu bieten. Drei Tage lang stand die katalanische Hauptstadt im Zeichen blutiger Kämpfe zwischen Arbeitern und "Ordnungskräften". Schließlich eilten aus Valencia zwei anarchistische Minister nach Barcelona und beschworen die Arbeiter, die Waffen nieder zu legen, während die POUM - Führung sie aufforderte, auf den Barrikaden zu bleiben. Am 7. Mai verzichteten die Arbeiter auf die Fortsetzung des Kampfes. Am selben Tag marschierten 6000 Sturmgardisten, die Elitetruppe der Republik, in Barcelona ein. Die Auseinandersetzungen hatten etwa 500 Tote und 1000 Verwundete gekostet. Unter den Opfern war auch der schon erwähnte italienische Anarchist Camillo Berneri, der von Angehörigen der sozialistischen UGT verschleppt und ermordet wurde. Mochte die politische Bilanz der Kämpfe auf den ersten Blick wie ein Kompromiß aussehen, faktisch bedeutete sie eine Kapitulation der CNT. Die franz. Autoren Broué/ Términe sagen:

"Eine Remispartie waren... die Kämpfe nicht geworden: in Wirklichkeit läuteten die Mai-Tage von Barcelona die Sterbestunde der Revolution ein. Allen Beteiligten kündigten sie die kommende politische Niederlage an, und einigen der revolutionären Führer verhießen sie den Tod."

Die Kommunisten nahmen die Mai-Ergebnisse zum Vorwand, die sofortige Illegalisierung und Auflösung der revolutionär-marxistische POUM zu fordern, die nicht nur des "Trotzkismus", sondern auch der geheimen Konspiration mit den Faschisten beschuldigt wurde! Der sozialistische Premierminister Largo Caballero lehnt dieses Ansinnen ab. Mitte Mai trat die Regierung zurück. Der neue Ministerpräsident Juan Negrin, in dessen Kabinett die Anarchisten nicht mehr vertreten waren, zeigte sich den Kommunisten gegenüber gefügiger. Die offene Verfolgung der POUM begann. Andres Nin, ihr hochangesehener Führer, wurde entführt und ermordet. Eine Verhaftungswelle traf Mitglieder und Sympathisanten der POUM, die Mitte Juni für illegal erklärt wurde. Die Kampagne gegen sie fiel nicht zufällig mit der Vorbereitung des ersten der "Moskauer Prozesse" zusammen, der am 25. August 1937 mit der Hinrichtung Sinowjews, Kamenews und anderer Altbolschewisten endete. Der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Blachstein, der sich als junger Links-Sozialist der POUM angeschlossen hatte, charakterisierte diese Partei heute so:

"Die POUM hatte das Hauptziel, die Errungenschaften der Revolution, die als Antwort auf den Generalputsch vom 19. Juli die Arbeiter bei der Niederschlagung des Militärs erkämpft hatten - die Besetzung der Fabriken, die Übernahme der Betriebe, den starken Einfluß der Gewerkschaften-, diese Errungenschaften zu erhalten und auszubauen. Die POUM ging davon aus, daß dieser Krieg, den die Arbeiter aus ihrer eigenen Kraft dadurch in Gang gesetzt hatten, daß sie die Generalrevolte niedergeschlagen hatten und sich später an den verschiedenen Stellen des Landes mit den Anhängern der Generäle kämpferisch auseinandersetzten, daß diese revolutionäre Erfolge nur zu halten wären, wenn man den Krieg gegen die Faschisten Spaniens mit revolutionären Mitteln weiterführen würde, da die Arbeiter an die demokratische Republik, die sie bis 1936 rund 5 Jahre erlebt hatten, den Glauben verloren hatten. Wie ich vorhin gesagt habe, setzte sich die POUM aus verschiedenen Gruppen zusammen, und einer dieser Gruppen waren die spanischen Trotzkisten, die unter so bedeutenden Führern wie Andres Nin, der später ermordet wurde, oder Juan Andrade, in dieser Partei eine Rolle spielten, aber nicht mehr als Trotzkisten, sondern als Führungskräfte dieser vereinigten Partei. Es mag einige Leute gegeben haben, die vielleicht noch speziell trotzkistische Thesen nachhingen; Trotzki selber hat sich in einigen Artikeln zur damaligen Zeit sehr scharf gegen die Politik der POUM während des Bürgerkrieges in Spanien ausgesprochen, und die POUM als Gesamtpartei, ihre Führung, war nicht trotzkistisch. Sie war sozialistisch-revolutionär eingestellt."

Über das Verhältnis der Kommunisten zur POUM und zur Sozialrevolution überhaupt sagt Blachstein:

Die Haltung der POUM als einer marxistisch-revolutionären Partei war natürlich im Gegensatz zu den Zielen der Kommunisten, die damals wie heute, wie immer, in allen Ländern, in erster Linie die Interessen der Sowjetunion vertreten. In dieser Zeit, in der sich die Sowjetunion, wie mir scheint, nicht ohne Grund, sich von Hitler bedroht fühlte, in der Litwinow im Völkerbund versuchte, eine große Allianz gegen Deutschland zustande zu bringen, störte eine revolutionäre Partei, weil sie bei den Konservativen in Europa, z.B. bei den englischen Konservativen, aber auch französischen und anderen Konservativen, weil sie erschreckend wirken mußte, wenn sie in die Nähe von revolutionären Kräften in der Welt gebracht wurde. Sie wollte sozusagen den 'Ludergeruch' der Revolution los werden und verbündete sich deshalb in Spanien logischerweise mit den liberalen und teils konservativen Kräften. Sie arbeitete mit all denen zusammen, die die Verhältnisse vom Tage vor dem Generalsputsch wieder herstellen wollten, das heißt, alle sozialistischen, revolutionären Veränderungen rückgängig machen wollten. Das lag damals offenbar im Interesse der sowjet-russischen Außenpolitik, und ihre gelehrigen Schüler, die spanischen Kommunisten, folgten dieser Linie."

Blachstein erlebte die Praktiken der Kommunisten am eigenen Leibe:

"Einige Tage, nachdem das spanischen Exekutivkomitee der POUM verhaftet worden war, wurden auch ihre internationalen Mitarbeiter - ungefähr 30, 35, von Amerikanern xxx bis zu emigrierten Deutschen - verhaftet, und ich habe später ungefähr ein Jahr lang in verschiedenen Privatgefängnissen der GPU, der Kommunisten, gesessen. Das endete damit, daß ich einen Brief bekam, in dem mir der Oberste Ankläger der Spanischen Republik mitteilte, daß ich ein Ehrenmann sei und jederzeit im Lande willkommen, aber auch die Freiheit hätte, es zu verlassen - was aber wiederum keine Wirkung auf den kommunistischen Polizeipräsidenten von Barcelona hatte, wo ich in Haft gehalten wurde, und gar nicht daran dachte, sich nach der Meinung des Obersten Chefanklägers der Republik zu richten, sondern die Haft einfach weitergehen ließ, bis ich mich ihr entzogen habe."

"Sie können sich die Furchtbarkeit der Dinge, die in Spanien geschehen, nicht vorstellen. Es handelt sich um eine wirkliche Terrorherrschaft. Faschismus wird unter dem Vorwand des Widerstandes gegen den Faschismus aufgezwungen, Hunderte von Leuten sind im Gefängnis und werden dort monatelang ohne Gerichtsverhandlung festgehalten, Zeitungen werden unterdrückt etc. Das Widerwärtigste von allem ist die Art und Weise, wie die sog. antifaschistische Presse in England es vertuscht hat."

Peter Blachstein lernte Orwell 1937 in Barcelona kennen. Er erzählt:

"G. Orwell war ein außergewöhnlich interessanter Mann, und obwohl er also mit dieser linkssozialistischen englischen Partei verbunden war, war er eigentlich recht kritisch gegenüber ihrer Politik und auch ihrer Schwesterpartei, der POUM. Ich erinnere mich gut sehr leidenschaftlicher Gespräche, die ich mit ihm in den ersten Tagen in Barcelona geführt habe, wo er außerordentlich beeindruckt war von dem revolutionären Charakter dieser Stadt, die in ihrem Aussehen eben ganz anders war als irgendwelche anderen Städte damals oder heute in der Welt, zugleich aber sehr starke Neigungen zum kommunistischen Standpunkt in der spanischen Frage zeigte: daß man ein einheitliches Heer unter einer einheitlichen Führung haben müßte, daß man die Revolution aus internationalen Rücksichten nicht weitertreiben dürfe, ja, daß man vielleicht gewisse Dinge rückgängig machen würde - immer im Interesse der Wirkungen auf den Völkerbund, auf die Engländer, die konservativ regiert wurden, und andere. Wir haben uns damals stundenlang in einer freundschaftlichen Weise, aber doch sehr gegensätzlich über diese Probleme unterhalten. Er ist sehr lange dabei geblieben, auch seine Eindrücke an der Front haben ihn zunächst nicht davon abgebracht, wahrscheinlich auch Diskussionen mit vielen, die er dort getroffen hat, nicht. Erst die Maitage, der Aufstand in Barcelona - diese Erlebnisse in diesem 'Bürgerkrieg im Bürgerkrieg' haben ihn von der schlimmen Rolle der Kommunisten in diesem Kampf überzeugt und ihn dann eigentlich zu einem Anhänger der Politik der POUM gemacht, der Vertretung des revolutionären Weges als Voraussetzung eines Sieges über die Faschisten."

Was sich schon frühzeitig, im Herbst 1936, angebahnt hatte, wurde Mitte 1937 zur unwiderruflichen Grundtendenz innerhalb des republikanischen Lagers: die sozialrevolutionäre Linke befand sich endgültig in der Defensive. Das Kollektivsystem war einem permanenten Schrumpfungsprozeß unterworfen; es wurde immer mehr zu einer Art sozialistischer Enklave in einem nicht- sozialistischen Staate. Am 10. August 1937 dekretierte die Regierung Negrin die Auflösung des "Verteidigungsrats von Aragon" - nach Broué/Témine "das letzte revolutionäre Organ der Staatsgewalt". Die 11. Armeedivision unter dem Kommunisten Enrique Lister - heute Vorsitzender des Moskautreuen Flügels der spanischen KP- ging gegen die lokalen Komitees vor und löste zahlreiche landwirtschaftliche Kollektive mit Gewalt auf. In Katalonien wurde die Anwendung des Kollektivierungsdekrets als "mit dem Geist der Verfassung nicht vereinbar" außer Kraft gesetzt. Die Regierung unternahm große Anstrengungen, die Wirtschaft unter ihre Kontrolle zu bringen, was den Londoner "Economist" am 26. Februar 1938 zu der Feststellung veranlaßte:

"Der Eingriff des Staates in die Industrie wirkt der Kollektivierung und der Arbeiterkontrolle entgegen und läßt das Prinzip des Privateigentums wieder zur Geltung kommen."

So war die soziale Revolution verloren, lange ehe der Bürgerkrieg selber verloren ging. Die Frage bleibt, ob und wieweit jene Abwürgung des sozialrevolutionären Experiments zur Niederlage der Republik gegen die Reaktion beigetragen hat. Der neue administrative und militärische Zentralismus wurde immer wieder mit den Notwendigkeiten der Kriegsführung begründet. Doch so unerläßlich eine militärisch-politische Integration des republikanischen Lagers zweifelsohne war - diese Integration unter eindeutig restaurativen Vorzeichen mochte zwar zu einer organisatorischen Stärkung der Republik führen, ihr massenpsychologischer Effekt aber mußte ein negativer sein; sie demoralisierte weit mehr als sie stimulierte.
Was zwischen dem Spätherbst 1936 und dem Frühsommer 1938 auf Seiten der Republik vor sich gegangen war, die Weichenstellung zu Ungunsten der Revolution, läßt sich nicht bündiger formulieren als mit den Worten des italienischen Anarchisten Bertoni, der von der Huesca-Front schrieb:
"Der spanische Krieg, dem aller neue Glaube, alle Ideen der gesellschaftlichen Umwandlung, alle revolutionäre Größe genommen worden ist, bleibt ein Ringen auf Leben und Tod, ist aber kein Krieg mehr, der eine neue Ordnung und eine neue Menschheit verheißt."

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