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Archiv - 09.09.03 von nn (labournet.de)

SKT - Der bescheidene Charme der Omsker Konföderation der Arbeit

Wohl jedeR ArbeiterIn hat gehört, dass es neben den offiziellen Gewerkschaften auch alternative, unabhängige Gewerkschaften gibt, die die Interessen ihrer Mitglieder bei haltlosen Kündigungen, Lohnrückständen usw. tatsächlich verteidigen.

Viele wissen aber nicht, dass solche Gewerkschaften der Allrussischen Konföderation der Arbeit(1) angeschlossen sind, und dass in Omsk die "Omsker Konföderation der Arbeit" aktiv ist.

Am 18. Mai 1999 feierte die Omsker Konföderation der Arbeit (OKT) ihr 5-jähriges Bestehen.

Aber der Jahrestag wurde nicht mit Ausflügen oder Aufmärschen in Volksfeststimmung "begangen"; auch Pressekonferenzen und ähnliche großkotzige Auftritte gab es nicht. In den bescheidenen Räumen in der Straße Kommunistitscheskaja 38, wo sich das Büro der OKT befindet, lief die gewöhnliche Arbeit. Nach Feierabend, wie an jedem anderen Werktag, kamen AktivistInnen der alternativen, unabhängigen Gewerkschaften, lasen arbeitsrechtliche Fachliteratur, berieten sich untereinander. Telefonate wurden geführt, Ratschläge wurden erteilt, wie man in aktuellen Konfliktfällen verfahren könnte.

Man muss auch anmerken, dass es in der OKT keine bezahlten Funktionäre gibt. Das heißt, der herkömmliche Begriff der "Arbeit" trifft für die aktiven Mitglieder der unabhängigen Gewerkschaften nicht ganz zu. Ihr Engagement ist eher ein Teil ihrer Lebensweise. Mehrheitlich besteht das Aktiv der OKT aus den ArbeiterInnen der Omsker Betriebe, die diese alternative Vereinigung unabhängiger Gewerkschaften auch gebildet haben.

EinE PessimistIn wird entgegnen, dass sich eine vom Engagement ihrer Mitglieder lebende, unabhängige ArbeiterInnenorganisation der Willkür der Betriebsleitungen kaum wirksam widersetzen kann. Es hat sich aber herausgestellt, dass sie es kann. Die Mitglieder der unabhängigen Gewerkschaften sind eigentlich ganz normale Leute. Die Lage hat sich eben so entwickelt, dass sie begriffen haben: die einzige Möglichkeit, irgendwas zu machen, ist durch die Selbstorganisation. Weder der Staat, noch irgendeine politische Partei, noch die in den Betrieben weiterhin existierende offizielle Gewerkschaft sind in der Lage, ihnen Schutz zu bieten. Nur wenn sie sich in einer alternativen Gewerkschaft vereinigen, können sie die Faust sein, die die Ketten zerreissen kann, mit denen der Weg zur Befreiung der ArbeiterInnen behängt ist. Die alternativen Gewerkschaften in Omsk haben diese Metapher der Faust bildhaft in das Logo der OKT aufgenommen. Die OKT hat knapp über 2.000 Mitglieder. Im Vergleich zu den offiziellen Gewerkschaften ist diese Zahl geringfügig. Konfrontiert mit dem Druck der Behörden und manchmal auch der alten, offiziellen Gewerkschaft, müssen die kleinen unabhängigen Betriebsorganisationen irgendwie überleben: sie halten sich und agieren dank der Solidarität untereinander und der Unterstützung der ArbeiterInnen. Es ist aber noch zu früh, von massenhafter Aktivität der ArbeiterInnen zu reden.

Die OKT tritt 1994 auf den Plan, als sie die Wiedereinstellung einer entlassenen kinderreichen Mutter durchsetzte. Die Betriebsleitung hatte einen Vorwand gefunden, sie zu entlassen, gerade als sie an die Reihe gekommen war, eine betriebseigene Wohnung zu erhalten. Nur Dank dem Engagement der OKT hat die Gerechtigkeit obsiegt.

1996 entstand eine ähnliche Situation in der Omsker Zweigstelle des Instituts für Katalyse: die Institutsleitung, mit Einvernehmen der offiziellen Gewerkschaft, entschied sich, die betriebseigenen Wohnungen den Belegschaft zu verkaufen, statt sie ihr kostenlos zur Verfügung zu stellen. Die ArbeiterInnen gründeten eine alternative Gewerkschaft und setzten das Recht auf kostenlose Nutzung der Wohnungen durch. Das hat 12 Gerichtsverhandlungen gekostet, unter anderen zur Wiedereinstellung der im Zuge des Personalabbaus entlassenen Mitglieder der alternativen Gewerkschaft. 1999 hat die alternative Gewerkschaft auf dem Gerichtsweg dem Direktor die Kontrolle über den Direktoriumswohnungsfonds entrissen und die 14 dazugehörigen Wohnungen unter der Belegschaft aufgeteilt.

Die EisenbahnerInnen der unabhängigen Gewerkschaft des Verkehrsbetriebs "Kombinatskaja" drohten mit Streik, als vor zwei Jahren die Verspätungen und Rückstände bei der Auszahlung ihrer Löhne begannen. Sie wandten sich sogar an den zuständigen Minister. Gegenwärtig werden die Löhne so ausgezahlt, wie es sich gehört: in halbmonatlichen Raten, ohne Verspätung. Aktive Gewerkschaftsarbeit wird auch an der AG "Saturn" gemacht und unter den Kommunalbediensteten des Stadtbezirks Sowjetski, wo die Verspätungen bei der Auszahlung der Löhne bis zu 6 Monaten betragen. Insgesamt ist es schwierig, die Vielzahl kleiner aber für die ArbeiterInnen wichtiger Erfolge aufzuzählen, die das Aktiv der OKT erzielt hat.

Wie finanziert sich die Arbeit der OKT? Diese Frage ist relevant für all diejenigen, die die ersten Schritte zur Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft machen. Es war so, dass die ersten Beiträge 1994 von den Gründungsmitgliedern der OKT aus der eigenen Tasche gezahlt wurden. Damals waren diese Beiträgewesentlich höher als die 1%-ige monatliche Abbuchung der offiziellen Gewerkschaft. (Trotzdem wurden im Laufe von 5 Jahren die Löhne der Gewerkschaftvorsitzenden nicht ein einziges Mal ausgezahlt!) Es gab Aufwandsentschädigungen einmal im Jahr für den Rechtsanwalt, den Buchhalter und den Redakteur der arbeitsrechtlichen Publikationen. Erst im Frühling 1999 wurde eine Kasse der gegenseitigen Hilfe für die gewerkschaftlichen Basisorganisationen eingerichtet, die mit ihren Beitragszahlungen auf dem neusten Stand sind. Die OKT hat sich mehrmals bei ausländischen Nicht-Regierungsorganisationen um einmalige Förderzahlungen beworben und war dreimal erfolgreich - sie erhielt Summen von der Soros-Foundation, der "Eurasia Foundation" sowie dem europäischen "Matra"-Fonds). Mit diesen Mitteln, die für die Erfüllung wichtiger sozialer Projekte bestimmt waren (Informierung der Bevölkerung, Rechtsberatung) wurde ein Rechner sowie Vervielfältigungstechnik gekauft. Von DozentInnen und Nachwuchskräften der Juristischen Fakultät der Omsker Universität erhielt die OKT Rechtsberatung.

Die alternativen Gewerkschaften wollen durch ihre Tätigkeit vor allem erreichen, dass den ArbeiterInnen bewusst wird, dass nur sie selbst die Situation im Lande ändern können. Und um die Situation zu ändern, muss man in dem Betrieb anfangen, in dem man arbeitet. Es gibt mehrere Modelle von unabhängigen Gewerkschaften. Die OKT vertritt das Modell einer Gewerkschaft, die von den Betriebsleitungen und politischen Parteien unabhängig ist. Sie verlangt die Errichtung der Arbeiterkontrolle über die jeweilige Betriebsleitung sowie die Entwicklung der Selbstverwaltung durch die ArbeiterInnen. Die OKT wie auch die anderen regionalen Gewerkschaften der Sibirischen Konföderation der Arbeit sind auf der Grundlage von Klasseninteressen organisiert, d.h., dass ArbeitgeberInnen und deren VetreterInnen in die Gewerkschaft nicht eintreten können. Wir nennen dieses Gewerkschaftsmodell syndikalistisch. Der Syndikalismus ist die Ideologie von den unabhängigen Gewerkschaften und der Selbstverwaltung der ArbeiterInnen.

Möglicherweise werden Mitglieder politischer Parteien, gleich ob liberaler oder autoritär-kommunistischer Couleur, aufschreien: "Warum müssen sich ArbeiterInnen und Gewerkschaften mit der Leitung von Betrieben befassen? Das ist doch die Aufgabe des Staates und der UnternehmerInnen!" Egal was sie sagen: in der Welt gibt es genügend Beispiele, die beweisen, dass ein vom Unternehmer und Staat in den Bankrott getriebener und abgestossener Betrieb von den ArbeiterInnen und den Gewerkschaften in die Hände genommen und wieder rentabel gemacht werden kann...

ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS:

(1) Wie diese "Allrussische Konföderation der Arbeit" aufgebaut ist und wie sie sich betätigt, ist mir nicht bekannt.

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