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Archiv - 24.08.03 von Interhelpo (BSY Münster)

Von der 'Freien Jugend Morgenröte' (1920) bis in den Knast (1937)

Am Montag, dem 15.01.2001 fand im Fürstenberghaus der Uni Münster ein Zeitzeugengespräch mit Hans Schmitz statt.

Hans Schmitz, Mitglied der FAU und heute mit seinen 86 Jahren in Düsseldorf lebend, berichtete fließend von seiner frühesten Jugend bis hin zu Ende des Zweiten Weltkrieges.

Sein Vater, führender Aktivist der anarcho-syndikalistischen basisgewerkschaft
FAUD, war im katholischen Glauben verhaftet und sowohl aus der Religion wie
auch aus der politischen Ideologie heraus überzeugter Pazifist. Dennoch, so
berichtet Hans Schmitz, trug er während des Kapp-Putsches als Teilnehmer der
"Roten Ruhr Armee" eine Waffe. Erzählt hat der Vater damals nichts davon, aber
viel später kam das Gespräch darauf zurück. Nämlich in dem Moment, als die "Freie Jugend Morgenröte", zuvor auf dem Weg zu einem pazifistischen Jugendtreffen von Freicorps (= Gruppe rechter Soldaten nach dem ersten Weltkrieg, Anm.) verprügelt, sich vom Pazifismus abwandte und das zerbrochene Gewehr in der schwarzen Fahne durch Hammer und Sichel in rot ersetzte. Sehr zum Unwillen der erwachsenen AnarchosyndikalistInnen, Hans Schmitz argumentierte seinem Vater gegenüber jedoch seinem eigenen Bericht zufolge so: "Wir haben genug vom ‚die andere Backe hinhalten'. Das tut weh!" Und im selben Zusammenhang sprach er den Vater auf das Gewehr an, das dieser seinerzeit als Pazifist trug.

In den letzten Jahren der Weimarer Republik eskalierte die Situation und die jugendlichen AnarchosyndikalistInnen, eigentlich einer pazifistischen Ideologie zuzuordnen, gründeten sogenannte "Schwarze Scharen", uniformierte Gruppen, die sich den Schlägertrupps der Nazis entgegenstellten. Wieder gab es, gerade aufgrund der Uniformierung, Protest aus den Reihen der FAUD (Freie Arbeiter Union Deutschlands, die anarchosyndikalistische Gewerkschaft), dennoch wurde die Wuppertaler Schwarze Schar, der Hans Schmitz angehörte, bei Kundgebungen und Veranstaltungen der FAUD im Ruhrgebiet als Saalschutz eingesetzt.

Das Tragen eines schwarzen Hemdes konnte schon in dieser Zeit zum Verhängnis werden. Hans Schmitz berichtet, wie er 1931 so bekleidet wegen gefährlichem
Waffenbesitz verhaftet wurde, weil er ein Taschenmesser bei sich trug. Wenige
Meter weiter marschierten Hitler-Jugendliche mit dolchartigen Messern, die der
Polizei jedoch kein Dorn im Auge waren, da es "Fahrtenmesser" seien, die zudem
in einer Lederscheide steckten.

Als es 1933 zur Machtübernahme durch die NSDAP kam, lösten sich die anarchosyndikalistischen
Gruppen auf, so auch die SAJD (Syndikalistisch-Anarchistische Jugend Deutschlands,
Jugendorganisation der FAUD) Wuppertal, der Hans Schmitz als Kassierer angehörte.
Damit hörte der Widerstand jedoch nicht auf. Mit einem Schmunzeln im Gesicht
erzählt er, wie der Fackelmarsch der NSDAP am Tag der Machtübernahme wörtlich
ins Wasser fiel - von KommunistInnen, AnarchistInnen und GewerkschafterInnen
in die Wupper gejagt. Der Fackelmarsch wurde tags darauf nachgeholt. Hans Schmitz
und ein dutzend weiterer anarchistischer und kommunistischer Jugendlicher trieben
die den Hitlergruß übenden jubelnden Massen mehrmals in den Fackelmarsch, und
die fackeltragenden SS-Schergen schlugen so provoziert mit ihren Fackeln in
die Jubelnden. Das Spielchen wiederholte sich einige Male, bis die SS den wahren
Grund für die Tumulte herausfand und es den Jugendlichen besser erschien, zu
verschwinden.

In den folgenden Monaten und Jahren gab es vielfältige Beispiele antifaschistischer
Öffentlichkeitsarbeit: Plakate wurden geklebt - eine Aktion, die die antifaschistischen
Jugendlichen schnell wieder unterließen, als sie sahen, mit wie ihre gefangenen
GenossInnen diese mit blutverkrusteten Händen unter Aufsicht der SS mühsam wieder
abkratzen mussten, Koffer wurden benutzt, um antifaschistische Parolen auf die
Straßen zu stempeln usw.

Die wichtigste Funktion, die die Untergrundorganisationen der anarchistischen
wie auch der kommunistischen Gruppen jedoch hatten, war der Transport von gesuchten
politischen Flüchtlingen über die Grenze. Hans Schmitz fungierte hier als Fahrradkurier,
getarnt als Radsportler.

1935 lernte Hans Schmitz bei einer Schlägerei mit der HJ seine spätere Ehefrau
kennen, die zu den "Düssel-Piraten" gehörte, die Hans und seinen FreundInnen
zur Hilfe eilten. Jugendliche, die sich der HJ verweigerten, organisierten sich
als EdelweißpiratInnen, trugen karierte Hemden und rote Halstücher. Oft benannten
sich die lokalen Gruppen nach den regionalen Flüssen. Alsbald gab es auch die
Wupper-Piraten.

Am 1. April 1937 wurde auch Hans Schmitz im Zuge einer Verhaftungswelle am
Arbeitsplatz von der Gestapo besucht. Er war vorgewarnt, daher konnte die Gestapo
keinerlei Indizien für antifaschistische Betätigungen finden. So wurde er zu
nur zwei Jahren Gefängnis verurteilt und hatte mehr Glück als viele seiner anarchosyndikalistischen
GenossInnen, die in den folgenden Massenprozessen verurteilt wurden. Nach seiner
Entlassung galt er als wehrunwürdig, was ihm gerade recht kam. Auch im Widerstand
wurde er wieder aktiv.

Die Wehrunwürdigkeit hielt zu seinem Leidwesen nicht ewig vor. Als er 1942
heiratete, sorgte der Arbeitgeber seiner Ehefrau dafür, dass er seine Wehrwürdigkeit
wiedererhielt, damit die Ehefrau weiter in seinem kriegsrelevanten Betrieb arbeiten
konnte, anstatt zu ihrem Ehemann nach Wuppertal zu ziehen. Hans Schmitz gehörte nun also zur Wehrmacht. Widerstand in der Wehrmacht war sicherlich ein schwieriges Unterfangen, jedoch im bescheidenen Maße möglich: Möglichst weit entfernt von der Front bleiben, "Feindsender" abhören... Eine Clique von ehemaligen Widerständlern raufte sich zusammen und organisierte diese bescheidenen Formen.

Bei Kriegsende befand Hans Schmitz sich in Holland. Er berichtet, dass das
Verhältnis zwischen der holländischen Bevölkerung und den einfachen Soldaten
ein durchaus gutes war. Während die HolländerInnen den Soldaten verrieten, welche ehemaligen Kollaborateure Essen horteten, beschlagnahmten die ehemaligen Wehrmachtssoldaten dieses und teilten es mit ihren InformantInnen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Hans Schmitz Betriebsratsmitglied, bis er in Rente ging. Auch heute noch macht er sich stark für eine antifaschistische Bewegung und ist Mitglied in der FAU. Als ich ihn in Vorbereitung zu dem in Münster stattfindenden Zeitzeugengespräch im Dezember in Düsseldorf traf, war er in Eile: Er wollte unbedingt noch auf die Antifa-Party...

[Hans Schmitz berichtet in dem Aufsatz "Widerstand - ein persönlicher Bericht" ausführlich über seine Erfahrungen. Der Aufsatz ist zu finden in dem Buch: Forschungsgruppe Wuppertaler Widerstand (Hrsg.): "...Se krieje us nit kaputt." Gesichter des Wuppertaler Widerstands. Essen 1995.]

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