Black Cat Blues & Die libertäre Revolution in der Ukraine 1917-21

Die FAU Thüringen / Erfurt präsentiert

Für Anfang November lädt die FAU Thüringen / Erfurt zu zwei Veranstaltungen ein; zum einen findet am Dienstag den 05.11. um 20 Uhr im Erfurter Veto eine Lesung mit dem Schweizer Dichter Hans Marchetto statt. Dieser liest aus seinem Buch black cat blues. Wenige Tage später, am Freitag ebenfalls 20 Uhr im veto, haben wir dann Roman Danyluk aus München zu Gast, welcher zur libertären Revolution in der Ukraine (1917-21) sprechen und eine Dokumentation zum Thema zeigen wird. Die Ankündigungstexte und eine Leseprobe aus black cat blues findet ihr unter [mehr].

Die Veranstaltungen finden jeweils einen Tag früher auch in Jena im Frei(t)raum (Uni, Carl-Zeiss-Straße 3 beim Stura) statt. Dort organisiert vom Anarchistischen Lesekreis.

Hans Marchetto im „großen Kanton“: Black Cat Blues und an­de­re Ge­dich­te
Lesung: 05.11. 20 Uhr veto (Papiermühlenweg 33, Erfurt)

In der Sammlung von Gedichten mit dem Titel “black cat blues” beschreibt Hans Marchetto nüchtern, ohne jeglichen Pathos, die kleinen Momente. Es sind Zeugen eines unangepassten Lebens, sie wettern gegen Chefs, rufen auf zu Streik und Sabotage und sprechen von der Mühsal, mit wenig Geld durch das Leben zu kommen.

Er erzählt Autobiographisches nach, lakonisch, kurz, ohne Wertung: seine Kindheit in Winterthur, seine Arbeit für die Gewerkschaft, seine Erfahrungen als Maler, auf dem Bau. Wenn Joe Hill wieder auftaucht, wenn die schwarze Katze der Anarchie durch die Nacht zieht, wenn dem arroganten Vorarbeiter mit Bauschaum der Auspuff verstopft wird, dann sind das die kleinen Momente, die vielleicht nicht den Ausweg aus dem monotonen Arbeitsleben, aber zumindest ein grimmiges Lächeln erlauben. Es sind Gedichte, die den Augenblick festhalten, die Flüchtigkeit des Moments, ohne dass sie sich reimen würden. Es sind Gedichte aus der mündlichen Sprache geschöpft: Erzähltes, Erfahrenes, bei denen ein Unterton von Bitterkeit mitschwingt, eine harte, trockene Kürze, die sich dem Publikum weder aufdrängt, noch anbiedern möchte. Es ist so, wie es ist, dieses Leben.

Die libertäre Revolution 1917 bis 1921 in der Ukraine
Dokumentarfilm und Vortrag von Roman Danyluk: 08.11. 20 Uhr veto (Papiermühlenweg 33, Erfurt)

Der Dokumentarfilm Nestor Machno – Bauer und Anarchist (ca. 60 min) über den ukrainischen Partisanenführer in der Revolution 1917 bis 1921 zeichnet die Entwicklung von den ersten revolutionären Erhebungen 1905/06, über die bäuerliche Aufstandsbewegung für eine anarcho-kommunistische Gesellschaft während der großen Oktoberrevolution 1917/18 bis zur Zerschlagung dieser autonomen Bewegung durch die Bolschewiki, nach. Der Film ist gleichzeitig ein Porträt Nestor Machnos, jenes bäuerlich-anarchistischen Revolutionärs, der trotz vielfältiger Verleumdungen seitens der Sowjetbehörden noch heute in Teilen der Bevölkerung der Ukraine so etwas wie ein moderner Robin Hood ist.
Einleitend referiert Roman Danyluk, der Autor des Buches Freiheit und Gerechtigkeit – Die Geschichte der Ukraine aus libertärer Sicht (Edition AV, Lich 2010), über die sozialrevolutionären Bewegungen und Ereignisse in den Jahrhunderten vor der Oktoberrevolution. Diese führten dazu, dass sich im Süden und Osten der Ukraine in den Jahren 1917 bis 1921 eine libertäre Gesellschaft entwickeln konnte, die ohne Zweifel als eine emanzipatorische Alternative zur Sowjetherrschaft bezeichnet werden kann. Im Vortrag wird deswegen der freiheitlich-progressiven Spur in der ukrainischen Geschichte nachgegangen. Diese führt von den egalitär-freiheitlichen Kosakengemeinschaften, über die antifeudale Bewegung der Hajdamaken im 18. Jahrhundert und den sozialrevolutionären Gruppen der Narodniki des Zarenreichs, schließlich zur Entstehung aller modernen sozialistischen Strömungen innerhalb der Ukraine: Sozialdemokratie, Kommunismus, Anarchismus.

Leseprobe: black cat blues

mein vater war kaminfeger

am morgen beim aufstehen spuckte
er schwarzen schleim und zog sich
die erste gauloise rein die erste aus
zwei päckchen die er rauchte
pro tag

und er war stolz darauf

sein hemdkragen war immer schwarz
vom russ der sich in die poren reinfrass
da konnte er abends beim duschen
soviel schruppen wie er wollte das
zeug war wie eine zweite haut

in den kneipenin denen er seine biere
trank wurde der stuhl vor dem er stand
weggestellt
er gehörte zur alten sorte und die
stand beim saufen

als ich klein war ging er morgens früh
so um fünf uhr raus und kam abends
spät um acht wieder nach haus oder
auch nicht
meine mutter schickte mich dann hinaus
die kneipen abzuklappern um ihn zu
suchen und heimzubringen

für einen knirps wie mich ein langer
tripp und das scheiss tössmer viertel
hatte damals viele kneipen
zum glück war mein alter eine bekannte
figur wie ein schwarzer hund so bunt
das machte es allemal ein bisschen
leichter

mein vater war mit sechzehn in der
gewerkschaft drin und mit fünfund
sechzig war er wieder draussen mit
einem gutschein in der hand
dreihundert war der wert

den wollten sie ihm zuerst nicht geben
in der regel schicken sie die alten
runter ins tessin ins hotel sei billiger so
aber mein alter hatte schon löcher auf
der lunge vom arbeitsunfall und konnte
schlecht atmen

das ging dann zwei jahre noch
mit siebenundsechzig hat man ihn
dann eingeäschert und ich hab seine
urne in der erde versenkt

das alles ist jetzt schon ne weile her
und ich denke es ist besser so dass
ich kein held der arbeiterklasse
geworden bin