Ausmusterungswelle: Jeder dritter Arbeitslose schon krank?

Dass Lohnarbeit krank macht, ist ein allgemein bekanntes Phänomen, welches keiner weiteren Erläuterung bedarf. Jetzt enthüllt ein Artikel der "Welt" (Springer Verlag), dass Arbeitslosigkeit auch krank macht.

"Nach unseren Untersuchungen weist jeder dritte Arbeitslose in Deutschland ein Krankheitsbild auf", gibt dort Jutta Allmendinger, die Leiterin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit (BA) zu Protokoll. "Am häufigsten sind Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems wie Rückenprobleme und psychische Störungen."

Wie kann das gehen: Arbeit macht krank, Nicht-Arbeit macht auch krank? Ist es am Ende der Kapitalismus selbst, der...

...Aber soweit wird ein Journalist von Welt nicht denken. Und es gibt noch eine naheliegendere Interpretation, die auch von einer Jutta Allmendinger nicht ausgesprochen werden darf: Die stetig steigenden Schikanen gegen Arbeitslose wie Trainingsmaßnahmen, Nachweise von Eigenbemühungen, Profilings und wie der ganze Schmonzes auch heißen mag, führen zu einer deutlichen Abwanderungsbewegung in Richtung Krankheit.

Wer ein Zipperlein hat, der pflegt es, denn es kann im Notfall immer für 3 Wochen Ruhe verschaffen. Viele Proleten versuchen gar, über den sogenannten "5-Kilo-Schein" und andere Atteste dauerhaft aus der Mühle der BA zu entkommen.
Es ist wie damals beim Bund: Verweigern oder ausmustern lassen.


Wir dokumentieren einen Artikel von Christoph B. Schiltz vom 4. Oktober 2004.

(Besagter Journalist hat zu seinem Artikel noch einen Kommentar verfasst, der weniger besonnene Zeitgenossen durchaus animieren könnte ihn ebenfalls in den Genuss eines gelben Scheins zu versetzen. Schiltz Fazit: "Ziel muß es sein, die Beschäftigten für größere Belastungen zu wappnen. Die Mitarbeiter müssen freilich auch ihren Beitrag leisten. Sie sollten weniger jammern und mehr anpacken.")

Jeder dritte Arbeitslose ist krank

Erhebungen der Bundesagentur für Arbeit - Maßnahmen zur Gesundheitsförderung verlangt

Berlin - Jeder dritte Arbeitslose in Deutschland ist laut Bundesagentur für Arbeit (BA) krank. "Nach unseren Untersuchungen weist jeder dritte Arbeitslose in Deutschland ein Krankheitsbild auf", sagte Jutta Allmendinger, die Leiterin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Nürnberger Arbeitsmarktbehörde, im Gespräch mit der WELT.

Demnach steigt der Anteil von Arbeitslosen mit gesundheitlichen Einschränkungen mit dem Lebensalter und der Dauer der Arbeitslosigkeit an. "Am häufigsten sind Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems wie Rückenprobleme und psychische Störungen", berichtet die Arbeitsmarktforscherin.

Die IAB-Leiterin wies daraufhin, daß Beschäftigte eher arbeitslos werden, wenn sie krank sind. Außerdem würden arbeitslose Menschen schneller krank als Arbeitsplatzbesitzer. "Diese Krankheiten verringern wiederum die Chancen Arbeitsloser auf Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. Es kann also einen Teufelskreis von Arbeitslosigkeit und Krankheit geben."

Allmendinger fordert eine präventive Gesundheitspolitik. "Dies gilt zur Vermeidung von Arbeitslosigkeit, ebenso sollte der Präventionsgedanke aber auch ein wichtiger Bestandteil bei der Beratung und Vermittlung von Arbeitslosen sein."
Die neue Politik des Forderns und Förderns im Arbeitsrecht bezeichnete die Arbeitsmarktexpertin als richtig. Dabei sollte es aber nicht nur um die gezielte Unterstützung bei der Stellensuche, die Bereitstellung von Arbeitsangeboten oder um Bewerbungstraining gehen. "Wichtig ist auch die Frage, wie man Gesundheit erhalten und wie man gesundheitlich eingeschränkten Arbeitslosen helfen kann, sich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren."

Aber nicht nur Arbeitslose, sondern auch Erwerbstätige leiden zunehmend unter psychischen Belastungen und Problemen mit dem Muskel-Skelett-System. In EU-weiten Umfragen berichten 28 Prozent der Beschäftigten von streßbedingten Problemen und genau ein Drittel von Muskel-Skelett-Erkrankungen. Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz berichtet, daß der Streß am Arbeitsplatz für bis zu 50 bis 60 Prozent aller Krankheitstage verantwortlich sei und Kosten in dreistelliger Milliardenhöhe verursache.
So sind psychische Erkrankungen inzwischen auch Hauptursache für Rentenzugänge wegen verminderter Erwerbsfähigkeit.

Karl Kuhn von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bestätigt, daß sich seit Anfang der neunziger Jahre die psychische Belastung von Beschäftigten zu einem "massiven Problem" ausgeweitet hat. Besonders hoch ist nach Angaben des Wissenschaftlers die psychische Belastung in sozialen Berufen.
Artikel erschienen am Mo, 4. Oktober 2004


"Artikel in Springers Welt vom 4. Okt. 2004i

Kommentar von C.B. Schiltz