Archiv - 08.09.11
von רודאלף ראקער - Rudolf Rocker
Vorwort Rudolf Rockers zu „Hashish: an oryentalishe legende“ von Fritz Lemmermayer
„Haschisch" ist eine wunderbare und geheimnisvolle Blüte im reichen Blumenkranz der orientalischen Poesie. Der Dichter der Legende ist unbekannt; es ist sogar möglich, dass diese Legende erst im Laufe der Jahre von verschiedenen Autoren in eine bestimmte Form gebracht worden ist.
Über die eigentliche Heimat der Legende wissen wir nicht viel, doch wir begegnen ihr in der ganzen orientalischen Welt von Marokko bis Indien. Ihre Formen unterscheiden sich zwar, der Inhalt ist allerdings immer gleich. Wahrscheinlich entwickelte sich der philosophische Grundgedanke von "Haschisch" zuerst in Indien, in diesem uralten Kulturland, das voll ist mit rätselhaften und geheimnisvollen Erscheinungen. Die Muslime lernten die Legende zu jener Zeit kennen, als sie große Teile des Landes erobert hatten. Doch das ist nur eine Hypothese.
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Das Haschisch ist eine giftige Pflanze, die in Marokko, Tunis, Ägypten, Syrien, Arabien, Persien, Indien und Siam die gleiche Rolle spielt wie das Opium in Tibet, China und Japan. Die Bevölkerung dieser Länder genießen ihn auf verschiedene Weise: manche vermischen den Haschisch-Saft mit anderen schmeckenden Stoffen und machen daraus allerlei Süssigkeiten. Aber meistens wird das Haschisch wie Opium oder Tabak geraucht.
Die Wirkung nach der Einnahme ist ganz wunderbar. Der Haschisch-Raucher tritt aus sich heraus, sein Geist verlässt für etliche Stunden die prosaische Wirklichkeit
und schwebt hinüber in einen farbigen, Welt-vergessenen Traum.
Passionierte Haschisch Raucher wie Baudelaire, Verlain und andere haben erklärt, dass die Wirkung des Haschisch viel reiner und lebendiger wie die des Opium ist. Eine der merkwürdigsten Erscheinungen, für die es bis heute keine richtige Erklärung gibt, ist die wunderbare Wirkung des Haschisch auf das musikalische Gehör des Menschen. Das Haschisch ist der Schöpfer der „klingenden Farben“, d.h., für den Haschisch-Raucher bekommt jede Farbe ihren eigenen Klang. Er sieht eine Farbe nicht nur, er hört sie auch mit seinen Ohren. Der blaue Himmel, die grünen Blätter der Bäume, die sich verändernden Farben des Meeres, der Sonnenschein, das alles verwandelt sich in ihm in einen wunderbaren Strom aus Tönen. Er genießt die Harmonie der Landschaft oder ein Kunstwerk auf eine musikalische Weise und die harmonische Vereinigung der Farben ruft in ihm den Klang rauschender Akkorde und geheimnisvoller Melodien hervor.
Aber der Haschisch Raucher muss teuer für seine Leidenschaft bezahlen. Das tödliche Gift trocknet ihm das Blut in den Adern und das Mark in den Knochen aus; sein Geist verliert die natürliche Lebenskraft und sein Körper zehrt aus wie ein Skelett. Nur ganz wenige können sich von dieser furchtbaren Leidenschaft befreien. Die meisten Haschisch-Raucher sind verlorene Menschen. Jene, deren Geist einmal in diesem Land der „klingenden Farben“ und rauschenden Höhen gewesen ist, wollen nicht mehr in die brutale Wirklichkeit unseres alltäglichen Lebens zurück. Der Haschisch-Raucher verkauft das Leben für einen Traum.
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Der Inhalt der Legende hat damit nichts zu tun. Der Leser wird leicht den philosophischen Fatalismus erkennen, welcher symbolisch in den Figuren Josef, Mara und Zora angelegt ist. Es ist das alte Problem in orientalischen Kleidern. Es ist die große Frage, welche alle Kultur-Völker beschäftigte und aus der die großen Gestalten der Weltliteratur hervorgegangen sind: Faust, Hamlet, Don Quichote, der junge Medardus, usw.. Jede Bevölkerung hat ihre "Nirvana-" und "Sansara-" Dichter, die ihre Probleme haben mit Traum und Wirklichkeit. Es lässt sich sogar mit Recht von geschichtlichen "Nirvana-" und "Sansara-" Perioden reden.
Es sind jene Epochen, in denen der Mensch die Wirklichkeit um jeden Preis zu vergessen sucht, in denen er mit Verachtung auf alle Wünsche, Bedürfnisse und Hoffnungen des materiellen Lebens schaut und seinen Geist alleine auf die großen Rätsel der Ewigkeit konzentriert. Gewisse Perioden in der Geschichte des alten Ägyptens, Indiens, Persiens und jene zwei mystischen Jahrhunderte des europäischen Mittelalters verkörpern diese Nirvana-Stimmung, als der Alptraum die einzige Wirklichkeit für die Denker und Künstler gewesen ist und das wirkliche Leben ein hässlicher Traum.
Es waren solche Perioden, als „Sansara“ die Verkörperung des rauschhaften und kochenden Lebens, die Gedanken und Gefühle der Menschen erfüllte. Das Leben in seinen tausenden und millionen verschiedenen Formen, mit seinen ewigen Kämpfen und Verwandlungen war das höchste Ideal, welche jene Seelen durchdrang. Die Mahavira-Periode in Indien, die Blütezeit der alten griechischen Kultur und die große historische Ära der Renaissance, waren Sansara-Perioden in der menschlichen Geschichte. In solchen Epochen wird aus den Alpträume der Vergangenheit Fleisch und Blut und schöpferische Kraft und erfüllt die Welt mit Leben, Kampf und Tätigkeit.
Der Nirvana-Mensch träumt; der Sansara-Mensch schafft. Beim ersten ist der Wunsch rein geistig und der Genuß löst sich in nichts auf. Beim zweiten ist der Wunsch der Vater der Tat, die körperliche Form und Gestalt annimmt - er löst sich nicht auf, er kristallisiert sich in einer lebendigen Schöpfung.
Die Legende "Haschisch" enthält nicht die ganzen Definitionen von "Nirvana" und "Sansara", obwohl sie von diesen Lehren stark beeinflusst worden ist.
Ali, der Haschisch-Raucher, stirbt in dem Moment, als der Traum endet und er die Wirklichkeit erkennt, das Ideal von dem er geträumt – Suleika, die göttliche, die einst in der Quelle ewiger Jugend gebadet. Aber er begreift noch den großen Fehler seines Lebens und die ewige Liebe verzeiht ihm seine Schwäche.
Es ist derselbe tiefe Gedanke, der uns in der Literatur aller Länder und Bevölkerungen immer wieder begegnet, derselbe alte Gedanke, ewig neu und frisch, so jung wie der Tag, der sich Bahn bricht durch die Finsternis der Nacht, ein ewiges Symbol gefasst in große Worte: Am Anfang steht die Tat!
R. R.
Quelle: Rudolf Rocker. Vorwort, in: Fritz Lemmermayer. Hashish. An oryentalishe legende, übers. ins Jiddische von Rudolf Rocker, London: Arbeter Fraynd, 1911.
Übersetzung: mag (08.09.2011)
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