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Archiv - 31.05.08 von Peter Kropotkin

Anarchismus und Syndikalismus

Von den verschiedensten, Seiten werden wir gefragt: „Was ist Syndikalismus und welcher Art sind seine Beziehungen zum Anarchismus?“ und wir werden hier unser Bestes tun, um diese Fragen zu beantworten.

Syndikalismus ist in der Tat nur ein neuer Name für eine alte Taktik, zu der vor langer Zeit schon die Arbeiter Großbritanniens ihre Zuflucht, und zwar erfolgreich Zuflucht genommen haben: der Taktik der direkten Aktion. der Arbeit gegen das Kapital auf wirtschaftlichem Gebiete. Eine solche Kampfesart war ihre bevorzugteste Waffe. Und schon in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts haben die britischen Arbeiter, ohne das Stimmrecht zu besitzen, durch Anwendung nur dieser Waffe große wirtschaftliche Vorteile errungen, eine starke gewerkschaftliche Organisation geschaffen und sogar die herrschenden Klassen gezwungen, Ihre Forderungen in der Arbeitergesetzgebung (ein ausgedehntes politisches Wahlrecht eingeschlossen) anzuerkennen. So erwies sich die direkte Aktion auf wirtschaftlichem Gebiete als eine bedeutsame Waffe sowohl zur Erreichung wirtschaftlicher Resultate, wie auch zur Erringung einiger politischer Konzessionen.

Diese Idee war in England so stark, daß in den Jahren 1830/31 Robert Owen versuchte, eine große nationale Gewerkschaft und eine internationale Arbeiterorganisation zu gründen, die durch direkte Aktion das Kapital bekämpfen sollten. Nur die grimmigen Verfolgungen der britischen Regierungen zwangen ihn, diese Idee aufzugeben.

Dann entstand die Chartisten-Bewegung, die die weitverbreiteten starken und zum Teil geheimen Arbeiterorganisationen benutzte, um beträchtliche politische Konzessionen zu erringen. Hier erhielten die britischen Arbeiter ihre erste Lektion in der Politik: sehr bald erkannten sie, daß, obwohl sie die politische Agitation mit aller Wucht unterstützten, diese Agitation ihnen keine wirtschaftlichen Vorteile brachte, ausgenommen jene, die sie ihren Ausbeutern und Gesetzgebern durch Streiks und Revolten selbst abzwangen. Sie erkannten, wie trüglich es ist, ernsthafte Verbesserungen ihrer Lebensbedingungen von dem Parlament zu erwarten.
Die französischen Arbeiter kamen zu genau der gleichen Schlußfolgerung; die Revolution von 1848, die den Franzosen eine Republik einbrachte, Überzeugte sie von der völligen Fruchtlosigkeit politischer Agitation und selbst politischer Siege; keine wesentlichen Veränderungen erfahren die Lebensbedingungen der Arbeiter, wenn sie diese nicht selbst den besitzenden Klassen durch direkte Aktionen abzwingen.

Den Franzosen brachte die Revolution noch eine andere Lehre. Sie sahen, wie völlig hilflos ihre intellektuellen Führer waren, wenn es galt, neue Formen der industriellen Produktion herauszufinden, Formen, die den Arbeitern ihren Anteil an der Produktion sichern, und der Ausbeutung der Arbeiter durch das Kapital ein Ende bereiten sollten. Sowohl in der Luxemburg-Kommission, die im April, Mai und Juni 1848 tagte, wie auch in der eigens zum Studium dieser Fragen im Jahre 1849 gewählten Kammer, in der über 106 sozialdemokratische Deputierte saßen, sahen die Arbeiter die Hilflosigkeit der Führer. So erkannten sie, daß die Arbeiter selbst die Hauptlinien der sozialen Revolution, Linien, auf der sie sich bewegen muß, um praktisch und fruchtbar sein zu können, ausarbeiten mußten.

Direkte Aktion der Arbeit gegen das Kapital und für die Arbeiter die Notwendigkeit, selbst die Formen auszuarbeiten für eine Organisation der Wirtschaft, welche die kapitalistische Ausbeutung ausschaltet: das waren die beiden großen Lehren, die die Arbeiter, und besonders die Arbeiter in den beiden Ländern der am höchsten entwickelten Industrie, erhalten haben.

Als dann in den Jahren 1864/66 die alte Idee von Robert 0wen verwirklicht wurde und eine internationale Arbeiterorganisation ihren Anfang nahm, enthielt diese neue Organisation diese beiden fundamentalen Prinzipien. Als die internationale Arbeiter-Assoziation von Vertretern der britischen Gewerkschaften und französischen Arbeitern – hauptsächlich Nachfolgern von Proudhon –, die die II. Internationale Weltausstellung besucht hatten, ins Leben gerufen war, proklamierte die Assoziation nachdrücklichst, daß die Emanzipation der Arbeiter ihr eigenes Werk sein müsse und daß fortan die Kapitalisten durch große Streiks , die von internationaler Basis unterstützt werden sollen, bekämpft werden.

So waren die ersten beiden Akte der Internationale, die eine ungeheure Aufregung in Europa verursachten und eine heilsame Furcht in der Mittelklasse verursachten zwei große Streiks: einer in Paris, unterstützt von den englischen Gewerkschaften, der andere im Baugewerbe Genuas, unterstützt von englischen und französischen Arbeitern.

Noch mehr! Die Arbeiter diskutierten auf den Kongressen der Internationale nicht mehr den Unsinn, mit dem die Nationen von ihren Regierenden in parlamentarischen Institutionen unterhalten werden. Sie diskutierten die fundamentale Frage des revolutionären Wiederaufbaues der Gesellschaft und setzten jene Idee in Bewegung, die seitdem sich als so fruchtbar erwiesen hat: die Idee des Generalstreiks. Was die politische Form anbelangt die eine durch die soziale Revolution reorganisierte Gesellschaft annehmen würde, so trennten die lateinischen Föderationen sich offen von der Idee des zentralisierten Staates. Sie erklärten sich nachdrücklichst zugunsten einer Organisation, die aufgebaut auf einer Föderation freier Kommunen und landwirtschaftlicher Gebiete, so sich befreiend von der kapitalistischen Ausbeutung und auf dieser Basis, auf der Basis der föderativen Verbindung sich zu größeren territorialen und nationalen Einheiten gruppierend.

Die beiden Hauptgrundsätze des modernen Syndikalismus, direkte Aktion und sorgfältige Ausarbeitung neuer Formen des Gesellschaftslebens, begründet auf der Föderation der Gewerkschaften: diese beiden Grundsätze waren am Anfang die führenden Prinzipien der Internationalen Arbeiter-Assoziation. Jedoch damals schon gab es innerhalb der Assoziation zwei verschiedene Strömungen hinsichtlich der politischen Betätigung, welche die Arbeiter der verschiedenen Nationen teilte: es gab die lateinische Strömung und die deutsche Strömung.

Die Franzosen in der Internationale waren hauptsächlich Anhänger von Proudhon. Und Proudhons leitende Idee war folgende: Auflösung der bestehenden Bourgeois-Staat-Organisation und an dessen Stelle die eigenen Organisationen der Arbeitergewerkschaften setzen, die alles regeln und organisieren werden, das wesentlich ist für die Gesellschaft. Die Produktion der Lebensnotwendigkeiten, den „gerechten unparteiischen Austausch alter Produkte der menschlichen Arbeit und die Verteilung und den Konsum alles dessen was erzeugt worden ist, die Arbeiter sind es, die das organisieren müssen. Und wenn sie das tun, werden wir sehen, daß sehr wenig für den Staat zu tun übrig bleiben wird. Produktion alles dessen, was gebraucht wird, ein gerechter Austausch der Produkte und ein gerechter Konsum sind Probleme, die allein die Arbeiter lösen können. Und wenn sie das alles tun werden, was wird dann den bestehenden Regierungen, ihren Hierarchien und Beamten zu tun verbleiben? Nichts, was die Arbeiter nicht auch organisieren könnten!

Aber unter den französischen Begründern der Internationale gab es auch Männer die für die Republik und für die Kommune gekämpft hatten. Sie waren dafür, daß die politische Betätigung nicht ignoriert werden dürfe: es sei nicht gleichgültig für die Proletarier, ob sie unter einer Monarchie, einer Republik oder unter einer Kommune leben. Aus eigener Erfahrung wußten sie, daß der Triumph der Konservativen oder der Imperialisten Rückgang in allen Richtungen bedeutet und eine ungeheure Kräfte-Verausgabung der Arbeiter, die aggressive Politik der Kapitalisten zu bekämpfen. Sie verhielten sich der Politik gegenüber nicht indifferent, aber sie lehnten ab, in der Wahlagitation, den Wahlerfolgen und in dem ganzen Hin und Her der politischen Parteien ein Instrument zur Befreiung der Arbeiterklasse zu sehen. Dementsprechend stimmten die französischen, die spanischen und italienischen Arbeiter überein, folgende Worte in die Statuten einzufügen: „jede politische Tätigkeit muß der wirtschaftlichen untergeordnet sein.“

Unter den englischen Arbeitern gab es eine Anzahl Chartisten, die den politischen Kampf bejahten. Und die Deutschen hatten noch nicht die Erfahrungen von zwei Republiken wie die Franzosen. Sie glaubten an das kommende Parlament des zukünftigen deutschen Reiches. Sogar Lassalle hatte – wie jetzt bekannt ist – einigen Glauben an einen sozialistischen Kaiser des vereinigten Deutschland, das er erstehen sah. Infolgedessen wollten weder die Engländer noch die Deutschen der parlamentarischen Aktion absagen; sie glaubten noch daran, und in dem englischen und deutschen Text derselben Statuten fügten sie ein: „jede politische Tätigkeit muß der wirtschaftlichen untergeordnet sein als Mittel.“

So ist die alte Idee des Vertrauens zum bürgerlichen Parlament wieder auferstanden. Das Resultat war, daß, als Deutschland im Kriege von 1870/71 über Frankreich triumphiert hatte, als Frankreich besiegt am Boden lag und 35.000 Pariser Proletarier, die Elite der französischen Arbeiter, nach dem Fall der Kommune von den bürgerlichen Armeen ermordet worden waren, als die internationale Arbeiter-Assoziation in Frankreich verboten worden war, Marx und Engels und deren Anhänger versuchten, die alte politische Betätigung in die Internationale einzuführen, und zwar in Gestalt der Arbeiterkandidatur. Darauf vollzog sich eine Spaltung der Internationale, die bisher so begeisterte Hoffnungen in den Proletariern und solchen Schrecken unter den Reichen verursacht hatte.

Die Föderationen der lateinischen Länder, Italien, Spanien, der Jura und Belgien (von Frankreich waren nur einige Flüchtlinge vertreten) lehnten den neuen Kurs ab. Sie konstituierten ihre eigenen föderierten Unionen, und seit dieser Zeit entwickeln sie sich mehr und mehr zum revolutionären Syndikalismus und Anarchismus, während Deutschland die Führung in der Entwicklung der Sozialdemokratischen Partei übernahm, um so mehr, als Bismarck das allgemeine Wahlrecht für das Parlament des durch den siegreichen Krieg neugegründeten deutschen Reiches einführte.
Nun sind vierzig Jahre vergangen, seit diese Teilung der Internationale sich vollzogen hat und wir können ihr Resultat beurteilen. Weiter unten werden wir es eingehender analysieren, aber jetzt schon können wir die erstaunliche Unfruchtbarkeit hervorheben in allein, was während dieser vierzig Jahre von jenen unternommen wurde, die ihren Glauben an das gehängt haben, was sie die Eroberung der politischen Macht in dem bestehenden Staaten der Mittelklasse nennen. Anstatt diesen Staat zu erobern, wie sie es zu tun glaubten, sind sie von diesem bürgerlichen Staat erobert worden. Sie sind seine Werkzeuge; sie dienen der Erhaltung der Macht der Ober- und Mittelklasse über die Arbeiter. Sie sind die lenksamen Werkzeuge der Kirche, des Staates, des Kapitals und der Monopolwirtschart.

Aber in ganz Europa und Amerika sehen wir eine neue Bewegung durch die Massen gehen, eine neue Kraft in der Arbeiterbewegung, eine Kraft, die sich an die alten Prinzipien der Internationale hält, direkte Aktion, direkten Kampf der Arbeitenden gegen das Kapital, und die Arbeiter erkennen, daß sie selbst es sind, die sich befreien müssen – nicht aber die Parlamente.

Das ist selbstverständlich noch nicht Anarchismus. Wir gehen weiter. Wir behaupten, daß die Arbeiter ihre Befreiung nicht erreichen werden, ehe sie den Betrug der Zentralisation, der Hierarchie, den Betrug der vom Staate ernannten Beamten, die Gesetz und Ordnung halten. Gesetze von Reichen gemacht gegen Arme und Ordnung, die Unterordnung der Armen unter die Reichen bedeutet nicht eher wird die Emanzipation der Arbeit erreicht werden, ehe sie alle diese Trugschlüsse, Täuschungen und Betrügereien über Bord werfen.

Aber während dieser vierzig Jahre haben die Anarchisten gemeinsam mit jenen Arbeitern, die ihre Befreiung in eigene Hände nahmen und sich der direkten Aktion bedienten als vorbereitendes Mittel für den Endkampf der ausgebeuteten Arbeit gegen das bis heutigen Tages triumphierende Kapital, während der letzten vierzig Jahre haben die Anarchisten jene bekämpft, die die Arbeiter mit resultatlosen Wahlagitationen unterhielten. Und während der ganzen Zeit waren sie beschäftigt, unter den arbeitenden Massen den Wunsch zu erwecken, Prinzipien auszuarbeiten, nach denen die Gewerkschaften Besitz ergreifen können von den Docks, den Eisenbahnen, Minen, Fabriken, Feldern und Warenhäusern, um sie fortan nicht mehr im Interesse einiger weniger Kapitalisten, sondern im Interesse der gesamten Gesellschaft zu betreiben.

Es ist gezeigt worden, wie in England seit den Jahren 1820 bis 1830, und in Frankreich nach der erfolglosen politischen Revolution von 1848, die Bemühungen einer bedeutenden Sektion der Arbeiter darauf gerichtet war, das Kapital durch die direkte Aktion zu bekämpfen und die hierzu notwendigen Arbeiterorganisationen zu schaffen. Auch ist gezeigt worden, wie diese Idee in den Jahren 1866 bis 1870 der führende Gedanke in der soeben geschaffenen Internationalen Arbeiter-Assoziation wurde, wie aber nach der Niederlage Frankreichs im Jahre 1871, durch den Zusammenbruch seiner revolutionären Kräfte, nach dem Fall der Pariser Kommune und den Triumph Deutschlands, die politischen Elemente die Oberhand in der Internationale bekamen und zeitweilig der bestimmende Faktor in der Arbeiterbewegung wurden.

Seit dieser Zeit haben beide Strömungen sich unaufhörlich entwickelt; jede nach der Richtung ihres Programmes hin. In allen konstitutionellen Staaten wurden politische Arbeiterparteien organisiert, die alles taten, was in ihren Kräften stand, um die Anzahl ihrer Vertreter in den betreffenden Parlamenten aufs schnellste zu vermehren. Und wie man von Anbeginn an sehen konnte, wie von Vertretern, die nach Stimmen jagten, es ganz unvermeidlich war, wurde das wirtschaftliche Programm immer mehr vermindert; es wurde schließlich begrenzt zu ganz nebensächlichen Beschränkungen der Rechte der Unternehmer, und so gab es dem kapitalistischen System neue Kraft und trug dazu bei, die alte Ordnung zu verlängern. Gleichzeitig geschah es, da die sozialistischen Politiker die Vertreter des bürgerlichen Radikalismus bekämpften, die mit ihnen im Einfangen von Arbeiterstimmen konkurrierten, daß diese Sozialisten, wenn auch gegen ihren Willen, daran halfen, einer siegreichen Reaktion in ganz Europa die Wege zu ebnen.

Ihre ganze Ideologie, d.h. die Ideen und Ideale, die sie unter den Massen verbreiteten, waren darauf eingestellt. Sie waren überzeugte Anhänger der Staatszentralisation, waren gegen lokale Autonomie und gegen die Unabhängigkeit kleiner Nationen und arbeiteten eine Geschichtsphilosophie aus, die den Zweck hatte, solche Folgerungen zu unterstützen. Auf die Hoffnung der Massen schütteten sie kaltes Wasser, indem sie ihnen im Namen des „historischen Materialismus“ predigten: daß keine wesentliche Änderung in sozialistischer Richtung möglich sei, bis sich die Anzahl der Kapitalisten nicht durch ihre gegenseitige Konkurrenz verringert habe.

Ganz außerhalb ihrer Betrachtungen ließen sie die Tatsache, die in allen Industrieländern heutigentags so augenfällig ist, daß die englischen, französischen, belgischen und andern Kapitalisten vermittels der Leichtigkeit, Völkern die eine unentwickelte Industrie haben, auszubeuten, heute die Arbeit von Hunderten von Millionen von Menschen in Osteuropa, Asien und Afrika, kontrollieren. Das Resultat ist, daß die Anzahl jener Menschen, die von der Arbeit anderer leben, in den Hauptindustrieländern Europas sich durchaus nicht allmählich vermindert. Weit entfernt davon, nimmt sie stetig und zwar in erschreckendem Verhältnis zu. Und mit der Vermehrung dieser Zahl nimmt auch die Anzahl jener Menschen zu, die ein Interesse an der Verewigung des kapitalistischen Staatssystem haben. Und schließlich bekämpften die Sprecher der politischen Agitation für die Eroberung der Macht im bestehenden Staate alles aufs bitterste, daß ihren Aussichten, zu politischer Macht zu gelangen, schaden könnte. Alle jene, die es gewagt hatten, ihre parlamentarische Taktik zu kritisieren, schlossen sie von den Internationalen Sozialistischen Kongressen aus. Sie mißbilligten Streiks, und später, als die Idee des Generalstreiks selbst ihre Kongresse durchdrang, bekämpften sie diese Idee in der wildesten Weise mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln.

Volle vierzig Jahre ist eine solche Taktik verfolgt worden, aber heute ist jedem einzigen klar geworden, daß die Arbeiter in ganz Europa genug davon haben. Viele wenden sich mit Widerwillen davon ab. Und das ist der Grund dafür, daß wir gegenwärtig soviel zu hören bekommen vom „Syndikalismus“. Jedoch auch die andere Strömung, diejenige, die den direkten Kampf der Arbeiterklasse gegen das Kapital vertrat, entwickelte sich während dieser vierzig Jahre weiter; sie entwickelte sich trotz alter Verfolgungen von Seiten der Regierung und trotz aller Denunziationen der kapitalistischen Politiker. Außerordentlich interessant würde es sein, die stetige Entwicklung dieser Strömung zu zeichnen und ihre intellektuellen wie persönlichen Beziehungen mit den politischen sozialdemokratischen Parteien einerseits, den Anarchisten andererseits zu analysieren. Aber noch ist die Zeit nicht da für die Veröffentlichung eines solchen Werkes, alles in allem genommen, ist es vielleicht auch besser, daß es noch nicht geschrieben wird. Es würde die Aufmerksamkeit persönlichen Einflüssen zuwenden, während es der Einfluß der großen Strömungen modernen Denkens und das Wachsen des Selbstbewußtseins unter den Arbeitern Amerikas und Europas ist, eines Selbstbewußtseins, das sie unabhängig von ihren intellektuellen Führern macht, dem besondere Beachtung geschenkt worden müßte, um eine wirkliche Geschichte des Syndikalismus schreiben zu können.

Alles, was wir jetzt darüber zu sagen haben ist, daß vollständig unabhängig von den Lehren der Sozialisten durch die bloße Tatsache, daß in den großen Industriezentren Arbeitermassen zusammengeballt wurden und dadurch daß diese Massen die Tradition ihrer Berufsorganisationen aus vergangen en Zeiten aufrecht erhielten, sie sowohl offen wie geheim Vereinigungen organisierten und weiter ausbauten, die die wachsende Ausbeutung und den Stolz der Unternehmer zügelten. Und im gleichen Verhältnis, in dem die organisierten Arbeitermassen größer und stärker und sich bewußt wurden des großen Kampfes, der seit der großen französischen Revolution der eigentliche Lebensinhalt der zivilisierten Völker ist, wurden ihre antikapitalistischen Tendenzen klarer und bestimmter.

Während der letzten vierzig Jahre, in denen von den politischen Führern in den verschiedenen Ländern alle möglichen und ausdenkbaren Anstrengungen gemacht wurden, alle Revolten. der Arbeiter zu verhindern und jene, die einen bedrohlichen Charakter zeigten, niederzuwerfen, gerade in diesen vierzig Jahren sehen wir Arbeiterrevolten sich immer weiter ausdehnen, immer gewaltiger werden und die Absichten der Arbeiter immer klarer zum Ausdruck bringen. Mehr und mehr verloren sie den Charakter bloßer Ausbrüche der Verzweiflung; immer mehr sehen, wir wenn wir Fühlung mit den Arbeitern nehmen, den herrschenden Gedanken ausreifen, der in folgenden kurzen Worten sich zusammenfassen läßt: „Platz, ihr Industrieherren!

Wenn ihr es nicht fertig bringt die Industrien so zu leiten, daß wir unser Leben fristen können und eine gesicherte Existenz in ihnen finden, dann fort mit euch fort, wenn ihr so kurzsichtig und unfähig seid, untereinander zu einem vernünftigen Verständnis zu kommen, so daß ihr über jeden neuen Zwang der Produktion, der euch die größten momentanen Profite verspricht, ungeachtet der Schädlichkeit oder Nützlichkeit seiner Produkte herfallen müßt, wie eine Herde Schafe. Fort mit euch, wenn ihr unfähig seid, eure Vermögen auf andere Weise aufzubauen als mit der Vorbereitung endloser Kriege und ihr ein Drittel aller Güter, die jedes Volk produziert, in Rüstungen verschwenden müßt, die nur dazu dienen, andere Räuber zu berauben! Fort, wenn ihr aus allen den wunderbaren Entdeckungen der modernen Wissenschaft nicht gelernt habt euren Reichtum aus anderen Quellen zu gewinnen, wie aus dem Schmutz und dem Elend, zu dem ein Drittel der Bevölkerung der großen Städte unserer außerordentlich reichen Länder verdammt sind! Fort wenn das die einzige Art ist, in der ihr Industrie und Handel leiten könnt. Wir Arbeiter werden besser wissen, wie die Produktion zu organisieren ist, wenn nur erst wir Erfolg haben bei der Niederringung dieser kapitalistischen Pest!“

Dies waren die Ideen, die in den Arbeiterhäusern der gesamten zivilisierten Welt lebendig waren, die durchdacht und durchsprochen wurden; sie waren der Wurzelboden der ungeheuren Arbeiteraufstände, die wir alljährlich in Europa und in den Vereinigten Staaten in der Form von Dockarbeiterstreiks, Eisenbahnerstreiks, Bergarbeiterstreiks, Weberstreiks usw. kennen lernten, bis sie zuletzt die Form des Generalstreiks annahmen, jenes Generalstreiks, der sich bald zu großen Kämpfen auswüchse die vergleichbar sind dem mächtigen Ringen von Naturgewalten und neben denen die kleinen Kämpfe in den Parlamenten sich ausnehmen wie Kinderspiel.

Während die Deutschen mit roten Flaggen und Fackelschein ihre immer größer werdenden Wahlsiege feierten, arbeiteten die erfahrenen westlichen Völker schweigend an einer viel ernsthafteren Aufgabe: an der inneren Organisation der Arbeiterschaft. Die Gedanken, mit denen diese letzteren Völker sich beschäftigten, waren viel ernsthafterer Natur. Sie fragten sich: Was wird die Folge des unvermeidlichen Weltkonfliktes zwischen der Arbeit und dem Kapital sein? Welche neue Formen industriellen Lebens und gesellschaftlicher Organisation werden diesem Konflikt entsteigen?

Und das ist der wahre Ursprung der syndikalistischen Bewegung, die unwissende Politiker heute als etwas ihnen neues entdecken. Uns Anarchisten ist diese Bewegung nicht neu. Wir begrüßten sie, als ihre Tendenzen im Programm der Internationalen Arbeiter-Assoziation formuliert wurden. Wir verteidigten sie als sie in der Internationale von deutschen politischen Revolutionären, die in dieser Bewegung ein Hindernis auf ihrem Wege zur Eroberung der politischen Macht sahen, angegriffen wurden. Wir rieten den Arbeitern aller Nationen, so zu handeln, wie die Spanier es getan hatten, die ihre gewerkschaftlichen Organisationen in enger Beziehung zu den Sektionen der Internationale hielten. Seit dieser Zeit haben wir mit tiefer Sympathie alle Phasen der Arbeiterbewegung verfolgt und wir wissen, wie immer auch die Zusammenstöße zwischen Arbeit und Kapital in der nächsten Zukunft sein werden, es die syndikalistische Bewegung sein wird, die die Augen der Gesellschaft öffnen wird für die Pflichten, die sie den Produzenten allen Reichtums schuldig sind. Es ist die einzige Bewegung, die denkenden Menschen einen Weg weisen wird, der hinausführt aus dieser Sackgasse, in die die gegenwärtige Entwicklung des Kapitalismus unsere Generation getrieben hat.

Selbstverständlich haben die Anarchisten sich niemals eingebildet, daß sie es waren, die der syndikalistischen Bewegung ihre Auffassung hinsichtlich ihrer Pflichten in der Neuorganisierung der Gesellschaft gegeben hätten. Niemals haben sie den absurden Standpunkt vertreten, die Führer der großen Geistesbewegungen zu sein, welche die Menschheit zu einer fortschrittlichen Entwicklung führen. Aber was wir im vollen Sinne des Wortes für uns in Anspruch nehmen können, ist die Tatsache, daß wir von Anbeginn an die ungeheure Bedeutung jener Ideen erkannten, die heute die Hauptziele des Syndikalismus ausmachen. Das sind die Ideen, die in England entwickelt worden sind von Godwin, Hodgskin, Grey, und deren Nachfolgern und in Frankreich von Proudhon: die Idee, daß Arbeiterorganisationen für Produktion, Austausch und Verteilung die Stelle der bestehenden kapitalistischen Ausbeutung und des Staates einnehmen müssen. Und daß es Pflicht und Aufgabe der Arbeiterorganisationen ist, die neue Form der Gesellschaft auszuarbeiten.

Diese beiden fundamentalen Ideen sind nicht unsere Erfindung; sie sind niemandes Erfindung. Das Leben selbst hat sie der Zivilisation des neunzehnten Jahrhunderts aufdiktiert. Und unsere Pflicht ist es nun, sie in die Wirklichkeit umzusetzen. Aber unser Stolz ist es, daß wir sie begriffen, daß wir sie verteidigt haben in jenen dunklen Jahren, da sozialdemokratische Politiker und Pseudophilosophen sie unter die Füße getreten haben, und daß wir treu zu ihnen stehen, heut wie damals.

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