News - 26.01.09
von AE
Die Reynaud-Affäre
Der Fall eines Briefträgers und CNT-Gewerkschafters in Marseille: Ein Fall voller Ungereimtheiten und widersprüchlicher Aussagen! Nach Meinung von La Poste ist die Sache erledigt. Zwei Jahre Suspendierung, Punkt.
Der rebellische Briefträger jedoch legte im vergangenen Jahr Widerspruch ein. Am heutigen 26. Januar fand die Anhörung vor dem zuständigen Verwaltungsgericht statt. Der Anwalt auf Seiten der CNT-PTT nahm die willkürliche Konstruktion des "Ermittlungsberichts" auf's Korn, mit dem La Poste die Serges Suspendierung rechtfertigen will.
Zunächst war Serge Reynaud vorgeworfen worden, ohne Genehmigung eine Rede gehalten und seine KollegInnen aufgerufen zu haben, in das Gebäude der Regional-Direktion von La Poste einzudringen - all das während eines Streiks im Mai 2008. Außerdem soll er bei der "Erstürmung" eine Sicherheitstür aus den Angeln gehoben haben.
Da all das - Bestandteil eines normalen Streiks - zu wenig Gewicht hatte, um die Entlassung eines Postbeamten zu rechtfertigen, hat man in der Marseillaiser Regionaldirektion in den Archiven gestöbert. Die Suchenden fanden Aufzeichnungen über eine verbale Auseinandersetzung mit einer Vorgesetzten, die mehrere Wochen zurücklag. Mit diesen Unterlagen wollten sie dem Dossier mehr Gewicht verleihen, konnten sich einer kleinen Manipulation aber nicht enthalten: Aus dem Wortgefecht Anfang März 2008 - wiederum während eines Streiks - machten sie einen körperlichen Angriff! Nicht mehr, nicht weniger.
Dumm nur: Wenn sich das so zugetragen hätte, wäre unser Briefträger stehenden Fußes suspendiert worden. Aber vorerst steht diese Behauptung nun in den Akten. Denn für La Poste geht es vor allem darum, sich eines störenden Gewerkschafters zu entledigen - und zwar vor einer möglichen Mobilisierung der Belegschaft gegen die Privatisierung von La Poste. Da sind die Mittel beliebig...
So traten Führungskräfte als Zeugen auf, die zum "Tatzeitpunkt" nicht vor Ort waren. Im übrigen fand sich unter diesen "Verantwortungsträgern" auch der Spitzenkandidat des MNR (Mouvement national républicain; Abspaltung vom rechtsextremen Front national). Dazu erübrigt sich jeder Kommentar. Die einzig wahren Augenzeugen waren einfache Angestellte, die keinen der Vorwürfe gegen Serge Reynaud bestätigen können. Die Aussage eines leitenden Angestellten, der nicht vor Ort war, zählt eben mehr als die eines Augenzeugen und Briefträgers...
Derweil wurde von Seiten der CNT eine Strafanzeige wegen Meineids gestellt. Sie schenken uns nichts, und die CNT wird der Poste nichts schenken. Hinter dem Angriff auf Serge steht der Wille, die gesamte Poste-Belegschaft einzuschüchtern. Die Chef-Etage von La Poste träumt davon, die Belegschaft unterworfen und servil und die Gewerkschaften auf Knien zu sehen. Die Chef-Etage will den Gewerkschaften ihre eigene Vision von Gewerkschaftsbewegung diktieren, die freilich nicht die unsere ist. All das ist nur ein Vorgeschmack auf das, was im Zuge einer Privatisierung auf die Beschäftigten von La Poste zukommen mag.
Der Verwaltungsrichter wollte sich heute nicht auf eine Frist festlegen, in der er seinen Spruch fällen werde. Will heißen: Eine wirklich vertrackte Sache, für die bürgerliche Justiz allemal.
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