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News - 14.10.08 von AE

Serge wird nicht entlassen

... aber La Poste plant weitere schwere Sanktionen!

Seit langer Zeit bereits will das Poste-Management das „Fürstentum Bouches du Rhône“, wie es die Bastion der Post-Beschäftigten nennt, schleifen. Der Streik vom Mai 2008, der sich auch in der Postfiliale Marseille Colbert 01 gegen das Programm „Briefträger der Zukunft“ richtete, war für die Unternehmensführung wohl eine Störung zu viel: Für das Management ist es, in Zeiten da sich das Unternehmen auf den Börsengang vorbereitet, an der Zeit, diejenigen zum Schweigen zu bringen, die sich den Umstrukturierungen widersetzen – an der Zeit, ein Exempel zu statuieren, um den Widerstand, wenn schon nicht zu brechen, so doch zu schwächen.

Für dieses Unterfangen soll Serge Reynaud, bei dem sich La Poste bereits seit Jahren revanchieren will, den perfekten Sündenbock abgeben... So erstellte die Chef-Etage ein ebenso dünnes wie schlecht geflicktes Dossier – aber die Qualität ist egal, denn in einem internen Tribunal stellt La Poste den Ankläger, den Ermittler und den Richter. So wurde der zentrale Disziplinarrat für den 10. September 2008 zusammengerufen: La Poste verlangt die Entlassung eines Briefträgers und Gewerkschaftsaktivisten aufgrund von Streikaktivitäten, die aus dem Kontext gerissen wurden, um als Gewalttaten zu erscheinen.

Gewalttaten, die so beträchtlich und unvorstellbar sind, dass unser gefährlicher Briefträger seit der Feststellung der Tatsachen ... seine Arbeit weiterhin erledigt. Ungeachtet des gesamten Arsenals legaler Repressalien und entgegen jedweder interner Logik, wird Serge Reynaud nicht vorbeugend von seinen Funktionen entbunden: Über drei Monate hinweg ließ La Poste ein mutmaßlich gefährliches Individuum sechs Tage die Woche für sich arbeiten, in einem solch vertraulichen Bereich wie der Briefzustellung. Glücklicherweise hat Reynaud niemanden einen Schaden zugefügt, La Poste hätte dann nämlich ihrerseits eine Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung riskiert.

Die erste Disziplinarratssitzung am 10. September

Am 10. September verweigerten die BelegschaftsvertreterInnen dann die Teilnahme am Disziplinarrat, um gegen dessen Einberufung zu protestieren: Sie verweigerten einer Prozedur die Legitimation, die einen Gewerkschafter wegen Streikaktivitäten sanktionieren sollte. Denn darüber sollte sich niemand täuschen, alle Anschuldigungen seitens La Poste gegen Serge dienen nur dazu, einen politischen Prozess anzustoßen: La Poste will jeglichen Widerstand gegen ihre Umstrukturierung und Privatisierung brechen – sie will ein Exempel statuieren. Das Management versucht, alle einzuschüchtern und in Angststarre zu versetzen, die Forderungen erheben wollen; dies ist seit Jahren Usus, davon zeugen auch die aggressiven, autoritären und willkürlichen Reaktionen auf jede unserer Protestbewegungen, sowohl auf kommunaler als auch auf Landesebene. La Poste hat die Nase voll von uns und will ihre Pläne in Ruhe umsetzen, in der Friedhofsruhe eines sozialen Friedens, den sie durchzusetzen entschlossen ist. Die ewig gleiche und immer wiederholte Rede vom „sozialen Dialog“ verfolgt nur das Ziel, die Schläge der Repression seitens La Poste zu übertönen!

Die zweite Disziplinarratssitzung am 26. September

Am 26. September tagte der Disziplinarrat im zweiten Anlauf. Von Diskretion konnte schon im Vorfeld keine Rede mehr sein: Briefe, E-Mails, Anrufe, Faxe, Petitionen und Postkarten gingen über Wochen hinweg im Unternehmenssitz und bei der Filialen von La Poste ein, um gegen das laufende Verfahren zu protestieren und Serge den Rücken zu stärken. Solidaritätsschreiben kamen aus Algerien, Mauritius, Spanien, Polen, Chile, Guinea und vielen anderen Ländern. Am Tag, da der Disziplinarrat tagte, gab es Soli-Kundgebungen in Marseille, Perpignan, Toulouse, Bordeaux, Lyon, Aubenas, Lille und Grenoble – aufgerufen hatten die CNT und SUD, teilweise aber auch die CGT oder alle Gewerkschaften gemeinsam, wie z.B. in Marseille. In Paris fand die Kundgebung direkt vor dem Gebäude statt, in dem Serge der „Prozess“ gemacht wurde, Musik und Slogans waren bis in den Sitzungssaal zu hören. Die Sitzung dauerte insgesamt neun Stunden. Hat unsere Mobilisierung zur Verteidigung Serges Früchte getragen, oder hatte die Unternehmensleitung in Bouches du Rhône einen taktischen Fehler gemacht als sie gegen einen ihrer Angestellten die schwerwiegendste Sanktion – die Entlassung – in Anschlag brachte, aber schlecht begründete? Hält La Poste nun einen mit Scheiße beschmierten Schlagstock in Händen, den sie nicht mehr recht fassen kann, der aber einen unermesslichen Gestank verbreitet, und all das in dem Moment, da sie zum Schlag gegen einen von uns ausgeholt hat? Wie dem auch sei, die Entlassung wurde nicht genehmigt, aufgrund des einheitlichen Votums! Bei den Belegschaftsvertretern überrascht das nicht. Aber selbst das Management von La Poste hat ihren Marseiller Ableger im Regen stehen lassen und einer Entlassung nicht zugestimmt.

Das angekündigte soziale Aus

Nichtsdestotrotz ist Serge noch nicht gerettet. La Poste verlangt die zweitschwerste Sanktion: Zwei Jahre Suspendierung! Dies würde das soziale Aus für unseren Genossen bedeuten. La Poste lässt also nicht ab von ihrer Beute, ganz wie ein aufgeputschter Pitbull. Anscheinend ist es der Pariser Zentrale unmöglich, eine ihrer Regionaldirektionen öffentlich vollkommen zu diskreditieren und auch nur ein Zeichen der Schwäche zu zeigen angesichts unserer Solidarität und Entschlossenheit. Von der Suspendierung wollten die Vertreter der Poste nicht abgehen, und die VertreterInnen der Belegschaft verweigerten ihre Zustimmung – so entstand ein Patt im Disziplinarrat von 4 zu 4. Die endgültige Entscheidung kommt nun der Unternehmensleitung und ihrem Vorsitzenden, Bailly, zu, deren Stimme Gesetzeskraft haben wird. In der zweiten Oktoberhälfte wird das Verdikt gefällt werden... La Poste will einen großen Coup landen, damit wir uns sich morgen nicht mehr organisieren und kämpfen können. Angesichts dieser Drohungen kennen wir nur eine Antwort: Solidarität!


Quelle: CNT-PTT

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