Wer wählt, hat seine Stimme bereits abgegeben

Ein neues Schuljahr hat begonnen, und es werden - wie jedes Jahr - die KlassensprecherInnen gewählt. An manchen Schulen wird sich die SV schon ziemlich bald zusammenfinden, an anderen Schulen, vermutlich der Mehrzahl, findet die erste SV erst nach einigen Wochen oder gar Monaten statt und wird für den Rest des Jahres so vor sich hindümpeln.

Was viele PolitikerInnen immer wieder verhohlen "Politikverdrossenheit der Jugend" nennen, läßt sich aus deren Sicht eigentlich recht einfach erklären: "Wozu soll ich mich engagieren, es passiert ja eh´ nichts." Ein Satz, den die wenigen, die sich doch immer wieder aufraffen, um etwas auf die Beine zu stellen, schon lange nicht mehr hören können. Es ist tatsächlich schwierig, in den vorgeschriebenen SV-Strukturen etwas zu verändern. Die minimalen Rechte, die SchülerInnenvertreterInnen zugestanden werden, verhindern eine wirksame Mitbestimmung. Von einer SchülerInnenselbstbestimmung ganz zu schweigen...

Wer sich nicht bewegt...

Der großen Mehrheit an jeder Schule - nämlich den Schülerinnen und Schülern - ist es unmöglich, Einfluß auf Entscheidungen zu nehmen, die sie unmittelbar betreffen. Eine Mitbestimmung ist bei so fundamentalen Fragen wie

gänzlich ausgeschlossen.

Diese Fragen werden nicht von den Betroffenen selbst beantwortet und in die Tat umgesetzt, sondern sie werden von außen entschieden und den SchülerInnen aufgedrückt. Aber hier hört die Entmündigung noch nicht einmal auf. Solange "Demokratie" nur auf dem Papier steht und nicht aktiv von allen Menschen mitgestaltet wird, wie diese dies für richtig halten, bleibt sie nichts anderes als eine Scheindemokratie. Um diese rechtfertigen zu können und die Leute ruhigzuhalten, ist es ja erlaubt, daß SchülerInnen ihre Interessen vertreten. Aber bitte nur in den genehmigten Strukturen! Auch diese werden nicht von SchülerInnen bestimmt, sondern werden von einigen wenigen Menschen gemacht, die überhaupt nicht die Probleme von SchülerInnen kennen können, da sie schon längst keine mehr sind und ein ganz anderes Leben führen, somit auch andere Probleme und Bedürfnisse haben. Mal abgesehen davon wissen SchülerInnen selbst am Besten, welche Probleme sie haben und wann sie was wie machen wollen. Insofern ist eine SchülerInnenmitbestimmung das Mindeste, das es durchzusetzen gilt; anzustreben ist eine Selbstbestimmung bezüglich der oben gestellten Fragen.

...spürt seine Fesseln nicht

SVen sind von ihrer Struktur her autoritär und hierarchisch aufgebaut. Die allermeisten SchülerInnen werden von der SV-Arbeit gänzlich ausgeschlossen. Nur KlassensprecherInnen, die in der Regel nach Beliebtheit, nicht aber Fähigkeit, gewählt werden, dürfen mitmachen und Entscheidungen treffen. Dadurch, daß Wahlen stattfinden, fühlen sich die allermeisten WählerInnen (die Mehrheit) nicht mehr zuständig für das, was in der Schule vor sich geht und was um sie herum mit ihren MitschülerInnen passiert. Der/Die planlose SchülerIn ist keine Seltenheit... Das Abgeben von Verantwortung durch Wahlen ist ein Phänomen, das sich nicht nur in der Schule findet. Auch bei vielen Erwachsenen erschöpft sich die gesellschaftliche Mitbestimmung bei einem Kreuzchen alle vier Jahre. Innerhalb der SV werden wieder VertreterInnen für ein Jahr gewählt. Nachdem der/die SchulsprecherIn gewählt wurde, kann er/sie ein Jahr lang Faxen machen. Nicht, daß das grundsätzlich geschieht, aber es wäre sinnvoller, eineN VertreterIn viel stärker an die Beschlüsse der GesamtschülerInnenschaft zu binden. Sollten deren Interessen und Beschlüsse nicht wirklich vertreten werden, muß es möglich sein, eineN VertreterIn sofort abwählen zu können (imperatives Mandat).

Da es für SchülerInnen auch noch ein Leben und somit Probleme außerhalb des Schulgebäudes gibt, muß eine Interessenvertretung von und für SchülerInnen auch diese Probleme aufgreifen. Themen wie Wehrpflicht, finanzielle Abhängigkeit von Eltern, Benachteiligung von SchülerInnen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Nationalität, Behinderung, etc. müssen von einer SV aufgegriffen und diskutiert werden, um dann politischen Druck ausüben zu können.

Von alleine kommt nichts

Wichtig ist, daß sich möglichst viele engagieren, denn es sind ja nicht nur die VertreterInnen betroffen, sondern eben viel mehr. Dadurch gewinnt eine Forderung auch an Stärke. Eigene Bedürfnisse sind zu äußern, um zusammen mit Gleichbetroffenen eigene Interessen gegen vorhandene Widerstände durchsetzen zu können. Wer ein Problem hat und sich umguckt, wird ziemlich schnell feststellen, daß er/sie häufig nicht die einzige betroffene Person ist. In diesem Zusammenhang ist es sicherlich sinnvoll, sich mit SVen von anderen Schulen, Gewerkschaften, sonstigen Interessengemeinschaften und anderen Betroffenen zusammenzutun. Gesellschaftsverhältnisse waren schon immer im Wandel und sind auch jetzt veränderbar. Wenn die starren, von außen auferzwungenen SV- Strukturen umgangen werden, keine Person in irgendeiner Weise ausgegrenzt wird und eigene Satzungen und Regeln gefunden werden, wäre es doch gelacht, wenn nicht der Ort, an dem 1/4 - 1/3 der Zeit verbracht wird, zugunsten der SchülerInnen verändert werden könnte.

Otto Busse, Linke SchülerInnenAktion (LiSA) Berlin

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