A las Barricadas

Einer der letzten noch lebenden, aus Deutschland stammenden Teilnehmer des Spanischen Bürgerkriegs, zumindest auf libertärer Seite, dürfte Helmut Kirschey sein. Er lebt seit mehr als 60 Jahren in Schweden und ist seit den 50er Jahren schwedischer Staatsbürger. Seine von dem Journalisten Richard Jändel aufgeschriebene Autobiographie ist nun in einer deutschen Übersetzung erschienen.

Kirschey, Jahrgang 1913, entstammt einer seinerzeit bekannten Wuppertaler Arbeiterfamilie. Sein Vater, ein militanter Sozialdemokrat, wird im ersten Weltkrieg getötet. Seiner Mutter gelingt das Kunststück, als Alleinerziehende und Berufstätige nicht nur sechs Kinder durch die Hungerjahre nach dem Weltkrieg zu bringen, sondern sich noch "nebenbei" als KPD-Stadtverordnete in Elberfeld zu engagieren. Sie stirbt 1924 unter mysteriösen Umständen nach einer Operation. Nach dem Ende seiner Schulzeit beginnt Helmut Kirschey eine Lehre als Bandweber, der "Elite" unter den Textilarbeitern. Schon früh ist er politisch aktiv, doch bricht er 1931 aus der kommunistischen Familientradition aus und schließt sich der anarcho-syndikalistischen FAUD (Freie Arbeiterunion Deutschlands) an. Der Stalinismus und der zentralistische Aufbau der KPD, der keine freie Diskussion zuläßt, sind seine Gründe, die Partei zu verlassen. Schon zu dieser Zeit steht sein politisches Engagement ganz im Zeichen des Kampfes gegen den Nationalsozialismus. Kirschey gehört zu den "Schwarzen Scharen", der bewaffneten antifaschistischen "Schutztruppe" der FAUD. Anfang 1933 wird er für 8 Monate in Schutzhaft genommen und emigriert anschließend nach Holland, wo er die nächsten Jahre im Untergrund lebt und die Widerstandsaktionen in Deutschland mitorganisiert.

Nach dem Beginn des spanischen Bürgerkriegs, im Juli 1936, beschließt Kirschey, wie viele andere, nach Spanien zu gehen. "Gehen" ist natürlich ein Euphemismus, denn für einen politischen Flüchtling ist die Reise mit mehreren illegalen Grenzübertritten verbunden.

Es ist heute wohl nicht mehr nachvollziehbar, was es für politische Flüchtlinge nach Jahren des Exils, der Verfolgung, der Illegalität damals bedeutete, nach Spanien zu kommen:

"Für uns war es ein überwältigendes Erlebnis, aus der tiefsten Illegalität in Holland nach Port Bou [Grenzort zu Spanien] zu kommen, wo es nur so wimmelte von Symbolen der CNT-FAI: auf Armbinden, Mützen, Halstüchern und Fahrzeugen. Wir waren so überglücklich, daß wir weinen mußten. Wir konnten kaum fassen, daß dies alles wahr war, daß wir nach Jahren der Untergrundarbeit plötzlich diejenigen waren, die die Macht hatten, daß wir gesiegt hatten. Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben, man müßte schon ein großer Dichter sein, um die richtigen Worte zu finden. Wir waren völlig fertig und sagten immer wieder: "Stellt euch vor, wenn wir das in Deutschland geschafft hätten!" Das wäre auch durchaus möglich gewesen, wenn sich die Arbeiterbewegung nur einig gewesen wäre" (S. 96).

In Barcelona wird das kleine Häuflein der im Exil gegründeten Deutschen Anarchosyndikalisten im Ausland (DAS) mit Aufgaben und Verantwortungen überhäuft. Sie fungieren quasi als Ausländerpolizei mit allen Vollmachten. Sie haben die in Barcelona anwesenden Nazis im Auge zu behalten, Haussuchungen durchzuführen, Waffen und Propagandamaterial zu beschlagnahmen, Ausweisungen zu veranlassen. Daneben dienen sie als Anlaufstelle für alle deutschsprachigen Ausländer und als Postzensur für den Briefverkehr mit deutschsprachigen Ländern.

Dies und die Uneinigkeiten über die Politik der CNT führen zu Konflikten innerhalb der Gruppe: "Das grundlegende Problem war wohl, daß wir deutschen Anarchosyndikalisten uns selbst überschätzten, und das wiederum lag daran, daß wir von Anfang an zuviel Macht hatten. Wir waren die Ausländerpolizei, wir waren die Anlaufstelle für alle Fragen, die Deutschland betrafen, und das stieg manchen von uns zu Kopf" (S. 111).

Kirschey entzieht sich der schwierigen Situation hitziger Debatten über die Durchführbarkeit der sozialen Revolution, indem er Anfang 1937 als Milizionär der Kolonne Durruti an die Front geht. Bei einem Erholungsurlaub in Barcelona erlebt er im Mai 1937 die Straßenkämpfe zwischen Anarchisten und Kommunisten mit. Wenige Tage später wird er, zusammen mit anderen deutschen Anarchosyndikalisten, von Agenten des russischen Geheimdienstes verhaftet und in ein Geheimgefängnis bei Valencia verschleppt, wo er sieben Monate gefangengehalten wird.

Erst im April 1938 kommen Kirschey und seine Mitgefangenen endgültig frei. Mittlerweile hat sich die Lage in Barcelona grundlegend verändert. Die einst mächtige CNT ist nahezu bedeutungslos geworden, die Stimmung ist gedrückt und das Ende des Bürgerkriegs beginnt sich deutlich abzuzeichnen. Da für seine Sicherheit nicht mehr garantiert werden kann, verläßt Kirschey Spanien und kehrt über Paris nach Holland zurück. In Anbetracht des bevorstehenden Krieges erscheint aber ein weiterer Aufenthalt dort als perspektivlos. Das Angebot der schwedischen Syndikalisten von der SAC (Sveriges Arbetares Centralorganisation), die deutschen Genossen aufzufangen, wenn es ihnen nur gelänge, sich nach Schweden durchzuschlagen, veranlaßt ihn, mit falschem Paß auf dem Seeweg über Antwerpen nach Göteborg zu reisen.

Die ersten Jahre in Schweden sind "eine kleine Hölle", wie Kirschey rückblickend feststellt.. Die ständige Drohung, als unerwünschter Ausländer nach Nazideutschland abgeschoben zu werden, Überwachung, Hausdurchsuchungen, Razzien, Festnahmen, Internierungslager, auf der anderen Seite nach Kriegsausbruch die Gefahr, daß die Wehrmacht Schweden überfällt... Dennoch ist Kirschey auch hier im Widerstand aktiv, schmuggelt mit Hilfe schwedischer Eisenbahner Flugblätter in die "Urlaubszüge", in denen Wehrmachtssoldaten Schweden durchqueren. Erst mit der Wende im Krieg beginnt sich auch seine persönliche Situation zu bessern. 1943 erhält er seine erste Arbeitserlaubnis, doch durch sein unliebsames politisches Engagement zögert sich seine Einbürgerung bis 1955 hinaus, obwohl er längst eine Schwedin geheiratet, eine Familie gegründet hat.

Seine erste Deutschlandreise nach dem Krieg, im Jahr 1949, fällt ernüchternd aus: "Alle meine Freunde hatten im KZ und im Zuchthaus gesessen, ausnahmslos alle. Was sie in den Kellern der Gestapo durchgemacht hatten, kann nur der ermessen, der es selbst erlebt hat. Verglichen mit ihnen war es mir gut gegangen. Die meisten von ihnen waren sehr deprimiert und sahen alles schwarz in schwarz, sie hatten nicht die geringste Spur von Zuversicht, was die Zukunft anging. Es war kein Wunder, daß sie es so empfanden. Der Nationalsozialismus war zwar besiegt, aber die alten Nazis erhielten entweder eine staatliche Rente oder durften auf ihren hohen Posten bleiben, ungeachtet der Tatsache, daß das Naziregime zusammengebrochen war (..) Diejenigen, die aktiv gegen den Nationalsozialismus gekämpft hatten, bekamen überhaupt nichts, weder Rente noch irgend eine Form von Wiedergutmachung für ihre Leiden" (S. 188).

Damit zerschlagen sich auch Kirscheys Pläne, jemals wieder in dieses Land zurückzukehren: "Während der ganzen Nazizeit hatte ich geplant, nach Deutschland zurückzugehen, sobald der Nationalsozialismus zerschlagen war. Aber als ich gesehen hatte, was in Wuppertal los war, verzichtete ich dankend – ich hatte hier nichts mehr verloren" (S. 190).

Helmut Kirschey betont in seinem Buch immer wieder, Pragmatiker zu sein. Theorien und ideologische Auseinandersetzungen interessieren ihn weniger. Diese Haltung ist mit ein Grund dafür, daß er 1956 die SAC verläßt. Das faktische Verschwinden des Anarchosyndikalismus als internationale Bewegung in den Jahren des kalten Krieges, die unproduktiven Querelen innerhalb der IAA über das richtige Verhalten während des spanischen Bürgerkrieges, aber auch die zunehmend nichtrevolutionäre, nur-gewerkschaftliche Haltung der SAC ("die Organisation ist in erster Linie syndikalistisch, während ich Anarchosyndikalist war", S. 201) veranlassen ihn zu diesem Schritt, vor allem aber wohl seine Überzeugung, die syndikalistischen Revolutionsvorstellungen würden der modernen Realität nicht mehr gerecht. .

Auch in den letzten Jahrzehnten ist Kirschey in unterschiedlichen Zusammenhängen politisch aktiv geblieben, unter anderem im Verband der schwedischen Spanienfreiwilligen, die nach einer langen Periode der Verleumdung und Mißachtung ab den 70er Jahren allmählich als "Kämpfer für Demokratie" anerkannt wurden.

Als engagierter Antifaschist ist Kirschey erst in den 90er Jahren in größerem Maße wahrgenommen und gewürdigt worden, was sich vor allem in Einladungen zu den diversen Jahrestagen und Gedenkfeiern in Spanien wie auch in seiner Heimatstadt Wuppertal niederschlug:

"Wenn ich mein Leben heute zusammenfassend betrachte, das Schicksal meiner Familie und alles, was der Kampf gegen den Faschismus mich und meine Familie gekostet hat, in Form von Gefängnis und Gewalt, bin ich immer noch der Überzeugung, daß der Kampf sinnvoll war. Könnte ich mein Leben noch einmal leben, würde ich im großen und ganzen wohl nicht anders handeln" (S. 226).

Das Buch besticht durch einen nüchternen, klaren, unprätenziösen Stil, der es möglich macht, die Gedanken Kirscheys nachzuvollziehen, ohne daß man sie im einzelnen immer teilen muß. Auch was rein historische Informationen betrifft, ist das Buch aufschlußreich. Zwar gibt es mittlerweile einige Untersuchungen zum anarchosyndikalistischen Widerstand gegen den Faschismus, doch abgesehen davon, daß auf dieses Kapitel nicht oft genug hingewiesen werden kann, enthält das Buch auch insofern Neues, als gerade über die deutschen Anarchosyndikalisten im Exil bisher relativ wenig bekannt ist.

 

Helmut Kirschey, "A las Barricadas". Erinnerungen und Einsichten eines Antifaschisten. Aufgeschrieben von Richard Jändel. Herausgegeben, eingeleitet und bearbeitet von Andreas G. Graf und Dieter Nelles, Achterland Verlagscompagnie, Bocholt/Bredevoort 2000, 230 S., 32 DM

 

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