Bildung im globalisierten Kapitalismus
Der Begriff der Globalisierung
Der Begriff Globalisierung ist, und das schon seit mehreren Jahren, in aller Munde. Er beschreibt eine Entwicklung, die sich über die Grenzen der Nationalstaaten hinwegsetzt. Was aber an Substanz hinter diesem Begriff sich verbirgt, ist schwer zu bestimmen, da er zum Modewort geworden ist, das sich auf das Internet, den Börsenhandel oder die Vereinten Nationen beziehen kann. Dadurch wird einerseits verdeutlicht, wie komplex die Vorgänge in weltgesellschaftlichen und weltwirtschaftlichen Prozessen sind. Andererseits wird seine sinnvolle Verwendung dadurch erschwert, da unklar bleibt, was sich inhaltlich hinter dem Begriff der Globalisierung verbirgt. Darüber hinaus muß die Frage gestellt werden, in welchen Fällen der Begriff nur zu Propagandazwecken genutzt wird.
Kommunikationsrevolution
Seit geraumer Zeit findet durch die Benutzung von Computern eine Veränderung der Kommunikationstechnologie statt, die so weitreichend zu sein scheint, daß sie als "Kommunikationsrevolution" gedeutet wird. Durch die Verschmelzung von Telekommunikation und Computern wird die Globalisierung der Wirtschaft, die alle Länder mit ihren Netzen überzieht, erst möglich, ähnlich wie die Dampfmaschine Voraussetzung für die Industrialisierung gewesen ist.
Wirtschaftliche Globalisierung
In diesem Zusammenhang ist auch die Lüge von der Informationsgesellschaft entstanden, in der es nur noch mündige Weltbürger gibt, die über Bill Gates’ Internet alles erfahren, was sie interessiert und sich so über die Grenzen hinweg freundschafltich umarmen. In Wirklichkeit dienen die neuen Kommunikationsmedien der Erschließung neuer Märkte und der totalitären Ausdehnung der Gesetze des Weltmarktes. Die Globalisierung, wie sie betrieben wird, ist ein Instrument der Wirtschaft, die sich nun tatsächlich, seit der sogenannte Kalte Krieg entschieden ist, über alle Grenzen hinwegsetzt. Anzunehmen, diese Grenzen würden verschwinden und eine einheitliche, eine friedliche Welt zurücklassen, ist jedoch naiv. Denn Globalisierung bedeutet vor allem auch Ausschließung. Die Folgen spüren zuerst die Schwächsten: In Deutschland die MigrantInnen und SozialhilfeempfängerInnen. Auch die Bildung ist diesem Diktat von wirtschaftlichen Sachzwängen unterworfen.
Sachzwang Globalisierung
Viele KritikerInnen dieser Entwicklung sehen die Lösung in der Rückkehr zur sogenannten Sozialen Marktwirtschaft. Der Staat soll sich den Konzernen gegenüber stark zeigen und seine BürgerInnen beschenken. "Umverteilung" ist das entsprechende Stichwort. Durch die Globalisierung jedoch haben Konzerne immer mehr Möglichkeiten zu bestimmen in welchem Land sie ihre Gewinne erzielen. In dieser Konkurrenz der Standorte muß jedes Unternehmen den für ihn günstigsten Ort, d.h. den Standort, an dem am meisten Gewinn zu erzielen ist, wählen, da es sonst auf dem Weltmarkt selbst nicht bestehen kann. Kosten, wie Abgaben, Sozialleistungen und Löhne sind also so gering wie möglich zu halten. Staaten wurden von Anfang an zu dem Zwecke geschaffen, den materiellen Vorteil von wenigen auf Kosten von allen Anderen zu garantieren. Kein Staat kann daher anders, als sich den Bedingungen des Weltmarktes zu unterwerfen, die eben diesem wirtschaftlichen Prinzip entspringen, das die Existenz von Staaten begründet.
Logisch bleibt eine solche Politik jedoch nur, solange sie sich innerhalb dieses Systems bewegt, daß den materiellen Vorteil von wenigen auf Kosten aller anderen durchsetzt.
Folgen für die Bildung
Welche Folgen für die Bildung entstehen dadurch, daß sie den Zielen der Globalisierung unterworfen wird? Bildung hat in den Ländern, die von der Globalisierung profitieren, die Aufgabe den globalisierten Menschen zu schaffen. Das setzt Eigenschaften wie Flexibilität, Mobilität und den Willen zur persönlichen Bereicherung, sowie ein zur Produktion geeignetes Fachwissen voraus. Da sich die Globalisierung gerade durch ständige Veränderung definiert, ist es nicht verwunderlich, daß PolitikerInnen und die Wirtschaft einheilich das lebenslange Lernen fordern. Durch Weiterbildung und Umschulung werden Menschen auf dem neuesten Stand gehalten, werden den veränderten Produktionsbedingungen angepaßt.
"Fremdsprachenkenntnisse" (Englisch, Französisch und immer mehr Japanisch; die Sprachen der "Industrienationen" also) werden gefördert, Auslandsaufenthalte (in den USA, Frankreich ...) unterstützt. Ansonsten wird Bildung immer stärker als Ausbildung, als Befähigung zur Lohnarbeit verstanden und praktiziert. Diese Interpretation von Bildung geschieht meist mit der Zustimmung der zu Bildenden, da sie erkennen, daß diese Bildung ihnen den größten materiellen Nutzen verspricht. Die Bildungsmaschine der globalisierenden Wirtschaft schafft sich ihre willigen Rekruten!
Werte der Bildung
Da jedoch klar ist, daß in Wahrheit nur ein geringer Teil dieser "Gebildeten" tatsächlich davon profitieren wird, hat Bildung auch die Aufgabe, Werte zu vermitteln. Werte, die gewährleisten sollen, daß dieses System weiterhin von seinen Opfern getragen wird. Solche Werte sind z.B. Hörigkeit gegenüber Autoritäten, Agression gegen Schwächere oder das Einschwören auf die Nation, die Volksgemeinschaft oder allgemeiner Sitte und Moral.
Globale Bildungspolitik exemplarisch: Der ERT
Natürlich findet gemäß den "Sachzwängen" der kapitalistischen Logik eine enge Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft, zwischen Staat und Kapital also, statt – auch im Bildungsbereich. Ein Vorgang, der alles andere als geheimnisvoll und verschwörerisch ist, sondern vielmehr offen zu Tage liegt.
Deutlich wird das u. a. am Beispiel des Europäischen Industriekreises (kurz: ERT für "European Round Table of Industrialists"). Der ERT wurde 1983 von den Firmen Fiat und Volvo gegründet, heute sitzen dort die fünfundvierzig größten europäischen Konzerne.
Der ERT mischt sich erfolgreich in alles ein, was auf irgendeine Weise der Wirtschaft nutzen könnte, durch regelmäßige Treffen mit EU-Funktionären, Beeinflussungen auf nationalstaatlicher Ebene und Teilnahme an politischen Entscheidungsgremien – bei den Verhandlungen zum MAI in den OECD-Staaten (vgl. DA Nr. 128) etwa sind immer Vertreter des ERT auf Vorbesprechungen zugegen.
Natürlich ist sich der ERT keines Unrechtes bewußt und propagiert seine Meinungen zu Verkehrs-, Bevölkerungs- und auch Bildungspolitik in bunten Hochglanzprospekten, die für jedeN erhältlich sind.
Der ERT geht davon aus, daß die einzige Ressource Europas der Mensch ist. Dessen Effizienz muß also erhöht werden, um die internationale Konkurrenzfähigkeit der europäischen Wirtschaft zu steigern. Wie geht das? Indem der Mensch zeitgemäß aus-gebildet wird. Der Industriekreis propagiert das "lebenslange Lernen", nicht etwa im klassischen Sinne, sondern in jenem, daß der Mensch mit der Entwicklung von Wirtschaft und Technik Schritt halten muß. Das soll die Bildung leisten, tut es aber nach Meinung des ERT nicht: "Die europäischen Geschäftsleute sind darüber beunruhigt, daß die Bildung immer noch nicht den Anforderungen der europäischen Wirtschaft [...] entspricht." (ERT: Bildung für Europäer, S.11)
In der Broschüre "Bildung für Europäer" entwerfen die Fachleute des ERT daher ein Konzept der "Bildungskette, die vom Kindergarten bis zur Erwachsenenbildung reicht. Jede der Stufen dazwischen hat eine bestimmte Funktion: Die Vorschule erzieht zum "sozialen" Verhalten, die Schule schafft den zukünftigen Bürger und die Allround-Fähigkeiten (jedes Kind muß heute wissen, wie ein Computer funktioniert), Berufsausbildung und Hochschule konzentrieren sich auf die Vertiefung spezifischer Fähigkeiten, die auf dem Markt verwertbar sind, die Erwachsenenbildung dient der Auffrischung und der Erweiterung des verwertbaren Wissens.
Der Mensch, der nicht mehr fähig ist, sich im Sinne der Industrie weiter zu "bilden", ist damit nicht mehr verwertbar, nicht mehr arbeitsfähig, gehört zum "Wohlstandsmüll"(so der Vorsitzende des Nestlé-Konzerns).
Bemängelt wird vom ERT, daß sich die Bildungseinrichtungen zu wenig um die Wünsche der Wirtschaft kümmern. Er ist der Meinung, die Wirtschaft würde einseitig das in der Tat zu starre Bildungswesen unterstützen, ohne entsprechende Gegenleistungen zu bekommen, und wünscht sich daher eine engere Zusammenarbeit zwischen Industrie und Bildungseinrichtungen aller Art. Die Folgen sind absehbar: Schulische und hochschulische Bildung konzentriert sich auf einige wenige Fächer, der nach Wunsch der Industrie vor-gebildete Mensch hat bessere Möglichkeiten der Bildung, Erwachsenenbildung konzentriert sich auf neue Techniken anstatt auf persönliche und gesellschaftliche Emanzipation.
Daß der ERT mit seinen Konzepten Erfolg hat, wurde schon erwähnt. So basiert z.B. das EU-Memorandum zur Hochschulpolitik auf einer ERT-Publikation.
In der Bundesrepublik Deutschland hat in Gütersloh, zwischen Bielefeld und Münster, einer der Multis seinen Sitz, der Mitglied im ERT ist: Die Firma Bertelsmann. Eng an die Bertelsmann-Stiftung angebunden ist das seit Jahren aktive CHE, das "Centrum für Hochschulentwicklung", das die Wünsche der Industrie vor Ort in Zusammenarbeit mit Hochschulen und den entsprechenden Ministerien zu verwirklichen versucht und Rektoren und MinisterInnen dabei hoch willkommen ist.
Weitgehend unbeachtet von Lernenden, an deren aktiver Beteiligung offenbar nur geringes Interesse besteht, und von Lehrenden eher belächelt, werden Kampagnen durchgeführt, beispielsweise zu EDV-Ausstattung, öffentlichem Auftreten oder "Corporate Identity" eines Studienganges, Fachbereichs etc. In den sintflutartig erscheinenden Schriften des CHE-Chefs Detlef Müller-Böling scheint versteckt unter Wortungetümen wie "Bottom-up-Zielentwicklung" und "Personen-Prozeßpromotion" ein konkretes Bild einer Hochschule hervor, die sich vom Staat abgekoppelt und der Öffentlichkeit unkontrolliert in einem Wettbewerb mit anderen Hochschulen um zahlende Studierende und bezahlte Forschungsaufträge befindet. Steuergelder bekommt jene Hochschule noch draufgelegt, die mit wenig Geld viele Absolventen möglichst schnell und arbeitsmarktgerecht ausspuckt, viele bezahlte Forschungsprojekte für die Industrie durchführt, und sich von den Studiengängen trennt, die nicht wirtschaftlich durchgeführt werden können. Jede Hochschule hat ihre Spezialgebiete anstatt eines breitgefächerten Angebotes. Einfluß auf die Hochschule übt formal ein Beirat aus, dessen Mitglieder sich "durch Lebenslauf und derzeitige Stellung in einer besonderen Weise für die Hochschule verantwortlich fühlen". Zusammen mit externen Gutachtern oder Unternehmensberatern, die Leistungen von einzelnen ProfessorInnen, Fachbereichen und ganzen Hochschulen bewerten, bestimmen sie über die Mittelvergabe mit. Und dabei soll auch noch die "Wissenschaftsfreiheit" unbedingt gewahrt bleiben und gleichzeitig der Einfluß der Studierenden gestärkt werden, da sie ja ihres Geldes wegen umworben werden müssen. Die Hochschulverwaltung ist für "Management und Führung" zuständig, "so verstehe ich unter Führung, Ziele zu entwickeln, Werte zu setzen ..." (Müller-Böling).
Bei den Hochschulen bleibt es jedoch nicht: Ebenfalls mit Unterstützung der Bertelsmann-stiftung gründete sich dieses Jahr der "Verein innovativer Schulen". Und, wie zu erwarten, handelt es sich dabei nicht um selbstverwaltete und freie Schulen.
Eine Bildung, die die weltweite Ausbeutung ablehnt und sie nicht in unsere Gesellschaft, unsere Kindergärten, unsere Schulen und Hochschulen und in unsere Betriebe trägt, wäre eine Bildung gegen diese Globalisierung. Eine solche Bildung jedoch, die auf individuelle und gesellschaftliche Emanzipation von ökonomischer Ausbeutung und politischer Unterdrückung abzielt, hat in der heutigen bildungspolitischen Praxis keinen Platz, da unter dem Druck neoliberaler Globalisierung sich alles durch das Nadelöhr ökonomischer Verwertbarkeit zwängen muß. Wenn wir aber eine solche Bildung wollen, müssen wir sie uns gemeinsam erkämpfen.