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OG - 09.04.08 von fauh5

LIP oder die Macht der Phantasie

Montag, 28.04.2008 18:30 Uhr im Kommunalen Kino (KoKi), Sophienstr.2, 30159 Hannover:

LIP oder die Macht der Phantasie (F 2007, Regie: Christian Rouaud, dt., 118 Minuten). Ein Dok-Film über das soziale Experiment in der Uhrenfabrik LIP in der französischen Stadt Besançon (1973-1975) und Vorstellung der Strike-bike-Kampagne (Nordhausen 2007) durch einen Referenten der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft FAU-Braunschweig. Veranstalter: FAU LF Hannover und ATTAC. Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 4 Euro.

Titel: LIP oder die Macht der Phantasie
Originaltitel: Les Lip, L´imagination au pouvoir
Regisseur: Christian Rouaud
Land: Frankreich
Jahr: 2007
Länge: 118 Minuten
Sprachfassung: deutsch


1973 beginnt in der französischen Stadt Besançon ein soziales Experiment. Die renommierte Uhrenfabrik LIP ist in Schwierigkeiten. Nach einem Besitzerwechsel fürchten die Arbeiter um ihre Arbeitsplätze. Aus einem harten Arbeitskampf entwickelt sich das Undenkbare: Zusammen mit den Gewerkschaften beschließen die Arbeiter die Besetzung der Fabrik und übernehmen die Uhrenproduktion in Eigenregie. Ihre Aktion schlägt international hohe Wellen, erfährt aber auch viel Solidarität. Zwei Jahre lang gelingt es ihnen, die Produktion am Laufen zu halten, Konzepte selbstbestimmter und gleichberechtigter Arbeit zu erproben und Entlassungen zu verhindern, bis die Fabrik 1975 zerschlagen wird.

In den sechziger und siebziger Jahren genossen LIP-Uhren in Frankreich einen ausgezeichneten Ruf. Gegründet und zu Weltruhm geführt hatte das Unternehmen ein junger Uhrmacher, Fred Lip, der eine sozial fortschrittliche Lohnpolitik einführte und seine Firma auf dem technologisch neuesten Stand hielt. Les LIP – das bedeutete: Kompetenz, Qualität und Erfolg. Anfang der siebziger Jahre verkennt Fred Lip jedoch die Zeichen der Zeit. Japanische Hersteller haben begonnen, Uhren industriell zu fertigen und kostengünstig auf den Weltmarkt zu bringen. Weil Lip strukturelle Änderungen in der Produktion versäumt, gerät seine Firma in finanzielle Schieflage.

Die Schweizer Uhrenfirma Ébauche S.A. übernimmt daraufhin Leitung und Aufsichtsrat von LIP und feuert den Gründer. Aus der berühmten Uhrenmanufaktur soll ein einfaches Montagewerk für den Schweizer Mutterkonzern werden, unter Beibehaltung des prestigeträchtigen Namens LIP.

Als am 17. April 1973 der von Ébauche eingesetzte Direktor zurücktritt und sich unter den Arbeiter große Angst um den Arbeitsplatz breit macht, entstehen erste Ideen zum Arbeitskampf. Zunächst fordern die Protestler lediglich Lohnfortzahlungen für alle Werksangehörigen. Als ein Handelsgericht die Einstellung der Lohnfortzahlungen für Juni 1973 beschließt und die Arbeiter von einer Kündigungswelle gegen 480 Mitarbeiter erfahren, beginnen härtere Arbeitskampfmaßnahmen. Die Fabrik wird von den Arbeitern besetzt. Das ruft französische Sicherheitstruppen auf den Plan, die das Werksgelände stürmen und dabei äußerst brutal vorgehen. Die Streikenden beschließen daraufhin, "Uhren als Geiseln" zu nehmen, und stellen mehrere tausend Chronometer, Konstruktionsdokumente und Maschinen sicher. Von der Presse wird diese Maßnahme mit Sympathie aufgenommen. Sogar der Bischof von Besançon erklärt sich mit den 1300 LIP-Arbeitern solidarisch.

Schnell entsteht die Idee, die Uhrenproduktion unter dem Slogan "Wir fabrizieren, wir verkaufen und wir bezahlen uns selbst" in die eigene Hand zu nehmen – mit großem Erfolg: Nach sechs Wochen übertreffen die Verkaufszahlen die vorherige Bilanz eines halben Jahres. Die Frage, nach welchen Kriterien die Streikenden diesen Gewinn als Arbeitslohn gerecht unter sich verteilen sollen, wird in Versammlungen intensiv diskutiert. In Aktionskomitees werden kreative soziale Konzepte entwickelt und dabei auch über die Stellung der Frauen zwischen Familie und Arbeitsleben nachgedacht. In welchem Verhältnis sollen gesellschaftliche Arbeit, Familien- und Erziehungsarbeit, Leistung, Hierarchie und die eigentliche Werksarbeit zueinander stehen, und wie kann man diese gerecht bewerten?

Für einen Moment scheint es möglich, dass die Selbstverwaltung der Arbeiter zum Vorbild einer neuen, intensiv gelebten Demokratie werden könnte. Menschen aus ganz Europa reisen nach Besançon, um ihre Solidarität zu zeigen und sich vor Ort zu informieren. Die französische Regierung unter Giscard d’Estaing und Jacques Chirac fürchtet schließlich, dass die Entwicklung bei LIP das gesamte Sozialsystem Frankreichs infizieren könne, und zerschlägt die Bewegung der LIP-Arbeiter und ihr Werk in mehreren Anläufen.

Der Dokumentarfilm von Christian Rouaud erteilt den Aktivisten von damals das Wort. Ihm gelingt eine dichte und spannende Chronologie der Ereignisse, die von den Protagonisten so detailreich und gewitzt erzählt wird, als wäre sie gestern passiert. Für die Beteiligten waren die breite Solidarität in der Bevölkerung und das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den Streikenden prägende Erfahrungen, die bei vielen in ihrem heutigen Engagement nachwirken. Diegesellschafter.de

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