Kommentar - 20.01.07
von fauh8
Das psychiatrische System - eine Diskussion (2.Teil)
In der Ausgabe November/Dezember 2006 (1) erschien in unserer Gewerkschaftszeitung "Direkte Aktion" (DA) ein Interview mit René Talbot, Mitglied des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener und seit Jahren aktiv in der Irren-Offensive, über Probleme der Zwangspsychiatrie. Die erneute Veröffentlichung des Interviews und unserer Erwiderung darauf (2) erfolgt an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung der DA-Teilredaktion "Betrieb und Gesellschaft".
Wo die Wege sich kreuzen...
Eine Erwiderung auf René Talbot
Mit Interesse haben wir(1) das Interview mit René Talbot in der DA 178 gelesen. Wir konnten dabei viele Übereinstimmungen feststellen. Das gilt v.a. für die Darstellung der Notwendigkeit einer Selbstorganisierung von Psychiatrieerfahrenen, aber auch dem Stellenwert, den er Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen beimisst. Zu einigen Kernaussagen haben wir hingegen eine völlig andere Sichtweise.
In der Vergangenheit waren wir häufiger damit konfrontiert, uns innerhalb der eigenen Organisation, in unserem organisatorischen Umfeld, aber auch unseren jeweiligen Lebensbereichen mit Verhaltensweisen von Menschen auseinandersetzen zu müssen, die uns auf schwerwiegende Art und Weise vor Grenzen stellten. Seit drei Jahren beschäftigen wir uns deshalb intensiv mit der Problematik, wie eine Gesellschaft unseren Vorstellungen nach mit verschiedensten Konfliktfeldern umgehen sollte. Einen Teil davon macht genau der Bereich aus, den René Talbot anspricht.
Zentral bleiben für uns als Gewerkschaft dennoch zwei Ansatzpunkte: Zum einen versuchen wir, die Selbstorganisierung der Beschäftigten in der Psychiatrie voranzutreiben, organisieren sich KollegInnen bei uns. Auf der anderen Seite geht es uns um die Frage des staatlichen Zugriffs auf Menschen. Eine Selbstorganisierung Psychiatrieerfahrener können wir nur begrüßen und unterstützen. Konflikte zwischen diesen Gruppen sind aufgrund unterschiedlicher Sichtweisen und Rollen, die sie in der Institution einnehmen, erstmal zwangsläufig. Ein Ausspielen gegeneinander, worauf Talbots Polemik abzielt, zerstört und verhindert hingegen die Möglichkeit, eine notwendige Auseinandersetzung zu führen.
Ganz normal
In erster Linie sehen wir in der Zwangspsychiatrie kein politisches Problem, sondern ein gesellschaftliches. Es ist auch erstmal nicht von Belang, wie Einzelne zu Krankheitsdiagnosen oder Psychopharmaka stehen. Tatsache ist, dass Menschen in Lebenskrisen geraten können, die mehr oder minder stark ausgeprägt sind. Jede/r mag über ganz unterschiedliche Kompensationsmechanismen verfügen. Entscheidend ist, ob, zu welchem Zeitpunkt und wie ein Mensch aufgefangen wird und es von der Person angenommen wird, sobald sich Probleme auftürmen, sich eine Krise anbahnt oder besteht. Da liegt der Knackpunkt.
Eigene Anteile am Hineinmanövrieren in Krisen können nicht einfach ausgeblendet werden. Meistens kommt da viel zusammen: wenn sich Entwicklungen zuspitzen, wenn sich der Blick für die Dinge verengt, wenn die Gedanken über einem Problem kreisen, wenn Zusammenhänge hergestellt werden, die so nicht existieren, wenn Menschen anfangen, ihr Umfeld offenbar grundlos anzufeinden, sichtliche Qualen ausstehen und verängstigt wirken, ohne für Außenstehende ersichtliche Gründe auf etwas einreden, es anschreien, sich Kopfhörer aufzusetzen und doch nicht gegen die Stimme ankommen, die zu ihnen spricht, die sie beschimpft, erniedrigt, von ihnen Dinge verlangt, sie bedroht(2). Ist das real? – Ja, für diejenigen, die es erleben, natürlich. Und für Außenstehende? – Wirkt es bestenfalls sonderlich und fremd.
Was aber, wenn dieser Mensch andere als Bedrohung wahrnimmt, sie nicht nur anfeindet, sich aus Angst in die Enge gedrängt fühlt und meint, er müsse sie abwehren, sie angreifen? Ist das „nerviges“ Verhalten, wie sich René Talbot ausdrückt? Spätestens dann sind andere Menschen mit betroffen. Und damit muss in jeder Gesellschaft umgegangen werden.
Die „Notwendigkeit“ der Diagnostizierung einer Depression würden wir ebenso wenig nur auf die protestantische Arbeitsethik zurückführen; die Ursachen einer solchen Krise sind weitaus vielfältiger. In einer Depression steckt Aggression, nicht nur gegen sich selbst, sondern auch gegen andere (im Extremfalle bis zum, fälschlich so bezeichneten, „erweiterten Suizid“). Die Diagnostizierung einer Krankheit, die an bestimmten, übereinstimmenden Merkmalen festgemacht wird, stellt sicherlich eine Vereinfachung persönlicher und individuell ganz unterschiedlich ausgeprägter Probleme dar. Andererseits gibt es klare und übereinstimmende Merkmale. Leidensdruck wird, egal, um welche Krise es sich handelt, deutlich von den Betroffenen artikuliert. Und in einem solchen Falle brauchen Menschen Hilfe und Unterstützung.
Menschen sind nicht nur Opfer, sondern immer auch Handelnde, mitunter gar TäterInnen(3). Eifersuchtswahn, das Ausleben von Verschwörungstheorien, Gewalttaten gegen andere und sexuelle Gewalt gegenüber Frauen und Kindern sind Realität. Deshalb müssen wir die Ursachen in der Gesellschaft bekämpfen, in der Gewaltverhältnisse immanent sind. Gerade die Darstellung der gesellschaftlichen Zusammenhänge, die zur Entstehung schwerwiegender Probleme in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen, z.B. in der Familie, in Partnerbeziehungen, mit Schule, Beruf, Religion, Armut, Isolation und sozialer Ausgrenzung, führen, haben wir im Interview vermisst(4).
Die Ausgrenzungsfunktion der Stigmatisierung „psychisch krank“ hat er dagegen klar benannt. Ängste vor einer wie auch immer gearteten „Andersartigkeit“ und unerklärlichen Veränderungen im Verhalten spielen unserer Ansicht nach dabei aber eine weitaus größere Rolle als das Herausbrechen der Betroffenen aus dem gesellschaftlichen Leistungswahn. Das zeigt sich nicht zuletzt im Niveau von Akzeptanz und Wertschätzung in Orten, in denen es den Psychiatrien gelungen ist, sich der Bevölkerung zu öffnen. Hier sind Betroffene weitaus weniger in der Außenseiterposition, sondern gehören zur „Normalität“.
Vergleiche, wie sie René Talbot mit dem Zitat von Thomas Szasz anstellt, verbieten sich hingegen von selbst, wenn er die heutige Funktion der Psychiatrie mit der industriellen Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Nazi-Deutschland vergleicht. Die Verbrechen der Nazis werden durch derartige Relativierungen verharmlost! Hinter der Stigmatisierung als „Jude“ stand der Vernichtungswille, nicht die bloße Ausgrenzung. Im Gegensatz dazu werden Menschen in der heutigen Psychiatrie behandelt, um in diese Leistungsgesellschaft wieder integriert zu werden. Stigmatisierungen haben also unterschiedliche Konsequenzen; das muss mitgedacht werden, bevor jemand derartige Vergleiche anstellt.
Abgeschottet?
Eine permanente Verwendung von Begriffen wie Zwangspsychiatrie oder gar die Diffamierung von Beschäftigten als „Folterknechte“ impliziert, dass die Psychiatrie ein Ort ist, der abgeschottet von der Außenwelt existiert, in dem Willkür, Sadismus und Freude an der Gewalt herrschen. Das ergibt ein völlig verqueres Bild. Es gibt keinen anderen Bereich im Gesundheitssystem, der dermaßen stark im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht.
In der Grauzone befinden sich hingegen alle übrigen Bereiche des Gesundheitssystems, in denen ebenso Zwangsmaßnahmen wie lebenserhaltende Maßnahmen oder etwa Freiheitseinschränkungen durch Bettgitter bzw. Fixierung ausgeübt werden, egal ob im Rettungsdienst, in somatischen Krankenhäusern oder in Pflegeheimen. Die Empfehlung von René Talbot, sich als „Menschenrechts-Achtsame“ dem psychiatrischen System „ganz einfach durch die Versetzung auf eine nichtpsychiatrische Station“ entziehen zu können, ist deshalb denkbar ungeeignet.
Nicht in allen Psychiatrien, die wir kennen, haben Veränderungen in gleichem Ausmaße stattgefunden. Noch viel weniger finden sich überall die gleichen Ausgangsbedingungen, gerade auch was die eigentliche Zwangspsychiatrie betrifft(5). Dennoch können zumindest Tendenzen klar benannt werden:
Die Mehrzahl der Menschen begibt sich freiwillig in Behandlung, nur ein Bruchteil wird geschlossen untergebracht(6) und davon wiederum zwangsbehandelt(7). RichterInnen stimmen bei weitem nicht mehr allen von ÄrztInnen beantragten Zwangsmaßnahmen zu. Immer mehr Psychiatrieerfahrene nutzen zudem Vorsorgevollmachten(8) und können so Einfluss auf ihre Behandlung nehmen, treffen Behandlungsvereinbarungen.
Auch die Zusammensetzung des Personals hat sich heute vielerorts grundlegend gewandelt, es sind keine Fleischer mehr, die umsatteln und in die Psychiatrie gehen, um dann 30 Jahre bis zur Rente nach Muster X zu arbeiten. Die Beschäftigten haben heute andere Erwerbsbiographien, arbeiten dort nicht mehr, weil sie nichts Besseres gefunden haben oder weil schon die halbe Familie seit Generationen dort arbeitet. Sie richten sich nicht ein. Die meisten kommen aus somatischen Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen, sind qualifiziert, bringen Offenheit und Initiativgeist, neue Wege auszuprobieren, mit. Tradierte Strukturen sind ihnen ein Gräuel. Viele ÄrztInnen, die wir kennengelernt haben, sind heute mit antipsychiatrischen Positionen vertraut, die Bewegung ist nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen. Vieles läuft heute unkonventionell, problemorientierter und geht weg von Standardherangehensweisen vergangener Tage (9).
Ausblick
Eine Tendenz, die wir seit einigen Jahren feststellen, ist nicht das Weglaufen vor, sondern die Flucht in die Psychiatrie! Durch das Zurückfahren öffentlicher Mittel, z.B. für Frauenhäuser und Anlaufstellen für Nichtsesshafte, Arbeitsmarktgesetze (Hartz) und Gesundheitsreformen, aber auch dem rigiden staatlichen Kurs gegen Flüchtlinge, drängen viele in die Psychiatrie, aus Angst vor Abschiebung, vor gewalttätigen Angehörigen bzw. Zwangsheirat, vor Hunger und Kälte. Darauf müssen wir Antworten finden, womit wir wieder bei den gesellschaftlichen Ursachen wären.
Wir versuchen deshalb, solidarische Strukturen zu entwickeln, die Menschen mit ihren Problemen auffangen, die genannten Ursachen aufheben. Wir halten die Psychiatrie in ihrer Größenordnung schlichtweg für ungeeignet, da sie den Menschen mit ihren unterschiedlichen Problemen nicht gerecht wird und sich neue auftürmen. Dennoch kommen Anlaufstellen, die Entlastung und Schutz für Betroffene und ihr Umfeld gleichermaßen bieten, auch in unseren gesellschaftlichen Vorstellungen vor.
Sinn machen für uns in erster Linie aber nur wohnortnahe Lösungen, die Menschen nicht aus ihrer Umgebung herausreißen, sondern ihnen unter den Bedingungen direkt zur Seite stehen, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen und die zu Problemen führen(10). Als positiv empfinden wir jetzt schon den verstärkten Ausbau von Familientherapien, einer Form, die die Angehörigen mit einbezieht, die vor der Einweisung mit den PatientInnen zusammengelebt haben. Dies macht Sinn, da hier der eigentliche „Drehtüreffekt“ der Psychiatrie entsteht: Die Menschen werden sonst in ihr altes Umfeld entlassen, mit all den ungelösten Problemen und der Destruktivität von (gesellschaftlichen) Bedingungen, die zu den Problemen und zur Einweisung geführt haben.
Ebenso sinnvoll empfinden wir die Schulung der PatientInnen zu ihren Erkrankungen, damit sie Frühwarnsignale erkennen und eigenverantwortlich gegensteuern können.
Am Ende stehen wir aber dann doch vor der Frage, wie sich eine Gesellschaft dazu verhält, wenn Menschen aus einer Krise heraus andere angreifen und darin fortfahren, weil Worte nicht mehr zu ihnen vordringen, sie die Kontrolle über sich und ihre Handlungen völlig verloren haben und jedwedes Eingreifen vergeblich ist. Spätestens hier stoßen auch alle uns bisher bekannten Positionen aus der Antipsychiatrie an ihre Grenze.
FAU Lokalföderation Hannover
Anmerkungen:
(1) Psychiatrieerfahrene (mit Zwangsbehandlung), Angehörige, FreundInnen, (ehem.) LebenspartnerInnen, Bekannte und Beschäftigte in der Psychiatrie bzw. mit Anbindung; i.d.R. Einnahme mehrerer Rollen.
(2) Entwicklung einer paranoiden Schizophrenie.
(3) Psychisch Erkrankte sind lt. Statistik insgesamt nicht gewalttätiger als die Durchschnittsbevölkerung (3% Anteil an Gewalttaten), allerdings bei Differenzierung nach Erkrankungen: über 50% der durch psychisch Erkrankte begangenen Gewalttaten entfallen auf Menschen mit Schizophrenie (haben 10faches Risiko zur Begehung von Gewalttaten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung, v.a. Männer von 20- 40 J. mit systematisierten Wahn und langer Krankheitsdauer ohne Behandlung).
(4) Ausnahme: gesellschaftlicher Leistungsdruck.
(5) Basis: Landesgesetze (PsychKG & MRV-Gesetz), im Ländervergleich gravierende Unterschiede; unterschiedliche Entscheidungen von Gerichten, Strukturen und Leitlinien in einzelnen Kliniken.
(6) Zwangseinweisungen sind bundesweit unterschiedlich: 1-30% der Aufnahmen; häufigste Einweisungsdiagnose: akute Schizophrenie.
(7) Fixierungen bei etwa 1-7% aller Aufnahmen; Zahl der Zwangsmedikationen in etwa gleich bzw. darunter.
(8) Das Bundesministerium der Justiz wirbt selbst für PV und VoVo, nicht unbedingt aus humanistischen, sondern auch ökonomischen Erwägungen (Betreuungsboom nach Einführung des neuen Betreuungsrechts 1992); Staat versucht, ihre Einrichtung aus Kostengründen wieder einzudämmen.
(9) Nach Privatisierungen regelmäßig Rückentwicklungen; Tendenzen gehen schnell in Richtung Verwahr-Psychiatrie; es wird nicht auf Beziehungsarbeit gesetzt, sondern auf die Gewährleistung von Funktionsabläufen; Folge davon: Steigerung der Dosierungen von Psychopharmaka zu beobachten; Zusammensetzung des Personals ändert sich (billigere, weniger qualifizierte Beschäftigte bei sinkendem Personalschlüssel).
(10) Die heutige Psychiatrie konzentriert sich aus kapitalistisch-rationellen Erwägungen in Großkliniken: Es ist billiger, Fachpersonal und PatientInnen an einem Ort zu konzentrieren.
erschienen in der DA Nr.179 Januar/Februar 2007, S.7
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