Kommentar - 22.07.07
von fauh8
Das psychiatrische System – eine Diskussion (3.Teil, 3.3)
von Lissi Bettina Köchling
Dieses Dilemma spiegelt sich auch in den Literaturempfehlungen wieder. Es sind gute und wichtige Bücher dabei, für den Alltag jedoch, im Sinne „Leben mit einer psychischen Beeinträchtigung“- Nichts. Na, auch gut: dann brauchen wir wenigstens nicht schon wieder etwas Ungenießbares auslöffeln.
1) Frauen, Gewalt, Selbstverletzungen, Psychiatrie:
Die Narben der Gewalt,1992, von Judith Lewis Herman, Psychiaterin und Klinikleiterin, nennt die Gemeinsamkeiten „zwischen Vergewaltigungsopfern und Kriegsveteranen; zwischen politischen Gefangenen und misshandelten Frauen“. Dazu muss ich sagen, dass die ersten offiziellen Untersuchungen über Multiple Persönlichkeiten in den USA erfolgten, und zwar aufgrund der Erkrankungen von Vietnam- Veteranen!
Der Krieg gegen die Frauen, 1992, von Marilyn French, feministische Autorin, weist schlüssig nach, dass der Krieg, den Männer gegen Frauen führen, alle Länder und Lebensbereiche erfasst, eine der abscheulichsten Ausprägung, Massenvergewaltigungen als „militärische Maßnahme“, wurde erstmals1992 als Kriegsverbrechen verurteilt
Der Mythos Schönheit, 1991, von Naomi Wolf, Literaturwissenschaftlerin, zeigt handfeste wirtschaftspolitische Interessen auf, die Frauen gezielt verunsichern und ihr kritisches Bewusstsein unterbinden, um sie von Machtpositionen abzuhalten.
Frauen in der stationären Psychiatrie,1998, herausgegeben von Dr. Uta Enders - Dragässer, Mitbegründerin und wissenschaftliche Leiterin der Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Frauenforschung e.V. in Ffm und Dr. Brigitte Sellach, ebenfalls Mitbegründerin der GSF; ein interdisziplinärer Bericht, der „den Abschluss eines innovativen Untersuchungsvorhabens darstellt (...) und der Notwendigkeit und dem Sinn von frauenspezifischen Behandlungs- und Organisationsformen im Bereich der stationären Therapie nachgeht (...)“ Die Autorinnen kommen aus den Fachdisziplinen Medizin, Psychologie und Sozialwissenschaften mit entsprechend unterschiedlichen Theorie- und Denkansätzen. Das Buch ist aber gar nicht theoretisch sondern bestätigt, dass unsere Eindrücke nicht individuell waren/sind.
Das erste Buch dieser Art!
Trotz allem- Wege zur Selbstheilung für sexuell mißbrauchte Frauen, 1990, von Ellen Bass und Laura Davis, die „Schritt für Schritt aus oftmals aussichtslos erscheinenden Situationen weisen wollen (...) Von der Bestandsaufnahme, der Folgen von Missbrauch (...) bis zu Hinweisen für FreundInnen, PartnerInnen, Familienangehörige, BeraterInnen und TherapeutInnen“. Versucht für meinen Geschmack zuviel abzudecken, gibt aber einen Überblick der Vielschichtigkeit des Themas, der lebenslänglichen Folgen für Opfer und deren sozialem Umfeld. Mit umfangreichem Adressen- und Literaturverzeichnis.
2) Medikamente, Psychopharmaka
Schöne neue Psychiatrie, 1996, von Peter Lehmann, „ermöglicht eine fundierte und unabhängige Entscheidung: Psychopharmaka einnehmen oder lieber doch nicht (...) Band 1: Wie Chemie und Strom auf Geist und Psyche wirken, Band 2: Wie Psychopharmaka den Körper verändern. Der Autor aus der antipsychiatrischen Bewegung hat eine beeindruckende Fülle von med.- pharm. Wissen, Fakten, Daten etc. zusammengetragen; in Band 2 finden sich 1677 Quellenhinweise! Ein wertvoller Fundus für misstrauische SchluckerInnen!
Medikamentenbehandlung bei psychischen Störungen,1995, von Asmus Finzen, Prof. Dr. med., Leiter der sozialpsychiatrischen Abteilung der psychiatrischen Universitätsklinik in Basel, „eines der wenigen psychiatrischen Fachbücher, das von Kranken und Behandelnden gleichermaßen zu Rate gezogen wird“ Selbst er findet es „nicht immer ganz leicht, zwischen Medikamentenwirkung und Krankheitssymptomen zu unterscheiden“(S.256). Dieser „Leitfaden für den psychiatrischen Alltag“ ist leicht zu lesen, durchaus mal
- siehe Zitat - unfreiwillig komisch und sogar selbstkritisch. Gibt einen guten Einblick in das Selbstverständnis der „Sozialpsychiatrie“.
Bittere Pillen, 1996, von Langbein, Martin und Weiss, ein „kritischer Ratgeber zu Nutzen und Risiken der Arzneimittel“, 3000 Medikamente und Naturheilmittel werden hier wissenschaftlich bewertet unter der Mitarbeit einer Vielzahl von Krankenschwestern, ÄrztInnen, PharmakologInnen usw. Schon ein Klassiker, seit 1983 immer wieder ergänzt, korrigiert und neu aufgelegt, da Medikamente, die hier unter „abzuraten“ eingestuft werden, tatsächlich aus dem Handel gezogen werden. Gehört in jeden anständigen Haushalt.
3) Antipsychiatrie, Berichte von Psychiatrie - Erfahrenen
Statt Psychiatrie, 1993, Kerstin Kempker und Peter Lehmann (Hg), worin Psychiatrie - Betroffene und ihre UnterstützerInnen aus Europa und Amerika von ihrer antipsychiatrischen Arbeit, den Zielen und Erfolgen (...) berichten. Gemeinsam ist die Ablehnung der Psychiatrie, unterschiedlich die Vorstellungen von Alternativen, die politischen Forderungen und die persönliche Art des Engagements. Sabotiert Schubladenfanatiker, frustriert genealogische Snobs. Übrigens: Trude Unruh ist mit von der Partie!
Teure Verständnislosigkeit, 1998, von Kerstin Kempker, beschreibt „die Sprache der Verrücktheit und die Entgegnung der Psychiatrie. Preis der Verrücktheit ist das Risiko der Psychiatrie und der Verlust der eigenen Sprache; Preis der Anpassung wäre jedoch die Preisgabe der eigenen Identität“.
Der Antipsychiatrie- Verlag und Versand, Togostr. 73, 13351 Berlin, Tel/Fax 030 - 85 96 37 06 hat spezielle Themen wie Weglaufhaus, Soteria, Patiententestament, Betreuungsrecht etc., aber auch Biographien und Erfahrungsberichte bis zu Belletristik im Angebot; bei Interesse Liste anfordern.
Kontaktadressen:
Bundesverband der Psychiatrie- Erfahrenen (BPE)
Thomas- Mann- Straße 41a, 53011 Bonn
Tel.: (0228) 63 26 46 Fax: 65 80 63
E- Mail: bpe @ psychiatrie. de
Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker (BApK)
Adresse, Tel.+ Fax wie BPE
E- Mail: bapk @ psychiatrie.de
Professionelle:
Psychotherapie- Informations- Dienst
Heilsbachstraße 22
53123 Bonn
Tel.: (0228) 74 66 99 Fax 64 10 23
E- Mail: pid @ t- online.de
Bei der Suche nach TherapeutInnen hilfreich, der PID erstellt anhand der erwünschten Kriterien eine Liste der möglichen Behandlungsangebote einer Region. Kostenlos und unverbindlich.
Interessierte können auch im Internet jederzeit anonym Adressen und Tel.-Nummern von BehandlerInnen abfragen:
www.psychotherapiesuche.de
Unter www.psychiatrie.de/kontakt.htm und dem Stichwort „Antipsychiatrie“ sowie (zum Thema Traumafolgen) „http://www.dissoc.de“ könnt ihr auch mehr finden.
Viel Spaß, und: verirrt Euch nicht!!!
Biographisches
Lissi Bettina Köchling, geb. 1953 in der früheren DDR, Einzelkind, frühe Kindheit und Jugend auf den Philippinen und in Argentinien.
Organmedizinisch ernsthaftere Selbstverletzungen ab der Pubertät. Nach Trennung und Scheidung meiner Eltern ‘71 Abitur, seitdem alleinlebend mit Katzen, ohne die ich mir kein Dasein vorzustellen vermag. Politisiert durch den Militärputsch in Chile fand ich ‘74 zur Frauenbewegung und direkt zur cnt/fau, Anarchie war und ist für mich die einzig ehrliche Antwort. Studium „Visuelle Kommunikation“, 15 Jahre als Diplom- Designerin in Werbeagenturen, davon 9 Jahre in einer medizinisch- pharmakologischen Fachagentur.
Erste Psychiatrieerfahrung ‘89; es folgten sechs Weitere; der jeweilige Einweisungsgrund: „Autoaggression“. Kündigung mit allen sozialen Konsequenzen, seit ‘92 EU- Rente, 100% schwerbehindert mit den Merkmalen „G“ und „B“ als „Spätfolge“ früher (sex.) Misshandlungen und späterer psychiatrischer „Be“handlungen. Grundstudium der Medizin und Naturheilkunde, HeilpraktikerInnen- Ausbildung von ‘92-’97. Ohne meine Mutter- meine „Symbiose“- und ihren liebenswerten Mann, der mir seit 25 Jahren Vater und Freund ist, würde ich das Schicksal all derer teilen, die in irgendwelchen Institutionen verstummt sind.
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