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Kommentar - 22.07.07 von fauh8

Das psychiatrische System – eine Diskussion (3.Teil, 3.2)

von Lissi Bettina Köchling

Wir vom Landesverband Psychiatrie-Erfahrenen Hessen haben 97/98 einen Forderungskatalog für den Landesbehindertenrat zusammengetragen. Wir meinen, dass die Möglichkeit, auf Dauer behindert zu sein, erstmal in das Bewusstsein psychisch Kranker dringen muss. Nur so haben wir eine Chance zu lernen, damit zu leben, ohne von Therapie zur Tagesstätte zum psychosozialen Dienst zum betreuten Wohnen zum Neurologen zum Psychiater zur Kontakt- und Beratungsstelle zu rennen – und immer noch meinen, wir geben uns eben nicht genug Mühe; bei so vielen Hilfsangeboten kann es nur an uns liegen, dass wir weiter nur eingeschränkt konzentrationsfähig sind, kaum oder gar nicht Nähe anderer ertragen, unsere Tics nicht kontrollieren, Panikattacken auf offener Strasse oder im Supermarkt haben, nachts zitternd aus dem Bett flüchten oder uns morgens nicht heraustrauen, bei Schritten vor unserer Tür, Telefon- und Türklingel, Geschrei, jedem lautem Geräusch Atemnot bekommen...

Der Anspruch, das alles Niemandem zu zeigen sondern zu beweisen, dass wir „funktionsfähig“ sind, ist bei Frauen sehr hoch. So verlassen viele nur das Haus bzw. ihre Wohnung, wenn sie sich ihrer sicher sind- und verausgaben sich völlig, weil ein „ich kann nicht mehr“ nicht gelernt, erhört, geglaubt und erlaubt ist bzw. wird. Auch diese Sprachlosigkeit verursacht mit die Tendenz, dass sich Frauen selbst verletzen: dann ist wenigstens etwas körperlich sichtbar. Das ist mit ein Grund von mehreren; betroffene Frauen berichten z.B., dass sie so versuchen, ihren Körper wieder zu spüren*, dass das warme Fließen des Blutes sie entspannt, sie nur so erlauben können, ihrem Körper positive Aufmerksamkeit zu widmen. Selbstverletzungen sind, so widersinnig das klingen mag, eine Form der Selbstfürsorge und, für sich genommen, kein Anzeichen für Suizidalität und damit auch keine Indikation für eine Einweisung. Diese Frauen haben auch, um sich sicher fühlen zu können, große Angst vor Kontrollverlust. Das bedeutet sowohl den Zwang, sich selbst in der Öffentlichkeit immer „fest im Griff“ zu haben - so entsteht das Bild einer sehr disziplinierten ( leider zu wahr!!! ), überlegten, souveränen, etwas steifen, tendenziell hochnäsigen Frau. Es bedeutet aber auch die Notwendigkeit, Situationen einschätzbar und damit kontrollierbarer zu machen. Das heißt: genauer Lageplan des Ortes wie z.B. Ein- und Ausgänge, dann folgt ein akribisches Studium aller Anwesenden, alles muss gehört, gesehen, jede Regung bemerkt werden. Dabei kann häufig nicht „gefiltert“ werden; so wird jedes
Detail beachtet. Hintergrund ist die Erfahrung, dass es (lebens-) gefährlich ist, wenn etwas außer Kontrolle gerät. Diese Reizüberflutung, gekoppelt mit der ständigen Alarmbereitschaft, führt schnell zur Überforderung; deren Folge können wiederum Selbstverletzungen, Schlafstörungen, völliger Rückzug etc. sein. „Schlafstörungen“ hört sich so harmlos an, ist aber bei psychisch Kranken häufig die Ouvertüre einer schweren Krise. Das wissen wir, was uns dann noch mehr in Angst versetzt, das erhöht wiederum die Anspannung - so schließt sich der Kreis.

Aufgrund dieser Behinderungen bekommen wir zwar recht bereitwillig einen Schwerbehindertenausweis, aber keinerlei punktuelle Alltagshilfen. EU- Rente und Totalbetreuung oder nichts! In Ämtern und Institutionen haben wir BittstellerInnen-Rollen, für alle Menschen demütigend, für psychisch Kranke aussichtslos. Kürzlich bekam ich endlich von offizieller Seite bestätigt, was alle wissen: Auf meine Frage, warum denn nun keinerlei Hilfen zur Selbstständigkeit psychisch Kranker vorgesehen sind, lautete die Antwort „hier geht es um Arbeitsplätze“. Viele von uns brauchen diese Helferindustrie nicht, aber die uns! Zahlen belegen, dass psychisch Kranke, die diese „Hilfen“ in Anspruch nehmen, wenig Lebenshilfe erwarten können, nur
- 32% standen in einem normalen Arbeitsverhältnis
- 34% lebten in einer festen Partnerschaft;
dafür schieden
- knapp 10% im Laufe der Untersuchung durch Suizid aus dem Leben
( Mannheimer Studie über psychische Erkrankung und soziales Schicksal1993).

Bereits 1989 benannte die LWV- Verbandsversammlung als Reformschritt für die nächste Dekade:
„Die völlige rechtliche und tatsächliche Gleichstellung der psychisch Kranken ist das Ziel“.
Wir fordern endlich klare, eindeutige Gesetze, Bestimmungen und Richtlinien für die zuständigen Behörden:

- für geschützte, preisgebundene Wohnungen, nicht in „sozialen Brennpunkten“

- zugehende Hilfen und Fahrdienste bei bestimmten Krankheitsbildern wie Angst- und Zwangserkrankungen, als Reintegrationsmaßnahme nach Klinikaufenthalt, während einer Krisensituation

- Heraufsetzung des Anspruchs für Alleinlebende auf 2 Zimmer, da sich bei den Meisten das Leben kranheitsbedingt auf die Wohnung beschränkt; Raum für Übernachtungsmöglichkeit der Kinder

- Unterstützung bei der Haltung von Haustieren, die anerkanntermaßen zur seelischen und körperlichen Stabilisierung beitragen

- das Recht psychisch kranker Schwerbehinderter auf einen Behindertenparkplatz und steuerliche Ermäßigung des PKW

- keine komplette Abschaltung des Telefons bei Nichtbegleichung der Rechnung; die Freischaltung von Notruf, einer Vertrauensperson und die Möglichkeit, angerufen zu werden, muss erhalten bleiben

- Unterstützung bei der Beschaffung von Kommunikationsmitteln

- Anspruch auch auf langfristige therapeutische oder sozialpädagogische Begleitung bzw. Assistenz

- berufliche und soziale Rehabilitation nach Klinikaufenthalt und/oder Zeitrente wie bei anderen Krankheiten und/oder Behinderungen

- Betriebsräte und Rentenanrechnung in Werk- und Tagesstätten

- Möglichkeit einer Teilzeitausbildung bzw. Modulausbildung, dehnbar auf bis zu +100% der Regelzeit von Schule, Lehre und Studium

- Aufnahme psychischer, psychiatrischer, geriatrischer, hirnorganisch- und stoffwechselbedingter Erkrankungen in den Leistungskatalog der Pflegeversicherung

- Einbeziehung von Behinderten-, Frauen- und Seniorenbeauftragten in den Psychiatriebeirat

Beratungsarbeit: Psychisch Kranke, die psychiatrische Behandlungen hinter sich haben, noch „dabei“ sind und/ oder sich im Dunstkreis von Psychiatrie befinden (Tagesklinik, betreutes Wohnen etc.), werden wahrscheinlich diese Tatsache als Problem thematisieren. Sicher ist es wohltuend, sich darüber, je nach Temperament, ausschweifend, lautstark, (an-) klagend, fluchend,
zaghaft oder jammernd zu ergehen. Interessant wird’s bei der Frage nach dem eigentlichen Problem: ist es eines für die Betroffenen oder haben/hatten Andere damit Schwierigkeiten? Wie ist die Lebenssituation, das soziale Umfeld, finanzielle Sicherheit, ursprüngliche Lebensplanung und Realität, welche Hilfen wären in welcher Situation sinnvoller gewesen, welche Wünsche, Pläne und Ziele bestehen jetzt, welche Unterstützung wird bei der Umsetzung benötigt? Darüber haben sich viele Betroffene noch keine Gedanken gemacht, durch das psychiatrische Ent- (Verzeihung!) Versorgungssystem haben wir durch die Diagnosen gelernt, nur noch auf unsere vermeintlichen Mängel zu starren. Ganz wie früher die berühmte „Galle von Zimmer 4“- nur dass da niemand erwartete, einen grünen Schleimbeutel im Bett vorzufinden. Eine psychiatrische Diagnose dagegen (be)trifft den ganzen Menschen, umgeben von der Aura des Unheimlichen, Unberechenbaren und sogar Gefährlichen gehen schnell auch vertrauteste Menschen auf Distanz. Dabei sind wir in der Situation selber zu erschüttert, um sagen zu können:„ich bin’s doch!“

Mal ehrlich: Was erwarten wir, wenn wir hören „die Schizophrene von Zimmer 4“? Um uns von diesem bipolarem Denken -Normal/Unnormal- freizumachen, sollten wir wieder zuhören, den ganzen Menschen (be)achten. Ver-rückte Wahrnehmungen wörtlich genauso verstehen: für die Betroffenen wahr, nur aus durchaus fragwürdigen Normen herausgerückt; eine Flucht aus einer für die psychisch Erkrankten unerträglichen Lebenssituation. Dabei sollten wir uns auch davor hüten, diese wiederum zu be- oder entwerten; es kommt nicht darauf an was, sondern wie etwas erlebt wird; ähnliche Erlebnisse müssen ja nicht ähnlich empfunden und verarbeitet werden. Ist eine reale Flucht unmöglich, flieht die Betroffene psychisch durch eine Veränderung des Bewusstseinszustandes. So entstehen u.a. die dissoziativen bzw. multiplen Persönlichkeiten (DIS und MPS) – keine „irre“, sondern eine geniale Überlebensstrategie, die meist einzige Möglichkeit, Traumata wie Missbrauch, Misshandlung, schwere Vernachlässigung etc. in früher Kindheit und Jugend auszuhalten.

Beraterinnen sollten auch ihrem Helferdrang nicht freien Lauf lassen, sondern es den Betroffenen überlassen, welche Unterstützung gewünscht, erwartet oder für die Umsetzung definierter Ziele erforderlich wird. Zu bedenken ist dabei der allgemeine Zwang psychisch Kranker zur Leistung, da immer Beweise unserer Belastungsfähigkeit erwartet werden. Das hat etwas mit dieser irrationalen Angst vor Irren zutun und ist leider dann, wenn wir unter der Last wieder zusammenbrechen, eine schöne Bestätigung oder - diagnostisch - eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Es ist daher für alle Beteiligten sinnvoll, Grenzen und damit realistische Pläne zu entwerfen. Das Bewusstsein: "hier sind meine Grenzen" und das Lernen, damit zu planen, ist ein Riesenschritt für psychisch Kranke, die sich nach therapeutischen Anweisungen bisher darin erschöpften, dagegen und damit gegen sich selbst zu kämpfen. Alle Energien und Kräfte haben sich auf einen Bruchteil ihrer selbst konzentriert, Fähigkeiten, Talente, Interessen und Begabungen wurden verleugnet.

Die Erkenntnis „das ist (m)eine Behinderung“ kann für viele der entscheidende Schritt sein im Sinne einer ungeheuren Entlastung und der Freude, sich wieder auf eine Gegenwart und sogar Zukunft konzentrieren zu können. Bei Betroffenen, die in Krisensituationen zu einer Beratung kommen, gilt es erstmal herauszufinden, worum es ihnen überhaupt geht. So anstrengend das sein kann: Zuhören ist wieder das Mittel der Wahl. Kommen sie nicht selber auf den Punkt: herausfinden, wie sie sonst die Situation überstanden, was half, was tat gut? Fragen stellen und auffordern, selbst jetzt Eigenverantwortung zu übernehmen, indem klare Wünsche geäußert werden.

Wenn sie unter Einfluss von Medikamenten stehen, sind chemische Grenzen gesetzt, Psychopharmaka wirken auf das gesamte Gehirn, beeinflussen negativ das Sozialverhalten, Neues wird kaum oder nicht erfasst. Schriftliches kann hilfreich sein; etwa ein Zettel mit Stichpunkten und der Aufforderung, sich dazu Gedanken zu machen und zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder zu melden.

Ist eine (Wieder)Einweisung in die Psychiatrie möglich, auf die Möglichkeit einer Behandlungsvereinbarung hinweisen! Das ist, juristisch gesehen, eine einseitige Willenserklärung von Psychiatrie-Erfahrenen an die Klinik; diese ist zwar nicht rechtlich daran gebunden, bei vorliegender Vereinbarung aber verpflichtet zu begründen, warum sie sich (teilweise) nicht daran gehalten hat.

Bei psychischen Störungen „wie aus heiterem Himmel“: Frage nach Medikamenten wie Antihistaminika (gegen Heuschnupfen), Glukokortikoiden (gegen Entzündungen), Cimetidin und Ranitidin (gegen Magen- Darm- Geschwüre und Magenschleimhautentzündungen) u.v.a.; eine Vielzahl von Medikamenten können Halluzinationen, Depressionen, Verfolgungswahn usw. verursachen; eine Tatsache, der von Medizinern kaum Beachtung geschenkt wird.

Körperliche Beeinträchtigungen werden von psychisch Kranken oft subjektiv verstärkt empfunden, was auf der Hand liegt: wer an einer Angsterkrankung leidet und bei Angst z.B. einen Asthmaanfall bekommt...na, das muss ich nicht näher ausführen. Sehr belastend sind bleibende körperliche Folgen von (jeglicher – also auch psychiatrischer!) Gewalt, die z.T. ständig an den Anlass der Beschwerden oder Schmerzen erinnern. In solchen Fällen dürfen nicht Röntgenbilder, EKGs und Lungenfunktionsteste allein über Rechte auf Alltagshilfen entscheiden.

Ein Neurologe meinte Anfang dieses Jahres zu dem Thema mitleidig lächelnd: „das wäre ‘was ganz Neues“ und bot mir eine Musterpackung eines ganz neuen Psychopharmakons an. Das war nichts Neues. Der Mann ist kein Ungeheuer, auch BehandlerInnen in Psychiatrien nicht. Sie sind für Krankheiten zuständig, nicht für gesellschaftliche Konsequenzen. Genau vor ihrer Tür endet ihr Verantwortungsbereich.

Beratungen und Angebote, die den geschlechtsspezifischen, psychosozialen und behinderungsspezifischen Aspekt berücksichtigen, gibt es nicht. In neueren Kontaktstellen habe ich in manchen Räumen Kartons mit Spielzeug, ähnlich wie in Wartezimmern, und rollstuhlgerechte Toiletten gesehen. Ältere - und das sind die Meisten- befinden sich in Hinterhöfen oder Gewerbe- und Industriegebieten, für Frauen sowieso keine sehr entspannenden Orte.

Wohnmöglichkeiten werden im Rahmen des betreuten Wohnens geboten, qualitative und quantitative Mängel haben Eltern psychisch Beeinträchtigter dazu bewegt, etliche Wohnhausprojekte auf Stiftungsbasis zu initiieren. Unterstützung am Arbeitsplatz ist nicht vorgesehen; das einheitliche Programm der Arbeitsämter lautet: Umschulung zur/m Bürokauffrau/-mann. Zeitrente – in der Regel für drei Jahre - ist ebenfalls beliebt, führt dann eben 36 Monate später zu besagter Umschulung. Wie sollte diese Lücke im Lebenslauf auch erklärt werden? „Wissen Sie, ich musste mich mal so richtig ausspinnen“???

Im fortgeschrittenen Alter - so ab 35- steht die EU- Rente zur Verfügung.

Das alles zeigt die Hilflosigkeit der Helfer. Es geht nicht darum, ihnen die Absolution zu erteilen, die diagnostische Suppe, die sie uns einbrocken, ist zu unverdaulich. „Schuldige“ zu suchen ist aber reine Kraft- und Zeitverschwendung, ganz sicher wird es uns im Alltag nichts nutzen. Missstände aufzeigen ist wichtig, zu glauben, dass sich allein daraufhin grundlegend in unserem Sinne alles ändert, ist naiv.

Anmerkung
*Hier ist besondere Vorsicht mit dämpfenden Medikamenten geboten!

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