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Kommentar - 22.07.07 von fauh8

Das psychiatrische System – eine Diskussion (3.Teil, 3.1)

Wir möchten an dieser Stelle eine offene Diskussion anregen und geben deshalb unterschiedlichen Standpunkten Raum, auch wenn sie nicht immer mit unseren Sichtweisen übereinstimmen.
Im Folgenden dokumentieren wir einen Diskussionsbeitrag, der uns von einer Psychiatrieerfahrenen zugesandt wurde. Der Bericht setzt sich kritisch mit der Geschichte der Psychiatrie auseinander, wobei v.a. subjektive Erfahrungen mit eingeflossen sind. Der Artikel wurde vor einigen Jahren für das Netzwerk Behinderter Frauen geschrieben.


von Lissi Bettina Köchling

Die Geschichte der Medizin und insbesondere der Psychiatrie ist traditionell frauenfeindlich und beschäftigt sich in einigen Disziplinen hingebungsvoll mit der Kontrollierbarkeit bis hin zur Bekämpfung der weiblichen Sexualität. Füße- und Brustabbinden, Halsstrecken, Einschnüren, Sterilisationen, pharaonische Beschneidungen, Klitorisresektionen, Hysterektomien (Amputation der Gebärmutter), „Schönheits“- Chirurgie, oder die elegante Methode: Psychopharmaka als eine Art chemischen Exorzismus.
Die Entfernung der Klitoris war bis Mitte der 50er Jahre eine offizielle Therapie in amerikanischen (und wahrscheinlich auch europäischen) Psychiatrien, die Hysterektomie oder Totaloperation „Routine“-Eingriff („Ausräumen“ genannt) bis weit in die 70er Jahre Mittel der Wahl gegen alle „ Frauenleiden“.

Immer noch viel zu unbekannt ist, dass die Klitorisnerven ca. 15 cm ins Becken reichen und bei einer „Totaloperation“ meist durchtrennt werden, also das gleiche Ergebnis einer Klitorisresektion zeitigt. Die operierten, ihrer sexuellen Empfindungsfähigkeit beraubten Frauen werden als „frigide“ beschimpft...dabei ist dies mit einer anderen Operationstechnik, die bei Prostata-Operationen Standard ist, sehr wohl vermeidbar!

Zur Erinnerung: „Hyster (gr.)= Gebärmutter; Hysterie= an der Gebärmutter leidend; Bezeichnung für Persönlichkeitsstörung, bei der Geltungsbedürfnis, Egozentrismus und ein Bedürfnis nach Anerkennung im Vordergrund stehen...“
(Psychrembel, medizinisches Wörterbuch, 257. Auflage, 1993)
Lilly Industries meldete das Antidepressivum Fluoxetine an, das gleichzeitig als Schlankheitspille wirken soll, „du kannst sie nicht befreien, aber du kannst ihr helfen, sich weniger schlecht zu fühlen“ lautet ein amerikanischer Werbetext für Beruhigungsmittel.

Diese Offenheit ist doch immer wieder herrlich.

Wie kann sich solches Gedanken“gut“ bis heute halten? Abgesehen davon, dass Mediziner sich wesentlich mehr für Monetik als Ethik erwärmen können, rechne ich milchmädchenmäßig: Niedergelassene und Klinikärzte sind im Durchschnitt 35 Jahre alt, Chefärzte 10 Jahre älter. Sie haben also vor ca. 15-25 Jahren studiert, ich sag’ mal: 1980. Ihre Dozenten waren etwa 50 Jahre alt, das bedeutet: Studium um 1950. Ich wage kaum zu erwähnen, aus welcher Zeit demzufolge die Fachbücher waren, aus denen sie ihre Weisheiten zum Wohle der Volksgesundheit bezogen.

Weiter mit den 70er Jahren. Die Frauenbewegung wuchs, die Zahl der Totaloperationen sank, der Psychopharmakamarkt boomte. Ganz zufällig. Tampons und Tranquilizer, frau wollte ja unbedingt ihren Uterus behalten! Doch auch viele Amputierte mussten nun sediert werde: aufgewiegelt von den Emanzen, stellten sie die hohe ärztliche Kunst in Frage und maulten.

Damals konstatierte Walter Schulte von der Universitätsanstalt Tübingen: „Geht man heute durch die Abteilungen, so ist eigentlich nicht mehr die Unruhe das Problem, sondern diese geradezu beunruhigende Ruhe der Erstarrung, Lähmung und Abstumpfung“ (W.Schulte in: “Klinik der Anstaltspsychiatrie“).


Seit 1985 geht der Trend kontinuierlich weg von Tranquilizern hin zu Antidepressiva und Neuroleptika. Grund: Es kam zu Schadensersatzzahlungen wegen unterlassener Warnung vor dem Abhängigkeitspotential, außerdem waren die Patente abgelaufen und damit die Preise gesunken. Antidepressiva und Neuroleptika sind neu und deshalb teuer. Das findet nicht nur Hoechst höchsterfreulich! Und es kommt noch besser: es wird eine „längere“ Verabreichung als bei Tranquilizern - die lag im Durchschnitt bei 10 Jahren! - empfohlen, so ist das Thema „Abhängigkeit“ auch erstmal vom Tisch. Ein wirklich lohnendes Geschäft; nach offiziellen Schätzungen gehen 4-8 Millionen Menschen wegen vorwiegend psychischen Beschwerden zum Arzt, jeder 7. Mann und jede 3. Frau, insgesamt ¼ der Bevölkerung. Aber Vorsicht: hier sitzen sie wieder und haben gelernt, dass weiblich + Bedürfnis nach Anerkennung = irr ist.

So kommen wir zu erschütternden Zahlen. Nach den Diagnosen der Ärzte (Mehrfachdiagnosen durch Hausarzt, Gynäkologen, Orthopäden etc. eingerechnet) leidet im bundesrepublikanischen Durchschnitt jede Frau an einer Neurose, Depression oder deren Vorstadium. Nach der Verschreibungsmenge dürfte es in Deutschland eigentlich keine Frau zwischen 40 und 65 mehr geben, die nicht mindestens ein Psychopharmakon und/oder ein Schmerzmittel nimmt; jede Zweite dazu ein Schlaf-, Beruhigungs-, krampflösendes oder Migränemittel- und das Tag für Tag!

Es werden innerhalb eines Jahres pro 1000 Frauen verordnet:
- 940 Tranquilizer, Antidepressiva oder Neuroleptika
- 770 Schmerzmittel
- 505 Beruhigungsmittel
- 315 krampflösende Mittel
- 260 Migränemittel
80% der Psychopharmaka werden von Internisten und Hausärzten verschrieben, nur 6% von Neurologen und Psychiatern. Der Rest verteilt sich auf Gynäkologen, Orthopäden und Gastroenterologen.

Expertenmeinung: „Frauen über 40 benötigen in aller Regel höher dosierte Psychopharmaka“(M. Seeman: „Interaction of sex, age and and neuroleptic dose“, Clarke Institute of Psychiatry, Toronto). Privatversicherten werden deutlich seltener Psychopharmaka verordnet. Nun haben wir noch einen Anhaltspunkt: das finanziell besser gestellte Geschlecht ist eben nicht so blöd, fast oder völlig ohne Entgelt, ohne Altersversicherung, ohne Urlaubsanpruch, ohne geregelte Zeiten zu arbeiten und ohne Anerkennung... aber das hatten wir ja schon.

Verweigern ist aber für Frauen am Blödesten: Partner als Diagnostiker, die nicht selten eine Einweisung erwirken. Völlig unverblümt geben Ärzte, deren Argumente als offiziellen Aufnahmegrund an: „Sie putzte nicht mehr regelmäßig“, “der Haushalt war verwahrlost“, „sie wurde häufig aggressiv“, „sie schläft mit Anderen“, „das Essen steht nicht mehr wie gewohnt auf dem Tisch, wenn ich nach Hause komme“. Als Krankheitssymptom geht dann zusammengefasst in die Diagnosestellung ein: “Frau B. kam ihren Haushaltspflichten nicht mehr nach und zeigte eine unangemessene Aggressivität“. Ein „schizoider Schub“, ein „inadäquates Affekthandeln“ oder auch eine „Borderline-Persönlichkeit“ mit destruktiv-sexuellen Anteilen wird aktenkundig. Diese Akten und Berichte dürfen nicht von den PatientInnen eingesehen werden. Die Folgen sind vernichtend: Hausarzt, Vertrauensarzt, Amtsarzt, Gynäkologe, Krankenkasse, Rentenstelle,...alle haben die Möglichkeit einer spannenden Sex-, Crime- und Psycho-Lektüre; die Betroffenen sind nicht nur bloßgestellt und auf Diagnosen reduziert, sondern wissen noch nicht einmal, wer wieviel was über sie zu „wissen“ meint. Wer die ICD-Schlüssel (Diagnoseschlüssel) kennt, weiß, dass sie das Alles umfassende „Aus“ bedeuten können.

In der Psychiatrie sind doppelt so viele Frauen wie Männer. 80% dieser Frauen haben Missbrauchs- und/oder Gewalterfahrung, das oder die Trauma(ta) sind durchgängig geprägt von Gefühlen des Ausgeliefertseins, der Macht- und Hilflosigkeit, Angst/Panik und Scham. Psychiatrie hat diese gesamte Palette im Angebot.

Das klingt nicht nur wie ein Strafmaßnahmenkatalog, sondern war und ist genauso gedacht. Das Gesetz über die Entziehung der Freiheit geisteskranker, geistesschwacher, rauschgift- oder alkoholsüchtiger Personen vom 19. Mai 1952 ist in Hessen bis heute gültig. Hinzu kommt noch das bedrohliche Stationsklima, das von männlichen Patienten bestimmt wird. Übergriffe sind häufig, in jedem Fall jederzeit möglich. Es gibt dort keine Intimsphäre, selbst die Toiletten sind in manchen Psychiatrien nicht abschließbar (selber erlebt im LKH Königslutter, wo ein Mitpatient mir beim Versuch, mich auf dem Klo zu „besuchen“, die Schwingtür ins Gesicht stieß. Ich bekam überraschend schnell und unbürokratisch Keramikkronen auf Kosten des Hauses). Schrank- und Taschenkontrolle, das einzige Telefon freistehend mitten im Gemeinschaftsraum, vergitterte oder verschlossene Sicherheitsglasfenster... Im LKH Düren weigern sich Pflegerinnen und Krankenschwestern, alleine den Essen- und Wäschewagen zu holen, bei Schichtende gehen sie mindestens zu zweit zum Parkplatz. Paranoides Personal???

Frauen erleben Räume völlig anders als Männer; Private werden mit Schutz, Öffentliche mit Bedrohung assoziiert. Ehrlich gesagt: ich hätte mich nachts im Wartesaal jedes Bahnhofs geschützter gefühlt. Einweisung und Aufenthalt kann schon ohne Vorgeschichte eine Traumatisierung bewirken, in jedem Fall tun (oder lassen) viele Frauen alles, um nie wieder „rein“ zu kommen. Entsprechend könnten wir nur Vermutungen anstellen, wie ihr Leben „danach“ verläuft.

Die Wenigen, die in die Öffentlichkeit gehen, stellen so verschiedene Forderungen, wie auch Lebenssituationen, Neigungen, Alter, Fähigkeiten, Verarbeitungsstrategien usw. unterschiedlich sind. Psychische Erkrankungen sind sicher nicht genauso zu erklären, wie körperliche Erkrankungen. In jedem Fall gibt es jedoch Veränderungen der Gefühle, der Wahrnehmung und des Verhaltens, der Arbeitsfähigkeit und der Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen, soziale Kontakte herzustellen bzw. aufrecht zu erhalten sind eingeschränkt.

Dabei muss nicht alles zutreffen und kann verschieden stark ausgeprägt sein. Viele körperliche Erscheinungen und Krankheiten sind die Folge solcher Beeinträchtigungen. Andersherum können selbstverständlich psychische Leiden Folgen von körperlichen sein. Eine Vererbungstheorie ist immer wieder im (medizinisch-pharmazeutischen) Gespräch; fest steht, dass z.B. ein gewalttätiger Vater die Familie nachhaltig (ver-)stören kann. Die Frage nach „Geistes-Krankheiten“ in der Familie bei einer Anamnese ist -wissenschaftlich gesehen- unbegründet, zementiert aber den Selbstvorwurf, der kranke Keim läge in uns, den psychisch Erkrankten. Für Folgen von familiären Gewalttätigkeiten gibt es meines Wissens nach keine psychiatrische Lehre -oder eben Leere. Spätestens seit Freud wissen wir aber alle, dass Mütter in jedem Fall verantwortlich für schlichtweg alles sind, wenn sie versuchen, ihre Töchter und Söhne wieder ‘rauszuholen -eine „symbiotische Beziehung“ ist’s mindestens, bei Söhnen ist noch mehr drin. Frauen werden direkt nach einer Geburt in die Psychiatrie verfrachtet - Gefahr der Wochenbettdepression. Regen sie sich auch noch darüber auf, ist ihnen die Diagnose „manisch-depressiv“ fast sicher. Aber renitenten Jungen bis zu störrischen Alten - psychisch Kranken ist gemeinsam, dass sie individuell angepasste Alltagshilfen benötigen, um der berüchtigten Drehtürpsychiatrie selber das Durchdrehen zu überlassen, um ein würdiges, selbstbestimmtes Leben führen zu können.

weiter mit 3.2

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