Kommentar - 30.12.06
von fauh8
Literaturtips
Wer weiterführende Literatur
zum Spannungsfeld Psychiatrie sucht
bzw. solcher, die diesen Bereich stark berührt,
wird hier fündig:
1.Grundlagen:
Klaus Ottomeyer: Ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen. Soziales Verhalten im Kapitalismus. LIT Verlag Münster 2004, 234 S., EUR 18.90. ISBN 3-8258-6125-2
Ottomeyer greift mit diesem Buch Themen auf, die mit einer ganz anderen menschlichen "Verelendung" zu tun haben - der psychischen nämlich.
"Daß unsere zwischenmenschlichen Beziehungen gegenwärtig ein großes und ungeklärtes Problem darstellen, ist eine Aussage, von der man wahrscheinlich nicht mehr viele Leute überzeugen muß. Fast alle fühlen sich irgendwie einsam, ängstlich und mißtrauisch gegenüber anderen, versuchen jeder auf seine Weise mit dem beruflichen Stress und den zwischenmenschlichen Belastungen am Arbeitsplatz fertigzuwerden und finden im Privat- und Familienleben dennoch kaum die Entspannung und die zwischenmenschliche Geborgenheit, die sie sich von dort erhofft hatten..."
"Die Gegenthese, die in diesem Buch ausführlich entwickelt wird, ist die, daß die Zwischenmenschlichkeit der Individuen sich zwar wirklich in einem sehr zerstörten und entfremdeten Zustand befindet, daß dieser Zustand aber in seinen mannigfachen Ausprägungen und Schattierungen ganz wesentlich durch den unerbittlichen und objektiven "stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse" (Marx) unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung bedingt und geprägt ist." (Aus dem Vorwort)
2.Autonomie Psychiatrieerfahrener:
Rudolf Winzen: Zwang. Was tun bei rechtlicher Betreuung und Unterbringung? Wie Vorsorge treffen? Ratgeber. Zenit-Verlag München, 2., erw. und aktualisierte Auflage 1999, 224 S, EUR 12,50. ISBN 3-928316-08-7
Das Buch informiert über Gesetze und Vorschriften zur Betreuung sowie zur Zwangs- Unterbringung und erklärt, wie man sich dagegen wehren kann. Ausführlich werden Möglichkeiten der Vorsorge beschrieben, insbesondere, wie mit Hilfe von Vollmachten und Patientenverfügungen auch in Krisenzeiten das Selbstbestimmungsrecht weitgehend gesichert werden kann. Der Anhang enthält zahlreiche Musterbriefe mit Anträgen und Beschwerden sowie Beispiele von Vollmachten und Verfügungen.
Der Ratgeber wendet sich explizit an Psychiatrie-Erfahrene, alte Menschen, Behinderte, Heimbewohner, Angehörige, ehrenamtliche Betreuer und professionelle Helfer.
3.Sexualisierte Gewalt:
S.A.M.T. – radikale Schwulengruppe: Pädophilie. Sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Broschüre, Selbstverlag, Bremen 1996, 27 S.
Ausgehend von eigenen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt in der Kindheit und der Nichtthematisierung der gesellschaftlichen Bedingungen hat sich die radikale Bremer Schwulengruppe S.A.M.T. in dieser Broschüre fundiert mit Pädophilie bzw. Pädosexualität(1) auseinandergesetzt. Wichtige Gründe waren u.a. die Offenlegung von sexualisierter Gewalt und die notwendige Abgrenzung einer emanzipatorischen Schwulenbewegung von Tätergruppen. S.A.M.T. fordert, sich, der Frauen- und Lesbenbewegung gleich, klar und unmissverständlich auf die Seite der Opfer zu stellen.
Die Gruppe macht deutlich, dass es bei sexueller Gewalt nicht in erster Linie um Sexualität, sondern um Machtausübung und Gewalt geht. Zwischen Kindern und Erwachsenen besteht in den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen grundsätzlich ein strukturelles Machtgefälle. S.A.M.T. weist nach, dass pädosexuelle Kontakte ausnahmslos eine Form sexualisierter Gewalt und Ausbeutung sind, völlig unabhängig davon, ob physische Gewalt angewendet wird oder nicht. Denn Pädosexuelle arbeiten mit dem Kind immer genau auf ein Ziel hin: den sexuellen Kontakt.
Die Wahrung der sexuellen Selbstbestimmung ist für S.A.M.T. der oberste Grundsatz. „Sollte diese bedroht sein, so ist die Sicherungsverwahrung der Täter als Opferschutz unverzichtbar.“ Kritik spart die Gruppe jedoch nicht aus, wo es um die bisher einzige Form der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Pädosexuellen geht, dem Sexualstrafrecht. „Die vorherrschende Funktion des Sexualstrafrechts ist vor allem eine ‚Ruhigstellung’ der Bevölkerung. Durch vereinzeltes rigides Durchgreifen, das wirksam in der Boulevardpresse dargestellt werden kann, entsteht der Eindruck, sexualisierte Gewalt wäre die nur selten auftretende Ausnahme, aber auch als solche bekannt und ‚gerecht’ bestraft.“ Eine grundlegende Auseinandersetzung und Reflexion des eigenen Handelns kann S.A.M.T. bei den Täter(Innen) in Strafverfahren oder durch das Absitzen einer Strafe nicht entdecken. „Reue“ werde lediglich gezeigt, um eine Strafminderung zu erlangen. Das Abstrafen von Pädosexuellen hält die Gruppe deshalb für denkbar ungeeignet, um eine Auseinandersetzung zu erzwingen. „Stattdessen werden die Täter durch Strafe/Gefängnis in der Gesellschaft noch isolierter und deshalb eventuell wieder zu Gewalttaten gedrängt. Ihnen wird nicht die Chance geboten, ihr Leben strukturell zu verändern.“
S.A.M.T. stellt die Frage, wie sexualisierte Gewalt gegen Kinder und andere Menschen überhaupt verhindert werden kann, radikal: durch langfristige Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Überwindung des Patriarchats und der kapitalistischen Produktionsweise sowie einer permanenten Auseinandersetzung mit Beziehungsstrukturen durch jede/n einzelne/n.
(1)Die Gruppe S.A.M.T. lehnt den Begriff pädophil ab, weil damit der für Pädosexuelle im Mittelpunkt stehende „sexuelle Kontakt mit Kindern zu sehr verschleiert und dadurch beschönigt“ wird.
Lothar Heusohn/Ulrich Klemm: Sexuelle Gewalt gegen Kinder. Gesellschaftliche Bedingungen, Betroffene und Täter, Chancen und Grenzen der Prävention, Konsequenzen und Perspektiven. Verlag Klemm & Oelschläger Ulm, 1.Auflage 1998, 198 S., EUR 12.80. ISBN 3-932577-06-X
Noch mehr in die Tiefe (als die Broschüre von S.A.M.T.) geht der Beitrag von Gitti Hentschel in dem Buch „Sexuelle Gewalt gegen Kinder“, die etwa vor einer Mystifizierung des Täterbildes warnt. V.a. die Skandalisierung von einzelnen grausamen Gewalttaten durch Medien und Politik führe zu einer Problemverschiebung, die vom alltäglichen Skandal sexualisierter Gewalt durch Vertrauenspersonen der Kinder ablenkt, da sich der Blick auf den Fremdtäter fokussiert. Die Bedeutung sexualisierter Gewalt durch die Täter im Nahbereich (nahe Verwandte, Freunde, Bekannte) wird dadurch in den Hintergrund gedrängt. Diese werden geradezu entlastet. Viele Betroffene (Opfer) können in diesen Skandalfällen ihre eigene Geschichte nicht wieder finden – mit fatalen Folgen. Im Schrei nach härteren Strafen, sogar der Todesstrafe, Kastration und der Tendenz zur Ausgrenzung komme hingegen eine Tendenz zu autoritärem Denken zum Vorschein. Auch Gitti Hentschel belegt anhand von Zahlen, dass der strafrechtliche Umgang mit sexualisierter Gewalt für Täter kaum Folgen zeitigt und damit als Mittel zur Veränderung ausscheidet. Sie stellt stattdessen eine grundlegende Umorientierung, den Kampf um einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel in den Vordergrund. Ihr geht es darum, männliche Rollenbilder aufzubrechen, Täterschutz zu verhindern, Tätern Verantwortung für ihr Handeln abzuverlangen und die Position von Kindern wie Frauen zu stärken.
Beklemmend und aufrüttelnd zugleich ist der schonungslose Beitrag des Journalisten Detlef Drewes, in dem er die Brutalität und Dimension von Kinderpornographie im Internet darlegt. Er zeigt die Konsequenzen auf, die jede/r einzelne zu ziehen hat, warnt aber zugleich vor einer Dämonisierung des Internets als Medium und vor staatlichen Einschränkungen der Freiheitsrechte und Überwachung ALLER UserInnen.
Insgesamt drei Schwerpunktthemen werden in diesen und anderen Beiträgen des Sammelbandes angesprochen: Die gesellschaftlichen Bedingungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder, die Arbeit mit Betroffenen und Tätern, Chancen und Grenzen der Prävention sowie therapeutische und gesellschaftliche Konsequenzen. Die Beiträge gehen auf eine Tagung des Kinderschutzbundes, der Ulmer Volkshochschule und der Schwäbischen Zeitung im Mai 1997 zurück.
Zusammengestellt von: Nandor Pouget
|