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Kommentar - 30.12.06 von fauh8

Anachronistische Psychiatrie

Mit der vom Bundestag verabschiedeten Psychiatrie-Enquete wurde 1975 auf die unwürdigen Zustände in den damaligen psychiatrischen Großkliniken reagiert. Die Verwahr-Psychiatrien, die die Menschen über Jahre oder Jahrzehnte hospitalisierten, wurden in deren Folge aufgelöst. Stattdessen wurden gemeindenahe Versorgungssysteme favorisiert, die sich nach und nach auch durchsetzten. Der ebenfalls einsetzende Abbau von Akutbetten in den psychiatrischen Großkrankenhäusern wurde hingegen möglich, weil viele Allgemeinkrankenhäuser psychiatrische Fachabteilungen oder Kliniken einrichteten. Damit wurde eine der wesentlichen Forderungen der Enquete, die Gleichstellung psychisch Erkrankter mit somatisch Kranken, erfüllt und ein erster Schritt zur Dezentralisierung und Regionalisierung der Versorgung getan. Dem Abbau von Betten in den damaligen Großkliniken um 50 Prozent steht heute jedoch der Anteil an Abteilungsbetten gegenüber, die neu geschaffen wurden: er beträgt inzwischen 40 Prozent. Das heißt, es hat im Wesentlichen eine Verschiebung der stationären Psychiatrie stattgefunden, kein tatsächliches Schrumpfen.

Psychosoziale Netze

Um die Großkliniken und Fachabteilungen, die weiterhin für die Akutversorgung psychisch Erkrankter zuständig sind, ist mittlerweile ein ganzes Netz komplementärer Dienste mit Wohnheimen, betreuten Wohngruppen, Tagesstätten und Werkstätten entstanden. Sie erheben den Anspruch, Erkrankte mit chronifizierten Verlaufsformen in ihrer angestammten Umgebung zu versorgen. Aber die wenigsten Menschen schaffen den Sprung in ein unabhängiges Leben in Wohngemeinschaften, die eigene Wohnung, Arbeit in Selbsthilfebetriebe bzw. in „ungeschützte“ Beschäftigungsverhältnisse.
Dem stehen die Interessen der Betreiber entgegen, nicht nur, aber v.a. der privaten, denen es natürlich in erster Linie darum geht, ihr Geschäftsfeld profitabel zu gestalten. Der Mensch spielt in diesem Kalkül keine Rolle, lediglich als Kostenfaktor und Rechnungsgröße, aber auch als „KundIn“, die nach Möglichkeit wiederkommen bzw. erhalten bleiben soll. Besonders deutlich wird das in den Privatkliniken, die sowohl über Akutbetten als auch über Wohnheime verfügen. Hier können die Menschen, je nach Belegungszahlen und Auslastung, hin und her geschoben werden, ohne dass sie jemals eine ernsthafte Chance hätten, sich aus diesem psychosozialen Netz herauszulösen. Es geht nicht um Hilfe zur Selbsthilfe. Stattdessen entstehen Abhängigkeiten, neue Formen von Hospitalisierung, die mit dem eigentlichen Auftrag gemeindenaher Psychiatrie rein gar nichts zu tun haben. Von Reintegration kann deshalb nicht die Rede sein, solange diese Menschen nicht wieder auf eigenen Füßen stehen (dürfen).

Fatale Sichtweisen

Die Sichtweise längst nicht aller, aber vieler Beschäftigter trägt das ihrige dazu bei, dass die Menschen nicht wieder auf die eigenen Beine kommen. Auch wenn sich die Ansätze weg von der Defizitorientierung hin zum Ansetzen bei den Ressourcen entwickelt haben, stellen viele noch nicht grundsätzlich in Frage, warum Erkrankungen chronifizierte Verlaufsformen annehmen, warum Menschen den Drehtür-Bereich der Psychiatrie nicht verlassen können. Natürlich haben Beschäftigte einen Anteil an den Entwicklungen, wenn sie die Psychopharmaka- Therapie als die Grundlage eines jeden Erfolges betrachten und versuchen, jegliche Belastungen der Außenwelt fernzuhalten. Das führt im Endeffekt dazu, dass sich Betroffene selbst weniger zutrauen und die Beschäftigten enttäuscht sind, dass all ihre Bemühungen so wenig erfolgreich verlaufen. Mit Selbstbestimmung hat das nichts zu tun, wenn die einen Verantwortung ab- und die anderen diese nicht wieder zurückgeben. Das Ziel der Beschäftigten müsste es sein, sich als Gehstütze für eine Zeit des Wegs zu begreifen, die Belastung und Eigenverantwortung zu steigern statt sie zu minimieren.

Gesellschaftliche Zwänge

Dieser gewünschten Entwicklung stehen v.a. aber auch die gesellschaftlichen Zwänge entgegen. Einmal mit dem Stigma „psychisch krank“ Behaftete haben es ungleich schwerer, sich in dieser Leistungsgesellschaft zu behaupten. Nicht nur, dass ihre „Belastbarkeit“ von ihren bisherigen Arbeitgebern und KollegInnen in Frage gestellt wird, nein, sie haben oftmals gar keine Chance, einen Ausbildungs-, Studien- oder Arbeitsplatz zu finden. Bestimmte Berufe scheiden sogar ganz aus. Hinzu tritt das mangelnde Vertrauen, das ihr Umfeld in sie setzt. Es wird gedeckelt, behütet und geklammert, selten gefördert und losgelassen.
Der Punkt ist, dass es keine umfassende Lösung der Probleme in dieser Gesellschaft geben kann, dass lediglich Verbesserungen der Situation herbeigeführt werden können: Einerseits durch Öffentlichkeitsarbeit und Einflussnahme in gesellschaftlichen Gruppen, auf der anderen Seite durch das Erkämpfen von Rechten, beispielsweise dem nach Ausbezahlung von Löhnen statt so genannten Aufwandsentschädigungen, des Rechtes auf Autonomie und Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung und Entmündigung. Einige Gruppen Psychiatrieerfahrener beziehen sich positiv auf die Einführung eines Existenzgeldes bzw. bedingungslosen Grundeinkommens.

Perspektive

Wir setzen uns als basisdemokratische Gewerkschaft mit gesamtgesellschaftlicher Perspektive für eine Selbstorganisierung in allen Lebensbereichen ein. Deshalb unterstützen wir eine Organisierung im Bereich der Psychiatrie, sowohl der Beschäftigten als auch von Psychiatrieerfahrenen in ihren jeweiligen Interessengruppen. Wo es möglich ist, sollten beide zusammenwirken. Möglichkeiten bieten sich dazu viele an, beispielsweise wenn es um Privatisierung und ihre Auswirkungen geht. Probleme müssen von beiden Seiten durch Öffentlichkeitsarbeit in die Gesellschaft zurückgetragen bzw. diskutiert werden. Wenn dies gelingt, wären wir zumindest schon mal einen wesentlichen Schritt weiter.

Nandor Pouget

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