News - 18.12.07
von fauh5
Klinikum Wahrendorff: Stationsleiter muss gehen
Hannover/Ilten, 18.12.2007. Nach einem Bericht der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) endete am 13.Dezember ein Verfahren um die außerordentliche Kündigung eines 45-jährigen Stationsleiters durch das Klinikum Wahrendorff mit einem überraschenden Vergleich: Demnach stimmten beide Seiten schon nach wenigen Minuten dem Vorschlag des vorsitzenden Arbeitsrichters Bill zu und vermieden so die Publikwerdung weiterer Details(1).
Obwohl dem Stationsleiter jahrelange massive körperliche Misshandlungen von PatientInnen zur Last gelegt wurden, entschied sich die Geschäftsleitung nun für eine fristgerechte Kündigung zum 31. Januar 2008. Der 45-jährige ließ im Gegenzug seine Forderung nach einer Abfindung in Höhe von 45.000 Euro fallen.
Jahrelange Leidenszeit
Bekannt geworden sind die Praktiken auf der geschlossenen Akutstation für
psychisch erkrankte SeniorInnen im Klinikum Wahrendorff im Juni 2007, als MitarbeiterInnen anderer Bereiche dorthin versetzt wurden und in Anbetracht der beobachteten Zustände wieder um Versetzung baten. Ans Licht der Öffentlichkeit brachte die ungeheuren Vorgänge ein Bericht der taz(2). Erst zwei Wochen darauf nahm sich auch die HAZ des Themas an; die Geschäftsleitung sah sich nun offenbar gezwungen, öffentlich Stellung zu beziehen(3).
Nach Angaben von ZeugInnen soll der Stationsleiter alte Menschen in den „Polizeigriff” genommen und ihnen brutal Medikamente eingetrichtert haben, so dass sie auch Blutergüsse erlitten. Die “Körperpflege” betrieb die gerontopsychiatrisch tätige Pflegekraft ebenfalls auf ganz eigene Weise: Statt ihnen beim Waschen behilflich zu sein, soll er die ihm anvertrauten PatientInnen von Kopf bis Fuß mit Pflegeschaum eingesprüht und dann mit trockenen Tüchern abgewischt haben. Dieser Schaum ist eigentlich ausschließlich zur Genitalreinigung vorgesehen. Redselige PatientInnen soll er kurzerhand durch einen Hub aus der Sprühflasche in den Mund zum Schweigen gebracht haben.
Der Krankenpfleger räumte lediglich Teile der Anschuldigungen ein. So gab er zu, PatientInnen gegen ihren Willen Arzneimittel in den Mund gepresst habe.
Jahrelang nichts bemerkt?
Anfang Juli 2007 war der Stationsleiter aufgrund der massiven Anschuldigungen suspendiert, später gekündigt worden. Als die Vorwürfe im August durch einen Arbeitsgerichtsprozess öffentlich zu werden drohten, stellte die
Geschäftsleitung des „Fachkrankenhauses für die Seele“ zusätzlich
Strafanzeige. In einem Leserbrief an die taz hatte die Pflegedienstleiterin als direkte Vorgesetzte des beschuldigten Krankenpflegers Vermutungen von MitarbeiterInnen widersprochen, dass versucht werde, die Angelegenheit klein zu halten: „Hier sollte nichts unter den Tisch gekehrt werden“(4). Alfred Jeske, einer der beiden Geschäftsführer des Klinikum Wahrendorffs, verteidigte gegenüber der HAZ ebenfalls die lange Anlaufzeit: „Wir können nur tätig werden, wenn wir erfahren, was auf der Station passiert.“ Auch habe sich das Klinikum bei Angehörigen entschuldigt, so Jeske: „Wir sind auf Verständnis gestoßen.“ Mit der fristgerechten Kündigung könne er leben.
Der Sozialwirt Christian Haarig, Sprecher des Vereins Psychiatrie-Erfahrener (VPE) Niedersachsen, sieht im HAZ-Interview hingegen auch andere mögliche Gründe für Misshandlungen dieser Art: „Durch Personalnot und Stress verrutscht die Norm, die besagt, wie man mit Menschen umgehen soll.“
Philip von Rauch
Anmerkungen
(1)Vgl. Hannoversche Allgemeine Zeitung, 14.12.2007.
(2)Vgl. taz-Nord , Artikel vom 31.07.2007
(3)Vgl. Hannoversche Allgemeine Zeitung , Artikel vom 16.08.2007
(4)Vgl. taz-Nord , Leserbrief vom 21.08.2007
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