Der Erfolg einer Idee: Strike-Bike Nordhausen
News - 30.03.2008 von fauh
Angefangen hatte alles es mit einer fast alltäglichen Abwicklung: 135 Beschäftigte und 160 LeiharbeiterInnen erfuhren im Juli 2007, dass das Fahrradwerk in Nordhausen geschlossen wird. Bike Systems war im Dezember 2005 vom Finanzinvestor Lone Star übernommen worden. Dieser machte schon das ebenfalls zu Bike Systems gehörende Werk in Neukirch/ Sachsen dicht; die Belegschaft wurde mit minimalen Abfindungen entlassen. In Nordhausen gab Lone Star indes Aufträge und Materialvorräte an den Wettbewerber MIFA Sangerhausen weiter, um sich dort einzukaufen. Circa 2.000 Fahrräder wurden bis dahin täglich bei Bike Systems produziert.
Am 10. Juli 2007 beschließen die ArbeiterInnen von Bike Systems auf einer Betriebsversammlung dann aber die Besetzung des Werks. Unübersehbar waren die selbst gestalteten Transparente, mit denen sie ihr Werk schmückten. Von den StadtbewohnerInnen erfuhren sie große Solidarität. Hupkonzerte vor dem Werk, ständige Besuche von interessierten Leuten, die die Belegschaft mit Grüßen, Kuchen und sogar Liedern ermutigten, bestärkten sie in ihren Kampf.
Im September fuhr eine Delegation zur LoneStar-Zentrale in Frankfurt. Mit einer großen Demonstration sorgten die Beschäftigten dort für Aufmerksamkeit und zeigten den ungebrochenen Willen der Nordhäuser ArbeiterInnen, die Abwicklung noch zu stoppen. Doch bis auf Empfehlungen aufzugeben, gab es keinerlei Anzeichen für eine Abwendung der Schließung. Bis sich die Idee entwickelte, Fahrräder in Eigenregie zu produzieren.
Cafe Libertrad Hamburg und viele lokale Gruppen der Freien ArbeiterInnen-Union unterstützten die Belegschaft in ihrem Kampf. Da gab es eine Belegschaft, die die Idee von der selbstverwalteten Produktion wieder aufleben ließ . Mit Hilfe der Radspannerei Berlin-Kreuzberg und dem Mut der BesetzerInnen startete deshalb im September eine unglaubliche Kampagne, um 1.800 Bestellungen für das damit berühmt gewordene rote Strike-Brike innerhalb von zwei Wochen zusammen zu bekommen.
Schon in den ersten Tagen richteten private und öffentliche Medien ihre Aufmerksamkeit nach Nordhausen. Anarchosyndikalistische Gewerkschaften machten das Strike-Bike international bekannt. Bestellungen gingen aus Spanien, Frankreich, Griechenland, Irland, Großbritannien und sogar den USA, Kanada, TelAviv, Kairo und Australien ein. Zahlreiche KollegInnen aus den unterschiedlichsten Gruppierungen und Organisationen unterstützten die Kampagne und verhalfen ihr somit zum Erfolg. Die nötigen 1.800 Bestellungen wurden weit übertroffen, so dass Wartelisten eingerichtet werden mussten.
Am 22. Oktober war es dann endlich soweit: Der von der Belegschaft gegründete Verein Bike-in-Nordhausen e.V. nahm den Betrieb wieder auf. Völlig selbstverwaltet und ohne Chefs wurde ab 6:30 Uhr morgens das „Strike-Bike“ produziert. Bei halber Fließbandgeschwindigkeit und in einem entspannten Arbeitsklima stellen die ArbeiterInnen nun wieder Fahrräder her. Nach einer Woche Produktion konnten die Räder direkt an die KäuferInnen oder über lokale Sammelstellen der FAU-Gruppen ausgeliefert werden.
Die erfolgreiche Aktion hatte nicht nur für die Belegschaft Symbolcharakter: selbstverwaltete Produktion ist auch in Deutschland möglich. Ein Investor für Bike Systems fand sich letztendlich nicht. Die ArbeiterInnen wurden in Transfermaßnahmen gesteckt, um für den regionalen Arbeitsmarkt geschult zu werden.
Mit dem Erwerb einer alten Produktionslinie findet die Idee, Fahrräder in Selbstverwaltung zu produzieren, aber nun ihre Fortsetzung. In den Hallen der Strike-Bike-Herstellung wird die nächste limitierte Auflage des revolutionären Fahrrads als Black Edition von 21 ehemaligen ArbeiterInnen vorbereitet.
Hagen Weber (FAU-Braunschweig)
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