Internationales - 19.03.06
von fauh8
Contrat Premiere Embauche - Impressionen aus Paris
Im Folgenden ein Bericht zu den gesammelten Eindrücken der Geschehnisse in Paris
Ich habe mich von Samstag, den 11. März bis einschließlich Mittwoch, den 15. März 2006 mit einer Genossin in Paris aufgehalten. Ich will kurz meine subjektiven Eindrücke schildern, meine Gefühle loswerden, um vielleicht das mediale Bild zu ergänzen.
Das CPE (Contrat Premiere Embauche; ein Gesetzentwurf zur Lockerung des Kündigungsschutzes für Jugendliche unter 26) ist in Paris sehr präsent. Die Nachrichten und Zeitungen berichten ausführlich über diesen Gesetzesschnellschuß. Große Teile der Bevölkerung lehnen diesen Entwurf ab. So auch eigentlich alle Pariser mit denen wir uns unterhalten haben (wenn sie denn Englisch sprachen…“Parlez vous anglais?“ „Un petit peu…“).
Am Dienstagmorgen kamen wir so gegen 10 Uhr zur Sorbonne. Aufgrund der Besetzung und der darauf folgenden Räumung in den letzten Tagen ist die größte Universität von Paris geschlossen und abgeriegelt. Für mindestens eine Woche, wie mir ein Polizist erklärt. Wir gehen eine Nebenstrasse weiter und treffen auf eine spontane Versammlung von Studierenden. Dort erleben wir das Ende eines Delegiertentreffens von Studierenden, die mir erzählen, dass sie Aktionen für den heutigen Tag beschlossen haben, jedoch nicht welcher Art. Wir schauen uns um, besuchen den Infopoint, übermitteln Solidaritätsbekundungen im Namen der FAU. Die Menschen wirken alle sehr optimistisch, freuen sich über unsere Anwesenheit. Später wird uns bedeutet, dass wir uns gegen 14 Uhr am Place D’Italie einfinden sollen. Dort würde eine Demo stattfinden.
Der Platz liegt etwa einen Kilometer süd-östlich. Als wir dort gegen 14 Uhr 30 eintreffen, haben sich etwa 1000 Studierende versammelt (die Zahl wird im Laufe der Demonstration auf über 2000 steigen). Die Demonstration ist spontan und unangemeldet. Daher dauert es etwas bis sich eine Demoroute ergeben hat (zwei Anfänge stehen anfänglich in unterschiedlichen Straßen), doch letztlich zieht sie los. Völlig ohne polizeiliche Begleitung, dafür aber von verschiedenen nationalen Kamerateams und Radioreportern unterstützt. Ich sehe auch Reporter aus anderen Ländern und unterhalte mich kurz mit einem Journalisten vom WDR. Er und ich sind beide scheinbar überaus überwältigt über das große mediale Interesse, über die große Bandbreite der Mobilisierung der Bewohner von Paris, über die Selbstverständlichkeit von Streik und Demonstration. Um sich greifende Solidarität, wie sie in Deutschland so z. Z. nicht denkbar ist (ich erinnere nur an die Skandalisierung des Streiks des öffentlichen Dienstes oder an die klägliche Berichterstattung über deutsche Studentenproteste…). Durch große Transpas und auch durch Sprechchöre ist der Unmut über das CPE zu spüren. Außerdem fordert die Menge lautstark den Rücktritt der Regierung. Die Demo ist zu diesem Zeitpunkt absolut friedlich. Die Studierenden organisieren sogar eigene Straßenumleitungen. Über den Place Denfert-Rochereau nähern wir uns im großen Bogen der Sorbonne. Bei Unterhaltungen mit einzelnen Studierenden und auch im Bild der Demo fällt uns auf, dass es sich nicht um eine große Ansammlung von den üblichen, linksradikalen Verdächtigen zu handeln scheint, sondern um sozusagen ‚die bürgerliche Mitte’. Auch sehr viele junge Schüler sind dabei. An der Sorbonne angekommen, teilt sich die Demo in zwei Hälften. Wir ziehen mit der einen Hälfte zum Haupteingang. Was ich dort sehe, ist in meinem Gedächtnis immer noch sehr lebendig.
Ein Durchgang ist mit Gittern versperrt. Dahinter sind etwa 50 Polizisten mit Helmen, Schlagstöcken und Schilden bewaffnet, die sich vor drei Einsatzbussen postieren. Der Kern der Demonstranten rückt gegen diese Mauer vor und zieht zunächst die Absperrungen fort. Sie werden mit Reizgas und Knüppeln eingedeckt. Als Antwort hagelt es Flaschen, Straßenschilder und vereinzelt auch Steine auf die Polizisten. Es entsteht ein Abstand zwischen Polizei und Demo von sagen wir 20 Metern. Vor der Menge laufen einzelne Studierende, die die Demonstranten zu Sprechchören anfeuern. Das einzige, aber dadurch vielleicht umso beeindruckende Wort, das ich verstehe, ist immer wieder ‚RESISTANCE’. Die gesamte Demo ist vermummt, vereinzelt sind auch behelmte Studierende auszumachen. Ich verteile meinen gesamten Wasservorrat an die Reizgasopfer, im Hintergrund fahren Rettungswagen vor. Dieses Szenario (vorrücken, Prügel beziehen, Flaschen schmeißen) hält sich für mehrere Stunden. Wiederum sehr verwunderlich für uns: Der Eingang wird zunächst von nur 50, später dann von 100 Polizisten bewacht. Auf den Dächern befindet sich nicht ein einziger Kamerabulle (erst später sehe ich einen, der aus dem Einsatzbus heraus filmt). Außerdem haben sie nicht eine einzige Person aus der Demo heraus gegriffen. Sie sind einfach nur stehen geblieben und haben ihre Grenze geschützt. Keine speziellen Greiftrupps, wie sie in Deutschland üblich sind. Unglaublich wäre es gewesen, wenn Studierende eine Armada von Farbeiern oder ähnliches mitgebracht hätten. Die dann blinden Polizisten hätten sich zurückziehen oder entwaffnen müssen und wären überrannt worden, angesichts von mindestens 500 Studierenden.
Die späteren Vorgänge von studentischen, rechtsradikalen Übergriffen auf die Demonstrierenden an derselben Stelle haben wir nicht mehr mitbekommen.
Abends fuhren wir zum Haus der CNT in die Rue de Vignoles. Wir treffen die drei anwesenden Genossen in rege Arbeit vertieft. Sie schreiben und verschicken Infobriefe nach ganz Frankreich. Sie erklären, dies sei die erste starke Bewegung seit 10 Jahren. Besonders beeindruckend ist es, sagen sie, dass die Organisierung von der Basis her stattfinde, sich die Studierenden von autoritären Gewerkschaftsstrukturen lossagen würden. Sie erklären weiterhin, die Vorgänge von heute Nachmittag seien nur die Aufwärmphase gewesen und die Vorbereitungen laufen für die Großdemonstration am Donnerstag. Natürlich laden sie uns ein mitzukommen, doch an diesem Tag sind wir schon nicht mehr da.
Auf späteren Photos wird mensch Transparente von Studierenden sehen können, die dem aktiven Engagement der CNT danken.
Ein Genosse der FAU Hannover
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