OG - 06.05.08
von faubs1
Anarchist Teapot: Befreiung der Gesellschaft vom Staat?
Vom Anarchismus mit Marx zur Gesellschaftskritik
Dienstag, 06.Mai 08, 19.30Uhr, Nexus
Vortrag von Alexander Neupert,
Initiative für gesellschaftskritische Inhalte Osnabrück
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe zur antikapitalistischen Kritik von BandaNera prallen beim Teapot im Mai mit diesem Vortrag anarchistische Ideen mit den Theorien u.a. von Marx zusammen und bieten Platz für Diskussionen.
Der Teapot wird von BandaNera veranstaltet und der FAU BS unterstützt.
Jeder Versuch einer Darstellung oder Kritik des Anarchismus (oder Kritik durch Darstellung) steht vor der Aufgabe überhaupt erst einmal seinen Gegenstand zu erfassen: Was heisst Anarchismus? Besonders verbreitet ist der Ansatz, die unterschiedlichen Bedeutungsinhalte von „Anarchie“ bei den „Klassikern“ (Proudhon, Bakunin, Kropotkin...) zu vergleichen und eventuell historisch zu ordnen. Der anarchistische Historiker Max Nettlau kommt auf diese Art zu einem Dreischritt der anarchistischen Theorie, von Proudhons Mutualismus über Bakunins Kollektivismus zu Kropotkins anarchistischem Kommunismus. In dieser Betrachtung erscheint Anarchie als alternatives Gesellschaftsmodell in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen, an die Stelle einer Kritik des Bestehenden tritt die Diskussion über Utopien. Alternativ hierzu orientieren sich andere Versuche an der Organisationsgeschichte anarchistischer Gruppen, konzentrieren sich auf Anschläge, Aufstände, Siedlungsversuche oder Gewerkschaftsgründungen, die von AnarchistInnen unternommen bzw. propagiert wurden. Die Gefahr einer rein historischen Debatte liegt nahe.
Unter dem Paradigma einer kritischen Theorie der Gesellschaft wäre sowohl eine Auseinandersetzung mit den Utopien diverser Anarchismen, als auch die Nacherzählung anarchistischer Geschichte kaum gewinnbringend. Sie verlangt vielmehr eine Herangehensweise, wie sie Marx schon 1847 skizzierte: „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.“(1) Für Marx steht nicht ein utopisches Ziel am Anfang des Denkens, sondern die bestehenden Voraussetzungen, d.h. die bestimmte Kritik des jetzigen Zustandes als Ausgangspunkt kommunistischer Bewegung.
Mit seinem Text „Die Befreiung des Gesellschaft vom Staat“ legte Erich Mühsam 1932 eine Programmschrift vor, welche nach seiner Aussage vor allem das Weltbild des Anarchismus strömungsübergreifend auf den Punkt bringen sollte. In der Tat vertritt Mühsam eine Reihe von Positionen, die für anarchistisches Denken bis heute typisch sind. Für ihn bedeutet Gesellschaft eine naturgegebene, organische Einheit als „Summe von Einzelmenschen.“ Im Gegensatz dazu erscheinen ihm Staat und Familie als äußerliche Gewalten, welche die an sich gute Gesellschaft dem Prinzip der Autorität unterwerfen. Dem Staat komme dabei die besondere Aufgabe, dass er die Gesellschaft „(...) in Klassen trennt und dadurch hindert, Gesellschaft zu sein.“(2) Der Kapitalismus sei demnach bloß eine Existenzweise, die der Gesellschaft durch den Staat mit Unterstützung der Familie aufoktroyiert werde.
Im Vortrag soll dieses anarchistische Weltbild mit der Marxschen und anderen kritischen Theorien konfrontiert werden. Der Fragen sind dabei viele und einige Punkte können in diesem ersten Beitrag zur Veranstaltungsreihe nur angerissen werden. Was bedeutet kapitalistische Vergesellschaftung? Warum sind „Familie“ und Staat keineswegs Inkarnationen eines autoritären (religiösen) Prinzips, sondern vielmehr privater und öffentlicher Bestandteil, Abspaltung und Funktion, Bedingung und Produkt der (bürgerlichen) Gesellschaft?
Die von Mühsam postulierte „Befreiung der Gesellschaft vom Staat“ bildet dabei den Abstoßungspunkt, um vom affirmativen Gesellschaftsbegriff des Anarchismus zu einer konkreten Kritik der Gesellschaft zu kommen, die im Sinne materialistischer Theorie als ein von den Menschen selbst stetig unbewusst produziertes und reproduziertes Verhältnis zu verstehen ist.
„Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat“ findet sich auch hier im Netz und kann (!) als Vorbereitung auf die Veranstaltung gelesen werden.
-----Fussnoten-----
(1) Marx-Engels-Werke, Band 3, S.35
(2) Erich Mühsam, Befreiung der Gesellschaft vom Staat, Berlin 2005, S. 48
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