Auf diesen Seiten finden sich aktuelle Informationen und Hintergrund-Materialien über den biologischen Kaffee der Kooperative Unión de Ejidos Otilio Montaño (UDEPOM). Diese Kooperative ist aufs Engste mit der chiapanekischen Organisation SOCAMA verflochten, die von mexikanischen Menschenrechtsgruppen als "Nährboden" der Todesschwadron Paz y Justicia bezeichnet wird. Unterstützt unsere Forderungen, protestiert hier!



Die Chiapas Kaffee-Kampagne ist ein Bündnis von verschiedenen basisgewerkschaftlichen und Mexiko-Soli-Gruppen.

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last update: 99-07-17


Chiapas Kaffee-Kampagne

Hintergrundrecherche zur Kampagne

 DER BIO-KAFFEE-SKANDAL

"Fairer" Kaffee aus schmutzigem Anbau
Fair gehandelter Kaffee und Aufstandsbekämpfung in Chiapas/Mexiko
Das System des "fairen Handels" weist erhebliche Mängel auf.

Was ursprünglich eine gute Idee war, um ein kleines bißchen mehr Gerechtigkeit zwischen den Metropolen und dem Trikont zu erreichen, wird immer mehr zu einem dubiosen Geschäft. Angeblich fair gehandelten Kaffee gibt es heute bereits im Supermarkt, nur was daran so fair sein soll, wird immer unklarer. Zur Erinnerung: Die ursprünglich Idee des fairen Handels war es, in Kooperativen organisierten Menschen in der 3. Welt ein halbwegs menschenwürdiges und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Heute jedoch zahlen wir z.B. 30 DM für 1 kg fair gehandelten Kaffees mit der nur recht vagen Hoffnung, es werde schon einem guten Zweck zukommen. Sicher wissen können wir es jedenfalls nicht. Wir können nur auf das berühmte Transfair-Siegel vertrauen, das inzwischen auf immer mehr Verpackungen steht. Das war es dann auch schon. Durch die Beschriftung erfahren wir so interessante Dinge, wie daß es sich um Hochland-Gourmet-Kaffee handelt. Oft erfährt man noch nicht einmal, aus welchem Land der Kaffee eigentlich stammt und so gut wie nie, ob er tatsächlich in Kooperativen hergestellt wird - und in welcher(n). Wenn doch, dann erwarten einen oft unangenehme Überraschungen. So im Falle der Firma LEBENSBAUM, die in lobenswerter Transparenz angibt, ihren Kaffee, der nicht nur das Transfair-Siegel trägt, sondern auch noch durch Naturland zertifziert wird, von der mexikanischen Kooperative Unión de Ejidos Profesór Otilio Montaño zu beziehen (UDEPOM).

Was ist die UDEPOM?

Die UDEPOM (Unión de Ejidos de Producción, Comercialización y Exportación de Productos Agropecuarios y de Transporte Profesor Otilio Montaño, Vereinigung der Ejidos für die Produktion, Vermarktung und Export landwirtschaftlicher Produkte und Transport 'Lehrer Otilio Montaño'), ist ein Zusammenschluß verschiedener Ejidos in Chiapas im Landkreis Motozintla. Ihre Umsätze liegen bei ca. 3,5 Mio. DM für geschätzte ca. 920 t Biokaffee. Davon werden 70 Prozent nach Europa exportiert und die restlichen 30% in die USA und nach Japan. Die biologische Qualität des Kaffees wird durch OCIA/USA und Naturland/Deutschland zertifiziert, die "soziale" von TransFair. Bemerkenswerterweise wird die Bio-Qualität aber auch durch die Finca Irlanda kontrolliert. Vertrieben wird der Kaffee von UDEPOM hierzulande von der Firma Lebensbaum in Diepholz.

Der Verflechtung von UDEPOM und SOCAMA

Die UDEPOM ist angeschlossen an die Organisation SOCAMA (Solidaridad Campesino Magisterial) "Bauern-Lehrersolidarität", einen Verband, der von (ex)-maoistischen Lehrern gegründet wurde und eng mit der Regierungspartei PRI verflochten ist.

Die Verflechtungen zwischen UDEPOM, der SOCAMA und der PRI sind auch personeller Natur. So z.B. im Fall von Manuel Hernández Gómez. Dieser ist in Personalunion führendes Mitglied der UDEPOM, einer der Gründer der SOCAMA und derzeit PRI-Abgeordneter im mexikanischen Bundesparlament . Das unabhängige Forschungszentrum CIACH schreibt in einem seiner Bulletins über ihn:

"Außerdem kann man beobachten, daß von den neuen Kandidaten der PRI, die die Abgeordnetensitze besetzen sollen, viele etwas mit SOCAMA zu tun haben oder irgendeine Beziehung zu dieser haben. So im Fall des obersten Führers der SOCAMA, Manuel Hernández Gómez, als Kandidat der Zone Sierra, wo die Kaffeeproduzenten-Organisation "Otilio Montaño" an Macht gewinnt. Ebenso im Fall des Kandidaten der Altos, (...). Beide sind dafür verantwortlich, die Protestanten dieses Ortes vertrieben zu haben [·]

Hernández Gomez entspringt einer Familie von PRI-Kaziquen aus San Juan Chamula, wo er lange Zeit Mitglied im Stadtrat war. Einer seiner Brüder, Silvano, ist dort bis heute Stadtkämmerer und kam jüngst ins Gerede, als er beschuldigt wurde, in großem Stil in den Waffenhandel für paramilitärische Banden in Chiapas verwickelt zu sein. In diesem Zusammenhang wurde auch der Name von Manuel Hernández Gómez genannt. Ein weiterer Abgeordneter der PRI, Antonio Gonzales Sánchez, war, nach uns vorliegenden Informationen, in den Jahren 1989-1994 Berater der UDEPOM.

Angesichts dieser personellen Verflechtungen mit der Staatspartei verwundert es nicht, daß die UDEPOM, anders als viele andere Kaffeeproduzenten der Region, keine nennenswerten Schwierigkeiten hat, in den Genuß staatlicher Unterstützungsprogramme und -Gelder zu kommen.

CIACH beschreibt das folgendermaßen:

"Laut Erklärungen der Bewohner der Gegend und einiger Mitglieder der Genossenschaft hat die Organisation Regierungsgelder für den Aufkauf von Kaffee und für verschiedenen Projekte erhalten: 1996 für Schweine- und Bienenzucht, 1997 für die Wiederbepflanzung von Kaffee-und Obstplantagen und 1998 für Honig- und Kaffee-Lagerhäuser. [·] Gegenwärtig hilft Manuel Hernández Gómez ihnen mit dem Entwicklungsprojekt PIRS (Proyecto de Impacto Regional de la Sierra)."

Neben staatlichen Direktkrediten in Höhe von mehreren hunderttausend DM diente Otilio Montaño, vermutlich aufgrund seiner Nähe zu PRI, auch als Versuchsfeld für neue Finanzierungsstrategien der mexikanischen Regierung. Welcher herausragende Stellenwert UDEPOM durch die mexikanischen Regierung offensichtlich zugebilligt wird, zeigt sich auch dadurch, daß der mexikanische Präsident, Zedillo, sich alleine dieses Jahr zwei Mal mit Vertretern von Otilio Montaño getroffen hat.

Doch nicht nur ökonomisch spielt die UDEPOM in der Gegend um Motozintla ein immer stärkeres Gewicht. Nach übereinstimmenden Aussagen mehrerer Menschenrechtsgruppen aus Chiapas hat Otilio Montaño auch politischen Einfluß, den die Kooperative für die Regierungspartei PRI in die Waagschale wirft. So wird die Kandidatur von Manuel Hernández Gómez zum PRI-Abgeordneten nicht zuletzt auf den Einfluß der UDEPOM zurückgeführt. In die gleiche Richtung äußert sich CIACH: "Sie haben es geschafft, ein politisches Netz aufzubauen, um die Kaffeeproduzenten unter Druck zu setzen und üben die politische Kontrolle über die Bevölkerung in dieser Region aus. Als Beispiel ist anzuführen, daß sie die Unterstützung von mindestens 20 Ejido-Vorsitzenden des Landkreises Motozinla haben - und so ist es fast in jedem Landkreis. Laut Erklärungen der Bewohner der Landkreise, in denen Otilio Montaño präsent ist, besteht sie hauptsächlich aus Kaziken der Ejidos der Sierra-Region. [·] Der zukünftige Bürgermeister von Motozintla für die PRI wird mithilfe der Otilio Montaño und der Staatsregierung eingesetzt werden".

Die Aufbereitung und Vermarktung des organischen Kaffees der UDEPOM geschieht u.a. über die SOCAMA, die über eine Kaffee-Trocknungsanlage in Motozintla verfügt. Nach Unterlagen der SEDESOL (Ministerium für Soziale Entwicklung) gehören zur SOCAMA neben UDEPOM eine Reihe weiterer Kaffeeanbauverbände, nämlich die UE (Union de Ejidos, Ejidovereinigung) Juan Sabinez Gutierrez im Landkreis Escuintla, die UE Huixtla im Landkreis Huixtla, die UE Maravilla Tenejapa im Landkreis Comitan und die S.S.S. (Sociedad de Solidaridad, Gesellschaft der sozialen Solidarität) "Los Tres Robles" im Landkreis Copainala.

Nach unserern eigenen Recherchen werden in dem SOCAMA-Jahresbereicht 1996 weitere Kaffeeproduzenten aufgelistet, deren Funktionäre auch als SOCAMA-Ausbilder sind.

Die SOCAMA bezeichnet sich als "Treuhandschaft für den Aufkauf und die Kommerzialisierung von Kaffee" ("Fideicomiso para el acopio y comercializacion de café"). Aufkauf und Weitervermarktung sind normalerweise typische Zwischenhändlertätigkeiten.

Nach Informationen der CIACH besitzt die UDEPOM neben einer Vorzeige- und Ausbildungsplantage in Motozintla auch eine Röstanlage (torrefactor) sowie einen Lkw/Truck.   

SOCAMA - der Nährboden der Todesschwadrone

Das Aktionsfeld der SOCAMA ist der gesamte Staat Chiapas. Mehr als 50.000 Familien sind in die diversen Produktionsbereiche integriert. Millionen von Staatsgeldern fließen in diese "Solidaritätsbewegung" der Lehrer mit den armen Bauern.

Die Ursprünge der SOCAMA liegen in der maostischen Lehrerbewegung der Línea Proletaria (LP) in den 70er Jahre. Damals erkämpften sie sich über "demokratische Basisversammlungen" die Kontrolle über die chiapenikische Sektion der korrupten, staatstreuen Lehrergewerkschaft SNTE. Der unbestrittene Führer ("líder") war von Anfang an der Lehrer Manuel Hernández Gómez, der zum Generalsekretär der chiapanekischen SNTE gewählt wurde, später dann zum nationalen Generalsekretär der Lehrerorganisation CNTE. Hier beginnt auch die reale Macht dieser Línea Proletaria-Kader, denn als Gewerkschaftsvorsitzende verfügten sie über massive Finanzquellen und Personal-Entscheidungen.

Der Aufstieg der SOCAMA

In Chiapas kommt es 1985 zu den ersten gemeinsamen Aktionen von Lehrern und Maisbauern der Fraylesca, die Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt fordert Tote. Aus dieser Zeit resultiert die Zusammenarbeit von Manuel Hernández Gómez mit German Jiménez Gómez, einem Führer 'alter Schule' der zur PRI gehörenden Nationalen Bauernkonföderation CNC. Bei nachfolgenden Straßenblokaden werden beide verhaftet und ins berüchtigte Gefängnis Cerro Hueco gesteckt. Das können sie und ihre Mitstreiter nach zwei Jahren wieder verlassen. Die Regierung des neuen Staatspräsidenten Salinas will eine andere Politik und hat dafür in Chiapas die entsprechenden Leute gefunden: die maoistischen Lehrerfunktionäre. Jetzt hatte sich ihr "in's Volk" gehen endlich gelohnt.

Die Liste von Hernández Gómez und seiner Mitgefangen liest sich im Nachhinein wie ein "Who is who" der späteren chiapanekischen PRI-Prominenz:

  • Manuel Hernández Gómez - Bundes-Abgeordneter der PRI (1997-2000), Vorsitzender des parlamentarischen Ausschusses für Wälder und Regenwälder, politischer Führer von SOCAMA, sowie ehemals "populistischer" Líder der Línea Proletaria in Chiapas
  • German Jiménez Gómez - Bundes-Abgeordneter der PRI in Mexiko City, früher CNC-Bauernführer von Chiapas (PRI-Abgeordneter bis 1996)
  • Jacobo Nazar Morales - Ex-Vorsitzender von SOCAMA
  • Julián Nazar Morales - PRI-Abgeordneter seit 1996
  • Jesus López Constantino - jetzt Führer der PT Chiapas (Arbeiterpartei)
  • Jorge Enrique Hernandez Aguilar - Ex-Generalstaatsanwalt von Chiapas, früher Journalist und Direktor des Diario de Chiapas, einer der mutmaßlichen Verantwortlichen für das Acteal-Massaker und weiterer Morde an Campesino-Funktionären!

Im Jahr 1988 gewinnt Carlos Salinas von der PRI die Präsidentschaftswahlen nur durch einen massiven Betrug inform eines inszenierten Computerausfalls. Gegenüber der starken Opposition ist eine andere Politik angesagt: Sofort nach seinem Amtsantritt 1989 verkündete Salinas die Gründung eines "Armutsbekämpfungsprogramms" namens PRONASOL (Programa Nacional de Solidaridad). Hauptsächlich werden die PRONASOL-Gelder jedoch zur Bekämpfung der Opposition eingesetzt, indem soziale Bewegungen aufkauft, gespalten oder in regimetreue verwandelt werden. Dies gelingt mit erstaunlicher Schnelligkeit und Effizienz.

Sofort nach der überraschenden Gefängnisentlassung wurde die Solidaridad Campesino Magisterial A.C. (SOCAMA) 1988 von Manuel Hernández Gómez gegründet. Nach eigenen Angaben sind mehr als 200.000 Menschen in ihr organisiert. Sie verfügt über ein eigenes Kreditinstitut, die SOCAEM - Bauern-Unternehmer-Solidarität - und baut ihr Netz verschiedensten Kooperativen und Erzeugergemeinschaften aus. Den Öko-Anbau hat man als einträgliches Geschäft entdeckt, das höhere Preise garantiert und auch mit den staatlichen Förderprogrammen und der Counterguerilla in Einklang zu bringen war ... Bio boomt!

"Uns geht es also sehr gut!" sagt Manuel Hernández Gómez. Das ist auch kein Wunder, bei der internationalen Unterstützung, die seine Truppe mittlerweile erhält. Neben Geldern der Weltbank fließen Fördermittel aus mexikanischen Quellen ununterbrochen in SOCAMA-Projekte.

Die Schulen der Gewalt und die Lehrer des Terrors

Anfang 1995 entstanden unter dem Eindruck des zapatistischen Aufstandes und dem drohenden Machtverlust der regionalen PRI-Kaziken die ersten paramilitärischen Gruppierungen, finanziert u.a. von PRI-Abgeordneten und gedeckt durch die Staatsanwaltschaft und das Militär. Gründer und Anleiter sind u.a. SOCAMA-Mitglieder und öLehrer, darunter der PRI-Abgeordnete und SOCAMA-Führer Sanchez Sanchez. Dessen Todesschwadron "Desarollo, Paz y Justicia" dient nicht nur der Repression gegen die Zivilgesellschaft sondern auch dazu, den "jungen wilden" Technokraten der SOCAMA innerhalb der PRI zum Durchbruch gegen die "traditionellen Dinosaurier" der chiapanekischen PRI-Oligarichie zu verhelfen. Und das, wie wir gesehen haben, mit Erfolg.

Die Regierung Ferro schließt wenige Tage vor den Neuwahlen für das Bundesparlament im Juli 1997 einen Vertrag zur "Unterstützung und Förderung der Agrarproduktivität" mit dem Todesschwadron (Desarollo), PAZ Y JUSTICIA ab, das sich zwischenzeitlich, so der chiapanekische PRI-Vorsitzende José Antonio Bodega, "in die SOCAMA integrierte".

Gegenstand dieses Vertrages, ist die Subventionierung dieser Paramilitärs durch SEDESOL-Gelder in Höhe von jährlich 4,6 Mio. Pesos (ca. 900.000 DM). Zunächst einmalig, aber mit der Option auf eine jährliche Verlängerung!

"Entwicklung, Frieden und Gerechtigkeit"

Mitlieder dieser Mörder- und Totschlägerbande "Desarollo, PAZ y JUSTICIA" sind mit Schnellfeuergewehren des Models AK-47 ausgerüstet und besitzen eigene Kommunikationssysteme (Funkgeräte). Sie können sich sicher fühlen, denn ihnen wird Straffreiheit zugesichert. Sie haben keine Schwierigkeiten, maskiert die Ernten anderer Kaffeekooperativen containerweise zu rauben. Sie plündern und zerstören konkurrierende Kaffeepflanzungen, vertreiben Kaffeebauern und verkaufen deren Ernten an Zwischenhändler, die Kojoten.

So wurde z.B. im Jahr 1997 die Unión de Ejidos y Comunidades (Ejido- und Gemeindevereinigung) Majomut im Landkreis Chenalhó besonders stark von den Paramilitärs angegriffen, weil in ihr PRI-nahe, neutrale aus der Gruppierung "Las Abejas" und pro-zapatistische Bauern zusammenarbeiten. Union Majomut ist auch bei Transfair registriert und belieferte die gepa. Eine us-amerikanische Gruppe von kirchlichen Unternehmern besuchte nach dem Massaker von Acteal auch die Unión Majomut: Die Gewalt ist hier nichts Neues, im Frühjahr 1997 raubten und zerstörten Paramilitärs die Kaffee-Ernte mit einem Verlust für die Kooperative von 250.000 Dollar. Aufgrund der Zerstörungen konnten 1998 mehrere wichtige Exportverträge nicht eingehalten werden (vgl. La Jornada vom 2.2.1998); außerdem droht ca. 250 Mitgliedern der Verlust der Naturland-Zertifizierung (Mitteilung vom 21.5.1998). Der Kampf um die Kontrolle des Anbaus und den Export von Biokaffee ist blutig entbrannt, er ist die Ursache für viele gewalttätige Konflikte. 

Der Gründer und Führer von "Desarrollo, PAZ Y JUSTICIA" ist Samuel Sánchez Sánchez, ein SOCAMA-Führer, der für die PRI im Parlament des Bundesstaates sitzt: "Ich bin Mitglied von 'Paz y Justicia', weil ich Indio bin, ich bin Chol", prahlt er in einem Interview. Von Beruf ist er ist Lehrer, Direktor einer Grundschule, außerdem natürlich noch Multifunktionär der Sektion VII der SNTE (u.a. Sektionsvorstand der Gruppe 03 von Tila), ein alter Kumpel von Manuel Hernández Gómez.

Augenzeugenbericht zufolge bilden SOCAMA-Lehrer Kinder u.a. in der Schule von Navil zu Paramilitärs aus.

"Nachdem die PRI bis 1994 bei den Regionalwahlen in der Chol-Region alle Sitze gewonnen hatte, erhält sie 1995 in den Landkreisen Tumbalá, Tila, Salto de Agua und Sabanilla im Norden von Chiapas nur eine Minderheit der Stimmen. Als Reaktion wird von der PRI die paramilitärische Gruppe Paz y Justicia gegründet, um die Bevölkerung durch Gewalt einzuschüchtern. Sie entführt Mitglieder der Opposition, führt willkürliche Verhaftungen durch, diffamiert die Diözese von San Cristóbal, führt Vertreibungen durch und begeht Morde. An der Spitze dieser Gruppe steht der Abgeordnete im chiapanekischen Parlament und Führer von Solidadidad Campesino Magisterial (SOCAMA), Samuel Sánchez Sánchez, der versucht, einen politischen Konflikt für einen religiösen auszugeben. Paz y Justicia wird in den Landkreisen Tila und Salto de Agua im Norden von Chiapas gegründet."

"Ab März 1995 attackiert Paz y Justicia ständig die Anhängerschaft der PRD in der nördlichen Region. Ihr Ziel ist es, die oppositionellen Gemeinden zu zerstören und die Oppositionellen aus den wenigen Gemeinden zu vertreiben, in denen die PRI noch über eine Mehrheit verfügt. Teil ihrer Strategie ist es, die Mitarbeiter der Diözese von San Cristóbal anzugreifen, die sie ungerechtfertigterweise beschuldigen, die Opposition und die Zapatisten gefördert zu haben. Paz y Justicia wird von den Viehbaronen von Playas de Catazajá, Palenque und Salto de Agua sowie deren Geschäftspartnern in Tabasco und Campeche finanziert. Sie wird von Tuxtla Gutiérrez aus vom PRI-Abgeordneten Samuel Sánchez Sánchez geschützt und geleitet. Die schlimmsten Attacken fanden im August/September 1995 und zwischen Juni und September 1996 statt. Ihnen fielen 300 Menschen zum Opfer. Paz y Justicia kontrolliert die Hauptstraßen von Tila und Sabanilla. Die staatlichen Sicherheitskräfte und das Bundesheer lassen das zu."

Seit ihrer Gründung im April 1995 überzieht PAZ y JUSTICIA die Nordregion von Chiapas mit einem Netz des Terrors. Alleine in den Monaten Juni bis September 1996 schätzen Menschenrechtsgruppen die Zahl ihrer Opfer auf mehr als 300 Menschen. Tausende von Bauern und LandarbeiterInnen wurden von PAZ y JUSTICIA vertrieben und vergewaltigt, ihre Habseligkeiten geraubt und ihr Land an Anhänger der Gruppe verteilt. PAZ y JUSTICIA agiert ganz offen als "Staat im Staate", sie unterhält eigene Straßensperren an vielen wichtigen Überlandstraßen, ihre Mitglieder treten teilweise in Polizeiuniform auf und sind an Razzien des staatlichen Unterdrückungsapparates beiteiligt. Der Terror der gut organisierten und finanzierten Gruppe richtet sich in erster Linie gegen alle, die sie für ZapatistInnen, Mitglieder der Oppositionspartei PRD oder Katechisten (Laienprediger) der Diozöse von San Cristobal (des Bischofs Samuel Ruiz) halten.

Schutz von oben - Gesetzlosigkeit, Straflosigkeit

Abgesichert wurde dieses Geflecht brutaler Gewalt u.a. durch Jorge Enrique Hernández Aguilar, der 1994 zum Generalstaatsanwalt aufstieg und zur Zeit Sekretär des Sicherheitsrates der chiapanekischen Landesregierung ist. Er wird für die Bildung von paramilitärischen Gruppen ebenso verantwortlich gemacht wie für die Exekutierung des inhaftierten Campesinos Reyes Penagos Martínez und gilt als einer der Drahtzieher des Acteal-Massakers vom 22. Dezember 1997. Insgesamt liegen gegen ihn über 190 Anklagen der Nationalen und der Staatlichen Menschenrechtskommissionen (CEDH und CNDH) vor!

Bevor er sich der Verfolgung von Oppositionellen widmete war er Journalist und einer der Initiatoren der SOCAMA. Der Vorsitzender der (OCEZ-) Casa del Pueblo (Bauernorganisation Emiliano Zapata - Haus des Volkes) von Venustiano Caranza, José María Hernández, erklärt in einem Interview mit der mexikanischen Wochenzeitung PROCESO, daß Hernández Aguilar "einer der blutigsten Staatsanwälte der letzten Zeit" war. Die beiden Campesino-Führer, Caralampio Gómez Ortega (OPEZ - Proletarische Organisation Emiliano Zapata) und Arturo Luna Luján (CIOAC - Unabhängige Zentrale der Landarbeiter und Kleinbauern) behaupten, daß Aguilar ursprünglich als Polizeispitzel in die sozialen Bewegungen eingeschleust worden sei.

Unsere Forderungen

Nach dem Massaker von El Acteal im Dezember 1997, bei dem 45 Frauen, Kinder und Männer von regierungsnahen Paramilitärs unter den Augen der staalichen Sicherheitskräfte brutal ermordet wurden, ging für kurze Zeit ein Aufschrei durch die Weltöffentlichkeit. Unter dem Druck der Öffentlichkeit wurden in den Folgemonaten nahezu 200 Staatsbeamte, PRI-Bürgermeister, Mitglieder der SOCAMA und Evangelisten verhaftet, gegen die wegen Beteiligung an dem Massaker ermittelt wurde. Mittlerweile ist es still darum geworden, der Ex-Gouverneur von Chiapas besorgt auf eigene Rechnung Anwälte für die Beschuldigten und die Ermittlungen drohen ö wie üblich ö im Sande zu verlaufen.

Derweil wird das Netz des Terrors weitergesponnen und die SOCAMA baut ihre Positionen mit Unterstützung staatlicher und multinationaler Kredite sowie den Exporterlösen ihrer Produktivgenossenschaften weiter aus.

Ein Teil dieser Erlöse wird, wie wir belegt haben, auch in Deutschland realisiert. Die beteiligten Firmen profitieren dadurch zumindest indirekt von der Politik der Aufstandsbekämpfung der mexikanischen Regierung. Das werden wir nicht weiter hinnehmen.

Wir fordern TransFair und Naturland auf, sofort alle Beziehungen zu den SOCAMA-Kooperativen und öInstitutionen abzubrechen und dem UDEPOM-Kaffee die Siegel zu entziehen.

Desweiteren fordern wir, daß TransFair und Naturland eigene Nachforschungen unternehmen, um sicherzustellen, ob nicht noch weitere SOCAMA-Produkte mit ihrer Zustimmung gehandelt werden, wie z.B. Honig, Cashewnüsse und Agavendicksaft.

Grundsätzlich fordern wir für die Zukunft, daß die Vergabe des TransFair-Siegels nur an Firmen erfolgt, die konkrete Angaben über die genaue Herkunft ihres Kaffees machen und beweisen können, daß er aus selbstbestimmten Kooperativen/Genossenschaften stammt. Im Falle Mexikos muß sich TransFair in Zukunft die Mühe machen, potentielle Siegelträger selbst aufzusuchen und deren interne Strukturen bzw. mögliche politische Verwicklungen gründlich zu untersuchen. In diesem Sinne ist eine Offenlegung der Kontrollberichte für die interessierte Öffentlichkeit unerläßlich. Es kann nicht angehen, daß ö wie von TransFair in letzter Zeit mehrfach vertreten ö die VerbraucherInnen sich über die konkreten Bedingungen und Hintergründe der Produkte mit TransFair-Siegel selbst informieren sollen. In diesem Zusammenhang fordern wir auch, unabhängige mexikanische Organisationen mit der Kontrolle der Handelskriterien zu beauftragen.

Chiapas Kaffee-Kampagne, 21.12.1998  

A N H A N G

Abtrünnige geraten in's Fadenkreuz - Der Todesflug der "Las Abejas" von Acteal

Was einer indigenen Gemeinschaft passiert, wenn sie die SOCAMA verlassen, kann am traurigen Beispiel der "Las Abejas", der Bienen, nachgezeichnet werden. Diese 22 Gemeinschaften aus Chenalhó verließen als christliche Indios die SOCAMA im Jahre 1992 und klagten, daß sie von dieser Organisation nur ausgenutzt worden seien. "Las Abejas" verstehen sich als zivile Organisation, deren Gegenstück die bewaffnete EZLN sei. Sie wollten eine eigenständige Kaffeekooperative aufbauen, ohne die Líder der SOCAMA.

Am 22. Dezember 1997 wurden 45 Frauen, Männer und Kinder durch das Todesschwadron "Máscara Roja" in einem mehrstündigen Gemetzel brutal ermordet, während Polizei und Militär unbeteiligt in der Nähe herumstanden. Wenige Tage vorher hatte PAZ Y JUSTICIA gerade massiv Gelder von der Regierung bekommen. Alles Zufälle?

Nach dem Massaker von Acteal gab die Generalstaatsanwaltschaft sofort bekannt, daß die Ermittlungen noch nicht beendet seien und daß gegen folgende, "möglicherweise im Staat operierende bewaffnete Gruppierungen" ermittelt würde: "CAIZ, ABU-XUC, Arriera Nocturna, Paz y Justicia, Tomás Münzer, MIRA, Alianza San Bartolomé de las Llamas, Chinchulines, Máscara Roja, SOCAMA, Degolladores, and APAZ" (Pressemitteilung, 22.12.1997). Später wurden u.a. ein Führer von PAZ Y JUSTICIA, Marcos Albino Torres, als Täter identifiziert - seines Zeichens erster Ratsherr von Tila (PROCESO 1104, 28.12.97).

Staat besoldet gefährdete Lehrer mit viel Geld...

"So wird verständlich, daß ein hoher Prozentsatz der Mordopfer in diesem Krieg in Chenalhó Lehrer sind. Angesichts dieser Krise reagiert der Staat schnell und versucht, sie mit Geld zu lösen. Konkret erhalten die Lehrer, die in SOCAMA organisiert sind und schon früher zahlreiche Vorteile erhalten haben, noch mehr Geld. In Chenalhó wird die Anwesenheit von SOCAMA in Form des Lehrers Luis Aguilar und seiner Lehrerorganisation ORPODEC deutlich." Die "Abejas" waren bis 1992 Mitglied diese 'Volksorganisation zur Verteidigung der Kulturen' (ORPODEC), die zur SOCAMA gehört.

"Tötet die Saat..."

"Die Teilnahme der Frauen an der politischen Auseinandersetzung und die Möglichkeiten neuer Organisisierung wurde zu einem Symbol der Bedrohung für die 'traditionellen Machtstrukturen' angesichts des voranschreitenden zapatistischen Kampfes. In vielen Gemeinden wurden Frauenversammlungen als Synonym für Zapatismus empfunden und aus diesem Grunde wurden sie zum Objekt der Belästigungen durch die örtlichen Machthaber. Die umgehende Antwort auf die Gründung der "Bienen" war die brutale öffentliche Vergewaltigung der drei Frauen der Gründer der Gruppe im Dezember 1992! Von da an gehörte die Agression gegen Frauen zum Alltag. 1997 wurden Frauen mehrfach gekidnapped und unter der Androhung der Ermordung ihrer Kinder gezwungen, für die paramilitärischen Gruppen zu kochen. Während des Acteal-Massakers riefen die Mörder: "Tötet die Saat!" Mit der Ermordung der Frauen versuchen sie das Symbol des Widerstandes zu töten."

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