Auf diesen Seiten finden sich aktuelle Informationen und Hintergrund-Materialien über den biologischen Kaffee der Kooperative Unión de Ejidos Otilio Montaño (UDEPOM). Diese Kooperative ist aufs Engste mit der chiapanekischen Organisation SOCAMA verflochten, die von mexikanischen Menschenrechtsgruppen als "Nährboden" der Todesschwadron Paz y Justicia bezeichnet wird. Unterstützt unsere Forderungen, protestiert hier!



Die Chiapas Kaffee-Kampagne ist ein Bündnis von verschiedenen basisgewerkschaftlichen und Mexiko-Soli-Gruppen.

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last update: 99-07-17


Chiapas Kaffee-Kampagne

Presseerklärung der Chiapas Kaffee-Kampagne, Januar 1999

 DER BIO-KAFFEE-SKANDAL

Mexiko: TransFair-Kaffee aus schmutzigem Anbau
Aufstandsbekämpfung mit Biokaffeegenossenschaften in Chiapas

In hiesigen Bioläden wird Kaffee der Kooperative Otilio Montaño (UDEPOM) verkauft, die auf's Engste mit der chiapanekischen Organisation SOCAMA verflochten ist. Letztere wird von mexikanischen Menschenrechtsgruppen und der Presse als "Nährboden" der Todesschwadron "Paz y Justicia" qualifiziert, die für über 300 Todesopfer und mehrere tausend vertriebene LandbewohnerInnen verantwortlich gemacht wird. Der Kaffee wird ökologisch durch Naturland zertifiziert und auf den Kaffeetüten wird mit dem TransFair-Siegel geworben.

Auf immer mehr Lebensmittelverpackungen prangt das TransFair-Siegel. Dieses Siegel steht für die Idee, mehr soziale Gerechtigkeit für kooperative ProduzentInnen in Entwicklungsländern zu erreichen. Ein aktueller Anlaß zeigt jedoch deutlich, daß kooperativ produzierter Kaffee nicht automatisch "fair" ist. Der von TransFair zertifizierte "Mexiko-Kaffee" der Firma Lebensbaum - ein hochwertiger Bio-Kaffee, der in Deutschland immerhin für DM 30,ö pro Kilo an gutgläubige VerbraucherInnen verkauft wird - stammt von dem Genossenschaftsverband Otilio Montaño (UDEPOM), mit Sitz in Motozintla, Chiapas. Dieser wird wegen seiner zentralen Rolle im Aufstandsbekämpfungskonzept von der mexikanischen Regierung bevorzugt gefördert.

Konkret: Diese Genossenschaft ist personell und ökonomisch Teil der regierungstreuen chiapanekischen Verbandes "Solidaridad Campesino Magisterial" (SOCAMA), als deren paramilitärischer Arm die Organisation "Paz y Justicia" gilt, die seit 1995 tausende andersdenkende Bauern und Bäuerinnen vertrieben, ihre Kaffeepflanzungen zerstört, ihre Ernte geraubt hat und auch vor Vergewaltigungen und Massakern nicht zurückschreckt. Menschenrechtsgruppen wie das Centro de Derechos Humanos Fray Bartolomé de la Casas schätzen die Zahl der Opfer von "Paz y Justicia" auf über 300 Menschen.

Die SOCAMA finanziert sich durch staatliche Unterstützungen genauso wie durch Beiträge ihrer Mitgliedsgenossenschaften. 

Die Kooperative Otilio Montaño - UDEPOM

Eine dieser Genossenschaften ist der Kaffeeanbau-Verband Unión de Ejidos Profesór Otilio Montaño (UDEPOM), ein Zusammenschluß von bäuerlichen ProduzentInnen im chiapanekischen Landkreis Motozintla. Der Umsatz liegt bei ca. 3,5 Millionen DM für geschätzte 920 t Biokaffee. Davon werden 70% nach Europa exportiert, der Rest in die USA und nach Japan. Seit der provisorischen Aufnahme in das FLO-Register Mitte 1996 trägt der Kaffee das "TransFair"-Siegel, seine Öko-Qualität wird durch den deutschen Bio-Anbauverband Naturland zertifiziert und von der Finca Irlanda kontrolliert. In Deutschland wird der Kaffee von der Firma Lebensbaum, mit Sitz in Diepholz, vermarktet. Darüber hinaus unterstützt die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) des deutschen Entwicklungshilfeministeriums die Vermarktung weiterer ökologischer Produkte der UDEPOM über ihr GreenTrade-Net.

Die UDEPOM ist nicht nur irgendeine Kooperative, die zufälligerweise der SOCAMA angehört. Das zeigt sich schon daran, daß neben Manuel Hernández Gómez, einem der Führer der SOCAMA und PRI-Abgeordneten im mexikanischen Bundesparlament, die UDEPOM weitere hochrangige SOCAMA-Funktionäre stellt. So z.B. einen ihrer Regionalkoordinatoren, der nach Angaben der mexikanischen Presse im Juli 1998 in dieser Funktion an Verhandlungen mit dem Ministerium SEDESOL teilnahm, bei denen es u.a. um die Mittelvergabe an "Paz y Justicia" und um "die Priorität der SOCAMA in Chiapas" ging. Angesichts dieser engen Verflechtungen verwundert es nicht, daß der mexikanische Präsident Zedillo alleine im Jahre 1998 zwei Mal mit Vertretern von Otilio Montaño zusammengetroffen ist. Die SOCAMA genießt Priorität bei der Vergabe staatlicher Finanzmittel - deshalb beklagte der Vorsitzende der mexikanischen Kaffeeproduzentenvereinigung CNOC jüngst, daß praktisch nur noch die SOCAMA und insbesondere UDEPOM in den Genuß staatlicher Unterstützung kämen.

SOCAMA - der Nährboden für Paramilitärs

Die "Lehrer-Bauern-Solidarität" (SOCAMA) wurde 1989 von ehemaligen maoistischen Lehrern gegründet und zählt heute mit 30.000-50.000 Mitgliederfamilien zu den größeren Produzentenverbänden in Chiapas. Sie verfügt über einen enormen ökonomischen und politischen Einfluß und steht in engster Verbindung zur mexikanischen Regierungspartei PRI. Für diese stellt sie Abgeordnete im Parlament von Chiapas und im mexikanischen Bundesparlament. So zum Beispiel den bereits erwähnten Manuel Hernández Gómez, der im mexikanischen Bundesparlament auch Vorsitzender des Ausschusses für Wälder und Regenwälder ist. Sein Bruder Silvano wurde als Stadtkämmerer von San Juan Chamula beschuldigt, im April 1998 im großen Stil die Versorgung paramilitärischer Gruppen mit Waffen organisiert zu haben. Der Gründer und General von "Paz y Justicia", der Schuldirektor Samuel Sánchez Sánchez, ein weiterer SOCAMA-Funktionär, saß bis zum Ablauf seiner Wahlperiode 1998 für die PRI im Parlament des Bundesstaates Chiapas.

Durch diese engen Verflechtungen mit der Regierungspartei, die bis in den Beraterstab des mexikanischen Präsidenten Zedillo reichen, ist es der SOCAMA in den letzten Jahren gelungen, ein beachtliches Wirtschaftsimperium aufzubauen, zu dem u.a. eine eigene Bank gehört. Millionensummen nationaler und internationaler Entwicklungsgelder werden für ihre Projekte kanalisiert. 

"Paz y Justicia" - Frieden und Gerechtigkeit?

Seit seiner Gründung im April 1995 überzieht die Todesschwadron "Paz y Justicia" ("Frieden und Gerechtigkeit"!) die Nordregion von Chiapas mit einem Netz des Terrors. Diese Paramilitärs agieren ganz offen als "Staat im Staate". Sie errichten Straßensperren, ihre Mitglieder treten nach Berichten aus Mexiko teilweise in Polizeiuniformen auf und sind an Razzien der staatlichen Unterdrückungsorgane beteiligt. Der Terror der Gruppe richtet sich in erster Linie gegen alle, die sie für AnhängerInnen der EZLN-Zapatistas, Mitglieder der Oppositionspartei PRD oder Laienprediger der Diözese von San Cristobál halten. Finanziert wird die technisch hochgerüstete Gruppe u.a. aus staatlichen Zuwendungen in Höhe von mehreren hundertausend DM. Sie agiert unter Bedingungen nahezu vollständiger Straffreiheit, bis vor kurzem u.a. abgesichert durch den ehemaligen Generalstaatsanwalt von Chiapas, Jorge Henrique Hernández Aguilar, einem Mitbegründer der SOCAMA. Gegen ihn wird wegen des Verdachts der Beteiligung am Massaker von El Acteal ermittelt. In Acteal waren am 22. Dezember 1997 45 Kinder, Frauen und Männer unter den Augen des Militärs von Todesschwadronen ermordet worden. Sie waren Mitglieder einer bäuerlichen Gemeinschaft, die im Jahre 1992 die SOCAMA verlassen und diese öffentlich kritisiert hatte. Seither wurden fast 200 Ermittlungsverfahren u.a. gegen Politiker der Regierungspartei PRI, ehemalige Angehörige der Streitkräfte und "Sicherheitsorgane" sowie Mitgliedern paramilitärischer Organisationen eingeleitet; unter ihnen zahlreiche Mitglieder der SOCAMA. 

"Der Kampf um den biologischen Kaffee ist blutig entbrannt"

Mexikanische Menschenrechtsgruppen bezeichnen die SOCAMA als Schlüsselfaktor des Aufstands-bekämpfungskonzeptes der mexikanischen Regierung gegen die Rebellion der indigenen Bevölkerung in der Folge des zapatistischen Aufstandes seit Anfang 1994. Während die Armee die ZapatistenInnen der EZLN und die aufständischen Gemeinden militärisch eingekreist hat, hat sich in den Landkreisen außerhalb der Kernzone ein "Krieg niedriger Intensität" entwickelt. Eine Doppelstrategie aus paramilitärischem Terror einerseits und sozialer Spaltung durch gezielte Kanalisierung von Fördermitteln über regierungsnahe Organisationen andererseits. Regierungsunabhängige Produzentenvereinigungen, wie die Kaffee-Kooperative Majomut (ebenfalls TransFair-Partnerorganisation) werden durch Bedrohung, Verhinderung und Raub der Ernte ökonomisch liquidiert, der geraubte Kaffee dient ö so betroffene Bauern ö mit zur Finanzierung von Waffenkäufen der Paramilitärs: "Der Kampf um den biologischen Kaffee", heißt es in einem mexikanischen Zeitungsbericht, "ist blutig entbrannt".

FLO: Neutral bei der Austandsbekämpfung?

Im Dezember 1998 baten wir TransFair, Köln, um eine Stellungnahme zu dem von uns vorgelegten Material. Statt von TransFair erhielten wir kurz darauf eine Antwort von den Fair Trade Labelling Organizations International (FLO), dem internationalen Dachverband aller Transfair und Max Havelaar-Handelsorganisationen. Darin wurde zugegeben, daß der FLO "Gerüchte um die politischen Verflechtungen rund um die UDEPOM" bekannt seien. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, daß aufgrund der "angespannten politischen Situation (...) die Arbeit als Zertifizierer enorm behindert" sei, da "derzeit keine Arbeitserlaubnis für die (...) Vor-Ort-Inspektionen in Chiapas" ausgestellt würde. Dennoch wolle man im Laufe des Jahres 1999 zu einer Entscheidung über den Status von Otilio Montaño kommen. Angesichts der Funktion "gewisser Gruppen", die "von der Regierung als Inseln der Stabilität benutzt werden, um übergeordnete Interessen des Staates in Chiapas durchzusetzen", behalte man sich vor, "eine neutrale Position zu beziehen". Eine in unseren Augen mehr als bedenkliche Neutralität, zumal zum gleichen Zeitpunkt Mitglieder einer anderen FLO-Partnerorganisation in Chiapas von Paramilitärs gewaltsam um ihre Ernte gebracht werden! 

Unsere Forderungen

Angesichts der aufgedeckten Verflechtungen stellt sich die Frage, ob nicht diejenigen Firmen, die Erlöse aus der Vermarktung des UDEPOM-Kaffees erzielen ö wissentlich oder unwissentlich ö die Aufstandsbekämpfung der mexikanischen Regierung und ihre "Inseln der Stabilität" mitfinanzieren. Und mit ihnen die arglosen KonsumentInnen.

Wir fordern deshalb:

  • TransFair, Naturland und die GTZ auf, sofort alle Beziehungen zu den SOCAMA-Anbauvereinigungen abzubrechen, dem UDEPOM-Kaffee das TransFair-Siegel zu entziehen und sicherzustellen, daß keine weiteren SOCAMA-Produkte vermarktet werden.
  • eine bessere Kontrolle und eine Überarbeitung der Zertifizierungskriterien seitens TransFair und Naturland, um sicherzustellen, daß in Zukunft keine Produzentenvereinigungen mehr zertifiziert werden, die im Zusammenhang mit menschenrechtsverletztenden Strukturen stehen.
  • mehr Transparenz seitens TransFair und Naturland. Auf der Verpackung jedes zertifizierten TransFair-Produktes soll seine genaue Herkunft kenntlich gemacht werden. Das TransFair-Kaffeeregister soll der interessierten Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden.
  • die Offenlegung sämtlicher Dokumente, die Gegenstand der FLO-Evaluierung über Otilio Montaño sind, ebenso wie die des Abschlußberichtes, der im Jahre 1999 verfaßt werden soll. Es muß Aufgabe von TransFair sein, der Öffentlichkeit die relevanten Informationen bzgl. der Zertifizierung einer Partnerorganisation zur Verfügung zu stellen und nicht ö wie in letzter Zeit von TransFair geäußert ö die Aufgabe der KonsumentInnen, sich selbst um die Beibringung von Informationen zu kümmern.
  • Stoppen wir die Unterstützung der Paramilitärs in Chiapas!

Chiapas Kaffee-Kampagne, 24. Januar 1999
Anfragen nach Interviews und weiterem Material richten Sie bitte an:
Chiapas Kaffee-Kampagne, c/o Infoladen, Dahlweg 64, 48153 Münster
e-mail: kaffee@list.free.de

Nach dem Massaker von El Acteal ging ein Aufschrei durch die Weltöffentlichkeit, die Täter aber sind bis heute straflos geblieben. Heute sammelt die katholische Caritas in Zusammenarbeit mit Lebensbaum und Naturland für den Wiederaufbau der teilweise durch Unwetter zerstörten UDEPOM. Wir meinen, diese Spendengelder sollten besser zur Unterstützung der Opfer von Acteal und zum Wiederaufbau der durch Paramilitärs zerstörten Kooperativen verwendet werden.

Verwendete Abkürzungen:

CNOC - Coordinadora Nacional de Organizaciones Cafetaleras ö Nationale Koordination von Kaffeeanbau-Organisationen.

EZLN - Ejército Zapatista de Liberación Nacional ö Zapatistische Armee der nationalen Befreiung. Indigene Befreiuungssarmee, die sich im Januar 1994 gegen die mexikanische Regierung erhoben hat. Seit Mitte Januar 1994 führt sie den Kampf um bessere Lebensbedingungen, Autonomie und Demokratie nur noch mit nicht-militärischen Mitteln.

GTZ - Gesellschaft für technische Zusammenarbeit. Gehört zu hundert Prozent dem Bundesentwicklungshilfe-Ministeriums. Unterstützt die Vermarktung von biologischen Produkten der UDEPOM über ihr GreenTrade-Net.

FLO - Fair Trade Labelling Organizations International. Dachverband der TransFair- und Max Havelaar-Stiftungen für fairen Handel.

PRI - Partido Revolucionario Institucional ö Institutionalisierte revolutionäre Partei. "Ewige" mexikanische Regierungspartei, seit über 70 Jahren - häufig durch Wahlbetrug - an der Macht.

SEDESOL - Secretaría de Desarrollo Social, Ministerium für Soziale Entwicklung der mexikanischen Bundesregierung.

SOCAMA - Solidaridad Campesino Magisterial - Bauern-Lehrer-Solidarität. Ende der 80er Jahre durch maoistische Lehrerfunktionäre gegründeter Produzenten-Verband. Heute ökonomisch und politisch bedeutende Vereinigung mit großem politischen Einfluß innerhalb der Regierungspartei PRI.

UDEPOM - Unión de Ejídos Profesór Otilio Montaño - Ejído-Union Otilio Montaño. Zur SOCAMA gehörende Kaffee-Kooperative. Benannt nach einem Dorfschullehrer, der als Verräter an der mexikanischen Revolution hingerichtet wurde.

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