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Die Direkte Aktion - Ausgabe 189 | September & Oktober 2008 ist erschienen.
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Proletarität und ihre Kultur
Zur Aktualität des anarchosyndikalistischen Konzeptes – ein Diskussionsbeitrag



Es ist typisch, dass sich die „andere Arbeiterbewegung“ ihre eigenen Organisationen geschaffen hat, schafft und schaffen wird. Für viele ArbeiterInnen bedeutet gewerkschaftliches Engagement eben mehr, als regelmäßig Beiträge zu zahlen. Für die Streikpraxis der etablierten Gewerkschaften haben sie, sowohl was Methoden, als auch, was (Miss-)Erfolge angeht, nur ein müdes Lächeln übrig. Sie gehen mit gewerkschaftlichen Institutionen á la DGB und Betriebsräten entsprechend anders um; sie vertrauen ihnen nicht So ist letzten Endes auch die FAU entstanden, auch wenn sie nie alle „Unorganisierbaren“ integriert hat. So erklärt sich die vorübergehende Größe der FAUD Anfang der 1920er Jahre, so erklärt sich die kleine Renaissance des Anarchosyndikalismus Anfang des 21. Jahrhunderts.
Letzten Endes ist das eine Stärke der FAU: Sie ist nicht wichtig, weil sie als Institution immer besteht und medial wichtig sein kann, sondern weil sie dann interessant wird, wenn ein (klassen-)kämpferisches Ereignis geschieht, das unvorhersehbar erschien. Anarchosyndikalismus wird dann interessant, wenn akute Kämpfe ausgefochten werden oder durch akute Kämpfe Einzelpersonen „politisiert“ wurden, wenn die Kämpfenden für die hegemonialen Organisationen uninteressant sind und wenn diese als ökonomische Opposition entsprechend keine Partner mehr sein wollen.

Faktor Klassenzusammensetzung

Wir müssen keine Verelendungstheorie bemühen, um festzustellen, dass anarchosyndikalistische Organisationen immer dann im Aufwind waren, wenn es zu einer neuen Klassenzusammensetzung kam. Das Diktum der Wobblies: „Die arbeitende Klasse und die besitzende Klasse haben nichts gemeinsam“ gilt zwar durchweg, aber das Bewusstsein des Nichts-gemeinsam-Habens im ökonomischen Sinne war denen, die neu und härter ausgebeutet wurden, bis heute näher. Karl-Heinz Roth hat in seiner historischen Untersuchung über die „andere Arbeiterbewegung“ gezeigt, dass es in der Geschichte die neuen ausgebeuteten Klassenfragmente waren, die, fernab von einem Berufsstolz oder der Identifizierung mit dem arbeitgebenden Betrieb, zu radikalen Methoden griffen.
Wir können Roths These noch dahin zuspitzen, dass ein Klassenbewusstsein in erster Linie das Bewusstsein über die eigene Ausbeutung ist, das entsteht, wenn reale Kämpfe geführt werden und schlussendlich in Folge das Bedürfnis entsteht, sich gemeinsam auf Klassenbasis zu organisieren – nach dem Kampfzyklus. Anarchosyndikalistische Organisationen sind insofern der Versuch, radikale Formen von Protest zu verstetigen.
Die „Wiederkehr der Proletarität“, die Karl-Heinz Roth 1992 diagnostizierte, kommt momentan zu ihrer Verwirklichung. Mit den Arbeitsbedingungen in Callcentern, Zeitarbeitsfirmen und der Situation von Erwerbslosen in Zeiten von Hartz IV hat sich ein Klassenfragment gebildet, an dem der DGB wenig Interesse hat, da sich dieses Fragment nicht aus zahlungskräftigen Mitgliedern rekrutiert. Ganz im Gegenteil: die LIDL-Kassiererin oder der Callcenter-Agent zahlen so wenig an Beiträgen, dass die Einzelgewerkschaft bei der Organisierung dieser Klientel draufzahlt. Die Forderungen dieser Klientel sind selten geeignet, Massen zu mobilisieren, und schon gar nicht, mit ihnen „Politik“ zu machen. Soweit diese Gruppe denn das Bedürfnis nach Verstetigung des Protests hat und gewerkschaftlich orientiert ist, sucht sie nach Alternativen. Und da ist neben der FAU nicht viel.

Zeiten des Kampfes

Die FAU ist im Laufe ihrer Geschichte davon geprägt worden, dass sie von Menschen getragen wurde, die sich mit der Geschichte und Theorie des Anarchosyndikalismus beschäftigt haben und diese plausibel fanden. Durch solche IdealistInnen hat die FAU ihre „Tiefs“ überlebt. Allein war Anarchosyndikalismus nie nur eine Sache der Theorie. Dogmatiker jeglicher Couleur mögen der FAU das vorwerfen, aber genau das ist ihre Stärke: Anarchosyndikalismus gewinnt an Profil, wenn Menschen anfangen zu kämpfen und aus diesen Kämpfen die Erkenntnis einer Notwendigkeit von Organisation erwächst – gemeinsam mit der Erkenntnis, das die bestehenden Organisationen nicht helfen können.
Dass wir momentan eine Phase wachsender Kämpfe haben, wenn auch nicht in einem historischen Ausmaß, zeigen auch reformistische Strömungen: Mindestlohnforderungen, die bis weit in die CDU getragen werden, ein vermeintlicher allgemeiner Linkstrend, wie die Zeit kürzlich diagnostizierte und vor allem die maßgeblich wachsende Zahl an Streiks.
Gerade letztere sind, betrachtet man sie genauer, in den letzten Jahren vermehrt von einer heterogenen Basis getragen worden, während die Gewerkschaften des DGB mit aller Kraft versuchen, sie zu vermeiden oder zumindest zu verkürzen, da sie erstens ein finanzielles Risiko darstellen und zweitens die autoritär-institutionelle Argumentationsmacht schwächen. Das Proletariat fühlt sich in seinen Interessen vom DGB nicht mehr vertreten. Das ist keine Organisationsverdrossenheit, sondern ein Schritt auf der Suche nach einer adäquaten Organisationsform.

Getrübte Sicht

Soviel zur Notwendigkeit und dem Bedürfnis nach neuen, anderen Organisationen. Allein müssen wir feststellen, dass fast alle Streiks der letzten Zeit verloren wurden oder halbgare Ergebnisse erzielten. Das ist mit dem Gekusche des DGB allein nicht zu erklären, sondern hat seinen Grund auch darin, dass nicht jene Fragmente des Proletariats kämpfen, die eine entsprechende Arbeitermacht haben, sondern jene, die es besonders nötig haben. Ein kurzer Blick auf die Streiks der letzten Jahre zeigt, dass die Arbeiterkämpfe, die in relevanten Sektoren – neue Dienstleistungen und insbes. der Transportsektor, wie etwa der staatlich boykottierte GDL-Streik zeigt – stattfanden, erfolgreicher waren als andere Arbeiterkämpfe. Es gibt aber einen massiven Überhang von Proletarisierten, gerade im Dienstleistungssektor, die sozial deklassiert wurden und sich dagegen wehren, proletarisch zu werden: Das gilt etwa für Intellektuelle und AkademikerInnen, denen das neoliberale Diktum „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ soweit eingeimpft wurde, dass sie, selbst wenn sie sich als Linke verstehen, dem Irrglauben verfallen sind, allein wieder aus der Misere zu entkommen. Klassisches Beispiel sind hier die Proteste gegen Hartz IV: diese werden oftmals von einer Bourgeoisie getragen, die Angst vor dem sozialen Absturz hat.
Ein zweites Klassenfragment bilden die schon abgeschriebenen „Überflüssigen“. Im Gegensatz zu den Intellektuellen, die glauben, sich alleine befreien zu können, haben sie keine Hoffnung mehr in eine Veränderung der eigenen und allgemeinen ökonomischen Zustände. Entweder sie resignieren oder setzen auf die Befreiung eines eingebildeten, begrenzten Kollektivs: auf die nationale Zugehörigkeit.
In Folge dessen orientiert sich ein für die „andere Arbeiterbewegung“ relevanter Teil heute nicht mehr syndikalistisch, sondern schlicht und einfach faschistisch. Die hegemoniale Kultur von Deutschpop bis Fußball-WM tut ihr übriges, um diesen Trend zu verstärken.

Gegendiskurs

Der traditionelle Anarchosyndikalismus hatte eine Antwort darauf: neben der direkten ökonomischen Aktion setzte er auf Kultur. Diese ist ein wesentliches Element des Anarchosyndikalismus, an dem es heute massiv hapert.
Das liegt keineswegs am kulturellen Desinteresse: Kultur im weiteren Sinne umfasst einen spätestens 1973 einsetzenden und in den 1990er Jahren dominierend werdenden Diskurs, der die Existenz von Klassen leugnet und die Selbstständigkeit des Individuums betont. Dieser Diskurs macht auch vor gestandenen AnarchistInnen nicht Halt. Parallel dazu etabliert sich ein neuer banal-nationalistischer Diskurs, der ähnlich integrativ wirken kann.
Es wäre an der Zeit, in die kulturelle Offensive zu gehen. Das ist aber einfacher gesagt als getan. Zu Hochzeiten des Anarchosyndikalismus gab es eine dezidiert kollektivistische Arbeiterkultur, die durch ihre Bedürfnisse geprägt war. Ersetzt wurde diese durch zahlreiche Subkulturen. Wie soll der Anarchosyndikalismus eine proletarische Kultur etablieren, wenn der Chef gemeinsam mit dem Proletarier auf das Punk- oder HipHop-Konzert geht. Es ist kein Wunder, wenn der ökonomische Hauptwiderspruch – „nichts gemeinsam“ – durch gemeinsame kulturelle Vorlieben vertuscht ist, dass ein Grossteil des Proletariats die Differenz nicht mehr nachvollziehen kann und will.
Abstruse Strömungen, die sich selber libertär nennen, sind entsprechend zu dem Schluss gekommen, dass gerne jeder Mensch Kapitalist sein möchte. Stellen wir das Argument vom Kopf auf die Füße, dann geht es darum, dass niemand Arbeiter sein möchte. Auch das ist am Streikgeschehen ersichtlich: Niemand kämpft für seine Arbeit, sondern alle darum, möglichst wenig arbeiten zu müssen. Hohe Abfindungen oder bessere Arbeitsbedingungen, die die Möglichkeit eröffnen, zu studieren, sich selbstständig zu machen oder weniger fremdbestimmt zu arbeiten, sind oft die Argumente für einen Arbeiterkampf. Wer am Arbeitsplatz klaut oder die Arbeitsbedingungen sabotiert, macht das, um möglichst wenig zu arbeiten – womit wir wieder bei der „anderen Arbeiterbewegung“ wären, jenen, die keine Loyalität mit dem Betrieb verpflichtet, sondern allein ihr besseres Leben.

Fazit

Zu der absurden Konsequenz, dass alle Kapitalisten sein wollen, kann man nur kommen, wenn man in Klassengesellschaften denkt: Es geht allein darum, dass niemand gerne ausgebeutet wird und daher nicht gerne Proletariat ist. Die Auflösung der Klassengesellschaft ist ein Urgedanke jedes Kommunismus und Sozialismus. Das Interesse des Proletariats ist nicht, Arbeiter zu sein und auch nicht, Kapitalist zu werden, sondern nicht in diese Struktur eingebettet zu sein.
Letzten Endes heißt das für eine anarchosyndikalistische Perspektive: um sich kulturell zu etablieren, muss auf das Bedürfnis eingegangen werden, nicht oder möglichst wenig zu arbeiten. Gleichzeitig muss dieser Gedanke kollektivistisch sein. Eine Arbeiterkultur muss auf das Bedürfnis eingehen, nicht mehr fremdbestimmt arbeiten zu müssen, gerade deswegen aber auch die momentanen, gemeinsamen Bedingungen der Arbeitswelt thematisieren. Die gerne gestellte Frage „Reform oder Revolution“ stellt sich so gar nicht, denn beide Strategien entspringen demselben Interesse, nicht ausgebeutet zu werden.

Teodor Webin