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DA - 05.03.05
von Monty Cantsin, FAU Kiel
Seit wann duzen wir uns?
Interview mit Karsten Weber vom Internetforum chefduzen.de
chefduzen.de ist ein Internetforum, in dem Menschen aus den unterschiedlichsten Branchen und Betrieben aus ihrem Arbeitsalltag plaudern. Auf diesem Weg soll Vereinzelung und Entfremdung aufgebrochen und stattdessen Raum für persönliche Erfahrungen mit Chefs und den verschiedensten Arbeitsbedingungen geboten werden. In dem selbsternannten "Forum der Ausgebeuteten" werden Erfahrungen aus Arbeitskämpfen weitergegeben, Tips zum Umgang mit Behörden ausgetauscht oder interessante Firmeninterna verraten. Dass das den Bossen nicht immer gefällt, ist klar. So kam es recht schnell zu ersten juristischen Auseinandersetzungen mit Firmen wie z.B. freenet oder der Zeitarbeitsfirma alpha. chefduzen.de wurde mit Unterlassungsklagen und Schadensersatzforderungen in absurden Höhen überzogen. Doch es geht weiter. Der Widerstand ist ungebrochen, zur Zeit besuchen etwa 1000 bis 2000 Menschen pro Tag das Forum. Als vor drei Jahren in Kiel die Idee zum Online-Tratschen entstand, war Karsten Weber dabei. Bis heute ist er einer der Betreiber und Moderatoren. Wir trafen ihn, um uns ganz ungezwungen in die Firmeninterna von chefduzen einweihen zu lassen.
Was war die Idee, als ihr das Forum der Ausgebeuteten ins Leben gerufen habt?
- Die Idee ist eigentlich schon Jahre älter als das Forum. Grundlage ist die Erkenntnis, dass nur eine Minderheit vom Kapitalismus profitiert und die eigentlich somit eine Mehrheit der Bevölkerung gegen sich haben müsste. Es ging also darum, diejenigen, die in diesem System den Kürzeren ziehen, zu erreichen, um sich gemeinsam zu wehren und sich nicht länger gegeneinander ausspielen zu lassen. Ursprünglich war es als Stammtisch der Ausgebeuteten geplant
Warum habt ihr euch für diese virtuelle Form der Auseinandersetzung entschieden?
- Als in den späten 90ern die New Economy-Blase platzte und massenhaft Leute aus dem IT-Bereich ihre Jobs verloren, gelang es dem amerikanischen Forum "Netslaves", die Desillusionierten in eine politische Diskussion einzubinden. Das war die Inspiration für uns, auch das Internet als zusätzliche Möglichkeit des Austauschs zu nutzen.
Wie hat sich das Ganze entwickelt?
- Wir haben absolutes Neuland betreten und hatten keine Ahnung, ob das eine Zukunft haben würde. Es blieb recht lange von der Beteiligung her auf niedrigem Niveau, bis uns die ersten Angriffe von Ausbeuterbetrieben ins Zentrum des Interesses geschossen haben.
Wann und wie kam es zu ersten Konflikten mit Konzernen?
- Die Schwierigkeiten kamen ganz von selbst in Form von Anwaltsschreiben. Begonnen hat's mit einem Münchner Sklavenhändler Anfang 2004, der wollte, dass der Erlebnisbericht eines ehemaligen Mitarbeiters über illegale Geschäftspraktiken nicht länger der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden darf. Es war uns klar, dass jeder Unternehmer einen negativen Bericht für rufschädigend hält und wir dachten, wenn wir jetzt klein beigeben, können wir genauso gut gleich aufgeben, dann könnte jeder Unternehmer jeden Bericht unterbinden. Das war vielleicht juristisch nicht gerade clever von uns, denn genau so sieht die Situation aus: Wir müssen beweisen, dass die anonym geposteten Beiträge der Wahrheit entsprechen. Ansonsten können wir für alles belangt werden, was wir nicht nach Aufforderung löschen. Der juristische Angriff mit absurder Heftigkeit, ein angedrohtes Zwangsgeld von bis zu 250 000 Euro, bzw. sechs Monate Knast, gegen uns hat schließlich einen solchen Riesenwirbel ausgelöst, der nicht im Sinne des Unternehmens gewesen sein kann. Der Bericht wurde von nur wenigen hundert Forumsbesuchern gelesen, aber dann schoss die Zahl blitzartig auf mehrere zehntausend hoch. Andere Netzprojekte haben den Artikel, den wir löschen mussten, weiterveröffentlicht und Leute, die wir nicht kennen, haben Flyer für Chefduzen produziert und in Münchner U-Bahnen ausgelegt. Wir sollten uns eigentlich bei den Firmen, die uns mundtot machen wollten, bedanken. Ohne ihre Hilfe wäre chefduzen.de nie zu einem der populärsten politischen Foren geworden. Inzwischen macht man sich auf der "anderen Seite" ernste Gedanken, wie man Projekten wie unserem anders begegnen kann.
Wie sieht die Situation jetzt aus?
- Wir haben schon etwas dazugelernt. Wenn wir jetzt Anwaltspost kriegen, veröffentlichen wir sofort die anwaltliche Aufforderung und kehren den Artikel in sein Gegenteil und loben die betreffende Firma über den grünen Klee. Da weiß jede/r Leser/in Bescheid und die können uns nicht mehr an den Karren fahren. Die lernen aber auch dazu und schlagen anderweitig zu. Die freenet AG, die juristisch gegen die Forenbetreiber nicht ankam, machte sich dann einfach an den presserechtlich Verantwortlichen eines freenetkritischen Flugblatts heran. Auch einen Bericht über die Arbeit in einer DrückerInnenkolonne mussten wir auf Wunsch des Autors löschen, weil er von seinem Arbeitgeber massiv bedroht wurde. Ganz ähnlich war es mit einem Bericht über das Arbeitsklima in einem alteingesessenen Kieler Geschäft für Büro- und Künstlerbedarf. Als die Geschäftsführung sich nicht juristisch durchsetzen konnte, drohten sie, ihren Ex-Mitarbeiter in Kiel auf eine Schwarze Liste zu setzen. Ein weiteres Problem ist, dass wir bereits mehrfach polizeilich aufgefordert wurden, Userdaten der beanstandeten AutorInnen herauszugeben.
Ihr versteht euch als ein "Projekt zur proletarischen Selbsthilfe". Gibt es Ansätze, von der virtuellen Ebene in eine gemeinsame Praxis überzugehen?
- Darum geht es ja eigentlich! Nicht chefduzen.de kämpft für ein besseres Leben, sondern das müssen die Leute schon selbst tun. Das Forum ist ein Angebot, ein Werkzeug für diesen Kampf. Es scheint sich zum Teil von selbst in die richtige Richtung zu entwickeln. Zu allererst kriegen hier viele mit, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein sind und dass es auch nicht an ihrem persönlichen Versagen liegt, wenn sie finanziell völlig am Arsch sind. Sie tauschen sich aus und wenn es nur ganz einfache rechtliche Dinge sind, z.B. wie man einen Widerspruch einlegt. Und es gibt inzwischen Ansätze, die weitergehen: im Bereich Leiharbeit beginnen Leute zu diskutieren, wie man konkrete Verbesserungen von Arbeitsbedingungen durchsetzen kann.
Im Moment macht ihr eine Solikampagne unter dem Motto "Chefduzen vs. Ausbeuter". Was läuft da?
- Wir haben bisher erst einen Teil der Kosten der Auseinandersetzungen durch Spenden zusammenbekommen. Die Kampagne mit Benefizveranstaltungen unter dem Titel chefduzen vs. Ausbeuter ist auch gleichzeitig Propaganda – nicht nur für unser Forum, sondern für den politischen Ansatz, Ausbeutung zu einem zentralen Thema zu machen.
Was wünscht ihr euch für die Zukunft?
- Eigentlich keine Wünsche für das Forum, sondern für die politische Praxis: Ich halte es für wichtig, dass wir diese ganzen Spaltungen überwinden. Jeder Betrieb wurstelt für sich, die Leute vom zweiten Arbeitsmarkt und die Erwerbslosen. Als in Spanien die Regierung die Verschlechterung der Bedingungen für Erwerbslose ankündigte, traten die Arbeiter in einen Generalstreik. In vielen Ländern gibt es auch Basisgruppen, in denen die unterschiedlichsten Leute zusammengewürfelt sind, egal ob gewerkschaftlich oder politisch organisiert oder nicht, egal ob Facharbeiter/In, Aushilfe, Hausfrau oder Erwerbslose. Diese Gruppen haben zum Teil beträchtlichen Einfluss bei Arbeitskämpfen. In den 70ern gab es hier bei uns einen Boom an Bürgerinitiativen und es ist an der Zeit, dass sich jetzt Leute organisieren gegen Ausbeutung und Verarmung. Vielleicht in der Form von Stammtischen, egal wie man solche regelmäßigen Treffen auch nennen mag.
Danke für das Interview.
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