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Vorsicht: Wobbly am Steuer!

DA - 16.01.2005 von Adam Welch

In Kalifornien sind seit Mai mehr als 200 LKW-Fahrer den IWW beigetreten und führten bereits mehrere Arbeitskämpfe erfolgreich durch

Über 200 selbständige LKW-Fahrer aus Stockton (Kalifornien), die in den Güterbahnhöfen der „Central Valley“ Kaliforniens ihre Aufträge erhalten, sind seit Juli den IWW beigetreten und haben seitdem mehrere Arbeitskämpfe gewonnen. In den letzten Wochen hat die Gewerkschaft erfolgreich gegen lebenslang ausgesprochene Platzverweise zweier IWW-Mitglieder, die den „Burlington Nothern-Santa Fe“-Güterbahnhof betrafen, gekämpft. Gleichzeitig schlossen sie nach einem Streik bei der „Patriot Trucking Company“, wo 11 Fahrer arbeiten, ein Abkommen zu günstigen Konditionen ab.

Zur Zeit setzen sich sie mit unbezahlten Wartezeiten auseinander, die bis zu zwei Stunden dauern können und von denen immer mehr Fahrer betroffen sind, und wehren sich darüber hinaus gegen zu niedrig berechnete Zahlungen. „Die Fahrer kämpfen jeden einzelnen Tag um ihr Geld“, so ein Trucker.

In Stockton arbeiten etwa 250 LKW-Fahrer für Güterbahnhöfe, werden aber als selbständige Subunternehmer betrachtet. Die Trucker besitzen die LKWs und verleasen diese an die Firmen, für die sie arbeiten. Fast 85% sind Sikhs aus dem Punjab in Indien. Aber es gibt auch viele Latinos, Fahrer aus den Phillipen, Kambodscha, dem Nahen Osten, Schwarze und Weiße.

Anfang Mai kam es an der Westküste zu Streiks wegen der ansteigenden Kraftstoffpreise, die die Arbeiter aus ihrer eigenen Tasche bezahlen müssen. Die Stockton-Truckers behaupten, die ersten gewesen zu sein, die streikten. „Diesel war damals das Hauptprolem. Die Firmen erhielten damals einen Kraftstoffzuschlag, gaben den aber nicht an die Fahrer weiter“, sagt der 25jährige Trucker Gurp Singh, der mit 16 aus Indien in die USA kam und seit vier Jahren Brummi fährt.

Der Streik dauerte zwei Wochen und hat einiges erreicht, nicht zuletzt 20 - 25% Erhöhung der Sätze für Frachtlieferungen sowie eine Verkürzung unbezahlter Wartezeiten auf max. eine Stunde. „Wenn alle zusammenhalten, haben die eigentlich keine Wahl. Was können die dann schon tun?“, sagt Singh über die Streiks im Mai. In Stockton konkurrieren fast 30 Firmen um die Geschäfte mit den Güterbahnhöfen, und das hat die Errungenschaften des Mai-Streiks allerdings langsam untergraben.

Joining the Union

Einen Monat nach dem Streik im Mai setzten sich die Stockton-Trucker mit den IWW in Verbindung, und die Organizer der Bay Area (San Francisco, Berkeley, Oakland usw.), Bruce Valde, Adam Welch und Harjit Gill trafen sich mit 45 Fahrern in der Bibliothek des Stocktoner Sikh-Tempels. Nach einer intensiven Diskussion, die ganz in Punjabi gehalten wurde, entschieden sich die Fahrer, mit der Gewerkschaft zusammenzuarbeiten. Alle die am Treffen teilnahmen, traten sofort den IWW bei und begannen, ihre Kollegen für die Gewerkschaft anzuwerben.
Die dafür ausschlaggebenden Gründe waren, daß die IWW erstens schon Erfahrung beim Organisieren von Freiberuflern gesammelt hatten, zweitens, daß sie sowohl individuelle wie kollektive Anliegen der Mitglieder behandeln, und drittens, daß der IWW-Organizer Harjit Gill Punjabi als Muttersprache spricht. „Es tat gut, gleichzeitig beiden communities zu helfen, den IWW und Leuten, die aus dem selben Land stammen wie ich und meine Familie“, so Gill. Wie wichtig das für die Punjabi-Arbeiter ist, mag folgendes verdeutlichen: Die Patriot-Arbeiter berichten davon, daß die Manager den indischen Fahrern verboten hatten, in den Geschäftsräumen ihre eigene Sprache zu benutzen. „Weder die Fahrer noch ich glauben, daß dahinter kein Rassismus steckt“, sagt Gill.

Daraufhin wurden die Bay Area Organizers eingeladen, zwei Tage lang unter einem Baum nahe einer Ausfahrt des Highways 5 auszuharren, um dort neue Mitglieder anzuwerben. Die Aktivisten der Trucker nutzten CD-Funk, Handys und ein mit dickem Filzstift selbstgemaltes Schild, mit dem sie Fahrer aus dem Verkehr herauswinkten, um Mitgliedsausweise an sie auszugeben. Auf dem Schild stand: „LKW-Raststätte zum Gewerkschaft Auftanken“. Am ersten Tag unterschrieben 90 Trucker auf der Motorhaube eines Autos und wurden so Mitglieder der IWW.

Kampf gegen Berufsverbote auf Lebenszeit

Auf dem folgenden Treffen diskutierten die Mitglieder verschiedene Anliegen. Unter anderem bekamen sie die Geschichte von Vijay Kashatria zu hören, dem von einem Polizisten des Burlington Northern-Santa Fe-Güterbahnhofs (BNSF) ein lebenslanger Platzverweis erteilt wurde, weil er einen Strafzettel wegen Überfahrens eines Stopschilds nicht anerkennen wollte. Die Fahrer stimmten einem Aktionsplan zu, um den Job für ihren fellow worker zurückzugewinnen.
Nachdem die IWW Kontakt mit ihm aufgenommen hatten, behauptete BNSF-Manager Bob Tooke, er kenne keinen Vermerk über den Fall, und Kashatria konnte seine Arbeit wieder aufnehmen. Mitglied Robert Wooten litt ebenso unter einem lebenslangen Platzverweis, kurz nachdem er von der BNSF verlangt hatte, zu protokollieren, daß die Fracht, die er entgegennehmen sollte, bereits beschädigt war. Ein BNSF-Polizist, der nicht gerne sah, daß jemand Unfrieden stiftet, wollte seine Papiere sehen, doch Wooten weigerte sich. Dieser Verweis wurde ebenfalls rasch unwirksam.
Singh erzählt, wie er und andere Fahrer herumtelefonierten, um die Nachricht von den Siegen zu verbreiten. „Alle waren davon hellauf begeistert. Das war überhaupt erst das zweite Mal, daß ein lebenslanger Platzverweis umgestoßen wurde“, sagt er.

Patriot-Streik gewinnt Forderungen

Weil sie die Einkommenskürzungen und unfairen Behandlungen nicht mehr hinnehmen konnten, kam es am 13. September zu einem Streik bei der Firma Patriot Trucking. Dewey Obtinalla, IWW-Mitglied und Fahrer bei Patriot, über die Zustände: „Sie heizten die Leute zum Mitmachen an“. Patriot-Manager Casey Stevenson fuhr mit seinem Pickup auf das Feld, wo die Fahrer sich versammelt hatten, und unterschrieb dort eine Vereinbarung, die 70 % der 14 Forderungen der Fahrer umfaßte. „Für uns ist das wie ein Sieg. Es ist nicht so viel, aber es ist besser als das, was wir hatten. Seitdem sind sie höflich zu uns. Das ist der eigentliche Sieg für uns, daß wir korrekt behandelt werden“, sagt Obtinalla. Kurz danach erfuhren die IWW, daß Casey Stevenson von der Firmenzentrale in Dallas entlassen wurde.

Zur Zeit bereiten die Fahrer eine Kampagne dafür vor, daß alle Firmen zur Ein-Stunden-Wartezeit-Regelung zurückkehren, wie sie während des Maistreiks beschlossen worden war. Wenn die Fahrer Fracht bei einem Kunden abgeliefert haben, sind sie gezwungen, während der Entladung bis zu zwei Stunden unbezahlt zu warten. Nach Ablauf dieser Wartezeit erhalten die Fahrer 35 - 45 US$ für jede weitere Stunde, die den Kunden in Rechnung gestellt werden.

„Sie sind faul, und das gehört dazu. Aber sie haben sich daran gewöhnt, diese Macht über die Fahrer zu haben. Die behandeln einen wie eine Art Tier. Die wollen, daß man ohne Bezahlung arbeitet, und wenn man sich weigert, sagen sie, daß man nach hause fahren soll“, äußert sich Singh über die Wartezeiten.

Die Firmen stehen in einem ständigen Konkurrenzkampf um Aufträge von den Brokern, Mittelsmänner, die eine Provision bekommen, wenn sie zwischen Güterbahnhöfen, Firmen und Kunden Verträge vermitteln. Firmen mit einstündiger Wartezeit verlieren Aufträge an Firmen mit zweistündiger Wartezeit, wodurch sie unter Druck gesetzt werden, ihre Wartezeiten wieder zu verlängern. „Es hat sich gezeigt, wenn eine handvoll Trucker aufhört zu arbeiten, sind die Bosse bereit, zu verhandeln. Die Trucker haben viel Macht in dieser Industrie“, sagt Organizer Valde, „und die IWW stellen sich hinter die Arbeiter, die bereit sind, diese Macht zu benutzen“.

Adam Welch | Übersetzung: Matti Seiffert und Mark Willard


Sonderbeilage
da166_beilage.pdf


07.01.2009 - http://www.fau.org/da/ausgaben/da_166/art_050116-080917