DA - 25.03.04
von
Josephine Askegård
Hauptrolle: Arbeiter
Die Leinwand entdeckt das Proletariat
In ganz Europa dominieren amerikanische Filme das Kinoprogramm. Diese Wahrheit wird so oft wiederholt, dass man sich fragt, ob sie überhaupt stimmt. „Europa Cinema“, ein Zusammenschluss europäischer, und einiger nordafrikanischer, Verleiher und Kinobetrieber, die sich für europäische Filme einsetzen, betonen, dass besonders in Osteuropa teilweise sogar mehr als 80 Prozent aller gezeigten Kinofilme aus Nordamerika stammen. Deutschland scheint - mit Filmen wie „Good-bye Lenin“ (Wolfgang Becker), den über 6 Millionen Zuschauer gesehen haben oder dem größtem Kinoerfolg der letzten Jahre „Der Schuh der Manitu“ (Michael Herbig) mit fast 12 Millionen Zuschauern - ein bisschen besser davon zu kommen. Aber deutsche Filme werden in Deutschland mit viel weniger Kopien verliehen als Filme aus den USA. In der (west)-deutschen Nachkriegs-Filmgeschichte gibt es natürlich die klassischen, international bekannten Regisseure wie Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta und der Gigant Rainer Werner Fassbinder, der nie die einfachen, realer Mensch da unten, ganz aus den Augen gelassen hat.
Der Status des europäischen Films ist wichtig, wenn man analysieren will, wie die Helden oder Heldinnen auf der Leinwand den alltäglichen, realen Menschen darstellen. Manchmal fragt man sich, ob es in den heutigen USA überhaupt eine Arbeiterklasse gibt. Oder kann es sein, dass Leute, die über 30, behindert oder fett sind, ohne lustig zu sein oder politisch aktiv sind, ohne dabei leicht verrückt zu sein, auch in der amerikanischen Realität nur als Nebendarsteller auftreten?
Wenn ich an amerikanische Arbeiterdramen denke, kann ich ohne zu zögern eigentlich nur ein paar ältere Filme nennen. Da gibt es die unbehaglich sentimentale Norma Rae (Martin Ritt, 1979). Debra Wingers Arbeitermädchen in der Hollywoodproduktion „An officer and a gentleman“ (Taylor Hackford, 1982) ist tatsächlich ein ziemlich cooles und dreckiges Portrait eines Proletenmädchens, das in einer lärmenden langweiligen Umgebung arbeitet, bewusst über seine Klassenzugehörigkeit und die Aussichtlosigkeit, je daraus zu entfliehen (außer, natürlich, durch die Liebe). Aus den USA haben wir in Europa nicht gerade eine Vielfalt von Arbeiterklassenerzählungen importiert. Die wenigen amerikanischen Regisseure, denen ein Proletarier-Portrait gelungen ist, sind oft später in andere Richtungen gegangen. Taylor Hackford ist ein solches Beispiel. Seine späteren Filme handelten von Anwaltmilieus, von Entführern in Südamerika, der Musikindustrie, Boxkämpfen oder einem Dorf in Maine. Martin Ritt ist eine Ausnahme. In den 50ern auf die schwarze Liste wegen angeblichen Beziehungen zu Kommunisten gesetzt, hat er immer wieder Menschen von den „Hinterhöfen“ gezeigt. Aber wie bei vielen amerikanischen Filmemachern ist auch bei Ritt das Arbeiterklassen-Milieu eine Kulisse, die einfach ausgewechselt werden kann und nicht ein unveränderliches Geburtsmal.
In Europa ist die Situation ganz anders. Hier gibt es einige Regisseure, die sich in Arbeiterumgebungen wohlfühlen und das auch immer wieder schildern. Die großen Ikonen sind natürlich Mike Leigh („Secrets and Lies“, 1996) und Ken Loach (z.B. „Riff-Raff“, 1994, „Raining Stones“, 1994). Diese beiden waren Vorreiter der besonderen britischen Komödien, die ganz mit dem Charme der Arbeiterklasse vollgepackt sind (als Gegensatz zum „Londoner Snob“, dem Feind jedes Proletariers).
Doch die Klischees, mit denen Arbeiter im britischen Film dargestellt werden, sind inzwischen so strapaziert, dass selbst wir Nicht-Briten wissen, dass die Schotten drogenabhängig und arbeitslos sind, die Iren musikalische Alkoholiker und arbeitslos, die Waleser nur komisch, die Männer aus Südengland sind vielleicht arbeitlos, aber die haben eine Idee. Alle diese Männer trinken sehr viel Alkohol, was ihnen Probleme mit ihren Frauen einbringt, die im 21. Jahrhundert immer noch in dreckigen Schürzen vor dem Herd stehen.
Leider hat sich dieses grobe Bild von Arbeitern im britischen Film so ausgebreitet, dass es sogar schon Spuren in klassischen Filmen hinterlässt. Der beispiellose kommerzielle Erfolg dieser Filme im Ausland macht es naturalistischen Regisseuren immer schwerer, solche Klischees zu umgehen. „My Name is Joe“ (Ken Loach) war z.B. einerseits ein sehr beeindruckender Film. Doch auf den zweiten Blick fiel auf, dass die Darstellung der ungezogenen, lärmenden Alkoholiker eine nervige Ähnlichkeit hat mit anderen burlesquen, ungezogenen Arbeitermännern, wie z.B. in Filmen wie „Brassed Off“ (Mark Herman, 1996) oder „The Full Monty“ (Peter Cattaneo, 1997). Auch die hysterische Arbeiterfrau aus „Secrets and Lies“, die beim Besuch im Schönheitssalon panische Angst hat, etwas falsch zu machen, haben wir mittlerweile mehr als zur Genüge gesehen.
Ansonsten ist Ken Loach derjenige, dem es am besten gelingt, die Klischees zu meiden, indem er das Individuum in der Gruppe zeigt. Filme wie „Sweet Sixteen“ oder seine Kampffilme „Bread and Roses“ und „The Navigators“ sind schwer zu vermarkten. Aber trotzdem liefen sie in vielen verschiedenen Ländern und haben damit der brutalen und ganz dem Markt verpflichteten Filmindustrie gezeigt, dass sich auch mit Geschichten der Arbeiterklasse Eintrittskarten verkaufen lassen.
Es gibt auch einen anderen besonderen Grund, warum die Arbeiterklasse sich im britischen Film so breit gemacht hat. Schon in den 30er-Jahren beschloss die kommunistische Partei in Grossbritannien, sehr bewusst Geld und Energie in Film als Propagandamittel zu stecken. Man ließ nicht nur die unhör- und sehbaren Filme aus der Sowjetunion Stalins importieren (oder schmuggeln), um damit nebenbei der Partei eine gute Einkomensquelle zu verschaffen. Sondern man errichtete im ganzen Land eigene Kinos, wo eigenproduzierte Dokumentar- und später auch Spielfilme gezeigt wurden, oft zusammen mit irgendeiner moralischen Vorlesung. Während der 50er- und 60er-Jahre hatten heute bekannte Schauspielerinnen wie Vanessa Redgrave oder Helen Mirren kleine Auftritte in radikalen Filmen über junge Arbeiter, die einen Weg aus der Hoffnungslosigkeit suchten. Hauptdarsteller waren immer ein Mann oder eine Gruppe von Männern. Nicht ganz so spaßig wie ihre Enkelkinder in den heutigen Arbeiterklassenkomödien, aber immer mit einen engen Verbundenheit.
Der Filmbetrieb der kommunistischen Partei bildete mehrere junge Radikale aus, die später in das kommerzielle Geschäft wechselten. In Grossbritannien gibt es außerdem den radikalen Fernsehsender „Channel 4“, der Filme produziert und zeigt, die kein anderer sich zu zeigen trauen würde.
Das kommerzielle Bild von der Arbeiterklasse ist demnach sehr eindimensional, aber nicht durch und durch schlecht. Klar, in vielen Filmen sieht man nur die Armut, das öde und dreckige Leben der Arbeiter in Birmingham, Liverpool und Manchester. Aber die Arbeiterklassenwelle hat auch Platz geschaffen für Filme wie „Billy Elliot“ (Stephan Daldry, 2000), der zwar vor dem Hintergrund des grossen Bergbaustreiks von 1984 spielt, aber auch eine glamouröse, märchenhafte Handlung hat. Der Exporterfolg dieses Films hat wahrscheinlich noch mehr Regisseure und Verleiher in ganz Europa inspiriert. Aus Frankreich stammt der sehr beindruckende Film „Ressources humaines“ (Laurent Cantet, 1999), der europaweit in Kinos lief und den DGB-Filmpreis 2001 bekam.
Filme in Frankreich, Belgien und Holland haben die Tendenz, eher Kaufhauskassierer oder unterbezahlte Kindergärtnerinnen (was im Gegensatz zu Filmen aus England oft Frauen sind) oder manchmal das langweilige Leben eines LKW-Fahrers zu zeigen und weniger die körperbetonte Arbeit und den dreckigen Körper eines Bergarbeiters.
Die deutsche Arbeiterklasse wird in einheimischen Produktionen oft mit ein bisschen mehr Musik (altmodisch) und Politikinteresse (reaktionär) gezeigt, als ihre Brüder und Schwestern im übrigen Europa. Die Italiener essen, und die Spanier haben viel Sex. Das gilt in erster Hand nur für Filme, die international verliehen werden, was nur einem sehr kleinen Teil der Gesamtproduktion enspricht. Die Schlussfolgerung, die man daraus ziehen kann, ist wahrscheinlich, dass Verleih und Medien einen sehr grossen Einfluss haben, vielleicht einen grösseren als die Filmemacher selber. Man kann natürlich sehr viel nuancenreichere Schilderungen der Arbeiterklasse, ihrer Welt und ihrer Kämpfe produzieren - aber wenn die keinen kommerziellen Vertrieb bekommen, bleiben nur die Klischees erhalten, für den Kinobesucher, der gern etwas Einfaches bestätigt bekommt.
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Hinweis
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