News - 25.03.04
von Martin Hauptmann, FAU Frankfurt/M
Spitzel im Geldbeutel
Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass du nicht verfolgt wirst
Der staatliche Überwachungschip, den man per Gesetz mitführen muss: Eine Horrorvorstellung aus dem anti-utopischen Roman? Die Forderung nach einem beiläufig auf Distanz ablesbaren Pass bzw. Personalausweis wird immer lauter. Für andere staatliche Spitzel im Geldbeutel gbt es bereits konkrete Pläne: Ab 2005 will die EZB wohl Überwachungschips in Geldscheine einbauen. Die Firma Hitachi bestätigt Verhandlungen mit der EZB über eine Sicherung von Banknoten mit über Distanz auslesbaren Chips. Die EZB kommentiert das nicht.
Aktiviert wird solch ein batterieloser Chip durch einen elektromagnetischen Impuls. Aus diesem bezieht er seine Energie und sendet ein Signal. Chips dieser Bauart heißen Transponder, Smart-Labels, Smart-Tags, RFID-Tags oder RFID-Chips. RFID steht für Radio Frequency Identification. Die Chips sind sehr unscheinbar, lassen sich hervorragend in Produkten und Verpackungen verstecken und kosten in Massenfertigung nur Centbeträge. Und jeder einzelne ist eindeutig identifizierbar.
**Der Supermarkt von morgen**
Für den Handel sind Transponder natürlich interessant; die heute üblichen Strichcodes sind groß und hässlich. Zudem hat nur jeder Artikel einen eigenen Strichcode. Mit RFID-Technik hat jedes einzelne Exemplar jedes Artikels eine eigene Nummer.
Mehrkosten für die Chips lassen sich auf vielerlei Weise wieder hereinholen. Lager- und Bestellzyklen würden kürzer werden, wenn das Regal genau weiß, wieviel Stück einer Ware in ihm liegen. Die Inventur würde wesentlich billiger. Nach einer vollständigen Umstellung wären Kassiererinnen überflüssig (Warteschlangen hingegen bleiben uns erhalten, solange es Geld gibt). Kunden würden einfach mit dem Einkaufswagen in eine freundlich gestaltete Antennen-Kasse geschleust, die alle RFID-Chips ausliest. Die Waren würde man gleich mit EC-Karte bezahlen. Anschließend programmierten die Antennen alle RFID-Tags im Einkaufswagen so um, dass sie jetzt als bezahlt gelten. Schlussendlich würde sich die Schranke öffnen und man dürfte Kasse und Laden verlassen.
Doch erst die Kombination von RFID-Waren mit einer RFID-Kundenkarte macht die Sache richtig spannend. Der „Customer Loyalty Mechanism“ von Texas Instruments veranschaulicht, wie Antennen schön unauffällig in Boden, Wand oder Regalen verlegt werden können, um den Kunden während seines gesamten Einkaufs zu „begleiten“. Die Vorstellung, nicht nur stichprobenweise das Käuferinnenverhalten zu untersuchen, sondern einen vollständigen Überblick zu haben, muss das Herz jeder Verkaufspsychologin höher schlagen lassen. Die Kundenprofile werden genauer. Und die Kundenbindung lässt sich individuell erzeugen. Wer im Supermarkt der Zukunft minutenlang vor dem Schnapsregal zögert, wird beim nächsten Besuch durch das Farbdisplay am Einkaufswagen auf ein Sonderangebot für flüssigen Wahnsinn hingewiesen. Wer billige Nudeln kauft, bekommt billiges Pesto empfohlen. Wer Bio-Nudeln kauft, bekommt teures Pesto, passenden Ökowein und frischen Parmesan mitsamt Reibe angeboten. Wer im Kaufhof souverän immer nach teuren Marken greift, erhält im Media-Markt maßgeschneiderte Produktinformationen über exklusive Mobiltelefone.
**Anonym in der Metro?**
Kaufhof, real, Praktiker, Media-Markt, Saturn und andere gehören zur Metro AG.
Im Future-Store in Rheinfeld verwendet Metro neue Techniken. Auch einige Produkte mit RFID-Tags sind im Programm (von Gillette und Procter & Gamble) und werden ausgewertet. Die Welt des Einzelhandels und der Hersteller beobachtet die Reaktion der Kunden in diesem Testmarkt (etwas vergleichbares gibt es sonst nur noch in England von Marks & Spencer sowie von Tesco).
Die Deutschen gelten als unkritische Konsumenten (auch für kopiergeschützte Musik-CDs ist die BRD Testmarkt). Wenn sogar in Deutschland gegen die aufklebbaren Spitzelchips rebelliert wird, müssen Handel und Hersteller sich etwas anderes überlegen.
Um bei den Kunden des Future-Store Vertrauen zu gewinnen, setzte die Metro AG scheinbar auf Offenheit und Transparenz. Am Eingang stehen Broschüren, die über Vorteile und Einsatzgebiete der RFID-Technik aufklären sollen.
**Big Brother empfängt seine Kritiker**
Am 31. Januar 2004 empfingen der Pressesprecher und der RFID-Projektleiter von Metro eine der schärfsten Kritikerinnen der RFID-Technik: Katherine Albrecht (Boston, USA), die Vorsitzende des Bürgerrechtevereins CASPIAN. Befragung und Führung durch den Future Store wurden geplant und organisiert vom Bielefelder FoeBuD e. V. (www.foebud.org). FoeBuD verleiht jährlich den bekannten Big-Brother-Award. Im Jahr 2003 ging der Preis unter anderem an die Metro AG wegen des Future Store.
In Hinblick auf ihre scheinbare Offenheit und Transparenz mussten die Metro-Vertreter sich auf die Begehung einlassen. Vergeblich versuchte die Metro, ihre Kritikerinnen für dumm zu verkaufen. Besonders stolz waren sie auf ihren so genannten RFID-Deaktivator. Im Presse-Prospekt steht, dass mit dem Deaktivator „der auf dem Chip gespeicherte Nummerncode“ gelöscht werde. Dabei verschweigt Metro, dass nur Daten wie EAN-Nummer und Mindesthaltbarkeitsdatum auf Null gesetzt werden, die weltweit eindeutige RFID-Chip-Nummer selbst jedoch erhalten bleibt. Darauf angesprochen antworteten die Metro-Vertreter mit treuherzigem Blick, dass die Metro diese Nummer selbstverständlich nicht verwende. Die Nummer sei vom Hersteller Philips vorgegeben und für die Metro völlig ohne Belang.
**Metro lügt**
Bei aller vorgeblichen Transparenz bleibt die „Aufklärung“ durch die Metro AG Gaukelei. Den größten Hammer hat Metro in allen Kunden- und Pressebroschüren verschwiegen: In der Payback-Kundenkarte selbst steckt auch ein RFID-Chip.
Die Bürgerrechtlerinnen haben das leider erst bei einer Veranstaltung am Tag nach dem Treffen bei Metro bemerkt und waren fassungslos. Der Metro-Pressesprecher von Truchseß behauptete, dass es bei den DVD-Regalen Hinweise auf den in der Kundenkarte befindlichen RFID-Chip gegeben habe. Zum Beweis lieferte er am 2. Februar ein Foto mit. Das war glatt gelogen: Durch einen glücklichen Zufall schossen die FoeBuD-Leute bei der Begehung am 31. Januar ein Foto, das den selben Bildausschnitt zeigt wie das „Beweisfoto“ der Metro – und die Hinweise waren nicht da.
FoeBuD stellte als Konsequenz aus dem Faktischen und den Ungereimtheiten, Nebelkerzen und Lügen das Ultimatum an die Metro AG, ihren RFID-Versuch zu beenden.
**Was tun gegen Spitzelchips?**
Die Arbeit von FoeBuD ist unterstützenswert. Boykottaufrufe gegen die beteiligten Firmen weiterzutragen ist ein wichtiges Mittel, um die flächendeckende Einführung zu verhindern. Falls das nicht gelingt, müssen wir uns Wege überlegen, die Chips aufzuspüren und unschädlich zu machen.
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Hinweis
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Dieser Text darf zu nichtkommerziellen Zwecken reproduziert und weitergegeben werden. Wir bitten in diesem Fall folgenden Hinweis anzufügen: [Quelle: Direkte Aktion Ausgabe 162, März./Apr. 2004, http://www.fau.org]. Der Reproduktion auch von Teilen dieses Beitrags in kommerziellen Medien bedarf unserer vorherigen schriftlichen Zustimmung.
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