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DA - 25.12.03 von Frank Bärmann/FAU Frankfurt a. M

Die IG Farben i.A.: Insolvenz und Planspiele

Am 10. November hat die IG Farben i.A. Insolvenz angemeldet

Am 10. November hat die IG Farben i.A. Insolvenz angemeldet. Deswegen gab es am gleichen Tag eine Pressekonferenz in Frankfurt am Main, dem Firmensitz der IG Farben. Die Pressekonferenz war von Protesten begleitet, obwohl der Pressetermin lange von den Liquidatoren geheim gehalten worden war. Die Geheimhaltung ist offensichtlich und nicht unbegründet, weil die Liquidatoren Protestaktionen vermeiden wollten. Denn Proteste waren ihnen bei den alljährlichen Hauptversammlungen schon lästig genug, vor allem, weil sie von den Medien wahrgenommen und so die Aktivitäten der IG Farben an die Öffentlichkeit getragen wurden.

Die Offensichtlichkeit der Geheimhaltung läßt sich allein durch die Presseberichte der drei großen Tageszeitungen Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau und Frankfurter Allgemeine Zeitung erkennen. Am Donnerstag, den 6. November 2003, gaben diese Zeitungen eine mögliche Insolvenz der IG Farben i.A. bekannt. Die Bekanntgabe war eine Pflichtmeldung. Der Aufbau der Meldung war in diesen drei ausgewählten Tageszeitungen ähnlich: zum einen die Mitteilung über eine drohende Zahlungsunfähigkeit wegen Zahlungsausfällen, zum andern ein starker Einbruch des Aktienkurses an der Börse, und zum Abschluß ein Firmenporträt mit Hinweis auf die Verflechtung mit dem Nationalsozialismus und die Beteiligung an der Produktionsfirma des Giftgases Zyklon B. Darüber hinaus berichtete die FAZ: „Details und Hintergründe sollen auf einer Pressekonferenz am kommenden Montag genannt werden“ (FAZ, 6.11.2003, S. 25). Die FAZ kennt außerdem die Gründe: „Die drohende Zahlungsunfähigkeit hängt offenbar damit zusammen, daß die Immobiliengesellschaft WCM Zahlungen nicht geleistet hat“ (FAZ, 6.11.2003, S. 25). Im Gegensatz zu den beiden anderen Zeitungen verschweigt die FAZ die ehemaligen Zwangsarbeiter der IG Farben und ihre Proteste während der vergangenen Hauptversammlungen.

Die FAZ weiß mehr

Zwei Tage später meldet die Süddeutsche Zeitung unter Hinweis auf die Deutsche Presseagentur dpa nur: „Die in Abwicklung befindliche IG Farben AG will am Montag den Investor für ihren zu scheitern drohenden Wohnungsverkauf nennen. ... Das sagte der Liquidator der IG Farben-Abwicklungsgesellschaft, der Bundestagsabgeordnete Otto Bernhardt (CDU), am Freitag in Berlin.“ (SZ, 8.11.2003, S. 21) Daß es sich dabei um den Immobilienkonzern WCM handelte, war bis zur Pressekonferenz nur der FAZ bekannt.

Wenn die FAZ bereits in ihrer Donnerstagausgabe die Pressekonferenz am kommenden Montag ankündigt, während andere große Tageszeitungen den Pressetermin erst am Samstag bekannt geben können, dann hat die IG Farben ihnen diesen Termin bewußt vorenthalten. So weiß z.B. der Kölner Journalist und Geschäftsführer des Dachverbandes der Kritischen Aktionäre, Henry Mathews, am Freitagabend weder Zeit noch Ort der Pressekonferenz. Im Gegenteil, viele verschiedene Zeitungen fragen an jenem Freitag vergebens bei ihm nach dem genauen Termin. Dadurch, daß die Frankfurter Hoteliers der IG Farben bereits seit Jahren keine Räume mehr zur Verfügung stellen, dürfte sich die Raumsuche für die Liquidatoren jedoch einfach gestalten, weil nur noch die städtische Saalbaugesellschaft in Frage kommt. Merkwürdig ist hier das Verhalten mancher Zeitungen. Obwohl sie auf das Terminproblem aufmerksam gemacht werden, unternehmen sie nur wenig oder nichts, um den genauen Pressetermin in Erfahrung zu bringen. Diese Aufgabe ist vertrackt, weil nicht einmal das Telefon des IG-Farben-Büros besetzt ist. Das Unternehmen verhält sich bewußt unerreichbar. Die Einladungen gibt es nicht im Büro der IG Farben am Firmensitz Frankfurt, sondern in Schwerin bei der gemeinsamen Rechtsanwaltskanzlei des IG-Farben-Liquidators Volker Pollehn und des IG-Farben-Aufsichtsratsvorsitzenden Ulrich Born. Am Telefon meldet sich eine Frau. Sobald das Wort ‚IG Farben' fällt, wirkt ihre Stimme plötzlich verhuscht, und sie verhält sich unverbindlich. Nur mit viel Glück erhält man eine Antwort.

Und dennoch Protest

Doch wenigstens in dieser Hinsicht ging die Rechnung der Liquidatoren nicht auf. An jenem Montagmorgen standen Protestierende mit Megaphon und Transparenten vor dem Saalbau Dornbusch in Frankfurt. Wie bereits auf den Aktionärshauptversammlungen gewohnt, riegelten Sondereinheiten der Polizei das Gebäude ab. Der Protest blieb auf der Straße, wurde aber im Gebäudeinnern während der Pressekonferenz wahrgenommen. Auch die Presse war zahlreich erschienen.

Protestiert wurde gegen die ausbleibenden Gelder zur Entschädigung der Opfer. Opfer hat es durch die IG Farben unzählige gegeben. Zum einen beteiligte sich IG Farben in Auschwitz-Monowitz an dem Programm‚ Vernichtung durch Arbeit', indem sie tausende Zwangsarbeiter ausbeutete. Viele der Zwangsarbeiter überlebten diese Tortur nicht. Zum andern hatte IG Farben auch Anteil an der Ermordung von Juden, von Sinti und Roma, von Kommunisten, von Homosexuellen: IG Farben gehörte eine Beteiligung von mehr als 42 % an der Firma Degesch. Degesch produzierte das Gift Zyklon B. Mit diesem Gift wurden Millionen Menschen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern vergast. Man kann sogar noch weiter gehen: Ohne die IG Farben hätte Deutschland keinen Krieg führen können. Durch den Krieg und den Einsatz von Zwangsarbeitern verdiente die IG Farben mächtig. Damit hat sich für den IG-Farben-Konzern die einst größte Einzelspende an die NSDAP ausgezahlt.

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Zwar sollte der weltgrößte Chemiekonzern IG Farben zerschlagen werden, aber in Wirklichkeit haben die Alliierten die Interessengemeinschaft Farben in ihren Urzustand zurückversetzt, indem u.a. BASF, Bayer und Höchst, ausgestattet mit 90 % des Vermögens der früheren IG Farben, eigenständig weiterarbeiteten. Heute ist jede dieser Firmen größer und mächtiger als einst die IG Farben selbst. Die restlichen 10 % des Vermögens verwaltete ihre Rechtsnachfolgerin, die Aktiengesellschaft IG Farben in Abwicklung. Die IG Farben i.A. ist mit der Absicht gegründet worden, das Restvermögen des ehemaligen IG-Farben-Konzerns schnell zu verkaufen, um dann den Erlös an die Zwangsarbeiter auszuzahlen und sich anschließend selbst aufzulösen. Doch trotz all dieser Pläne der Alliierten befindet sich das Unternehmen schon seit fünf Jahrzehnten in Abwicklung. Statt das Vermögen den Zwangsarbeitern zu geben, spekulieren die Liquidatoren, die Aufsichtsräte und die Aktionäre damit. Solange noch Masse vorhanden war, versuchte die Abwicklungsgesellschaft, die Liquidation Stück für Stück hinauszuzögern. Ohnehin schrumpfte das Vermögen von Jahr zu Jahr, indem Pensionen an ehemalige leitende IG-Farben-Angestellte bezahlt wurden, obwohl diese teils während der Nürnberger Prozesse auf der Anklagebank gesessen hatten und verurteilt worden waren.

Daß die IG Farben i.A. Insolvenz anmelden muß, hängt, wie von der FAZ angekündigt, mit offenen Forderungen an den Frankfurter Immobilien- und Beteiligungskonzern WCM zusammen. Das läßt aufhorchen, denn WCM hat bereits Anfang der 90er Jahre reichlich an IG Farben verdient, indem sie durch seltsame Metamorphosen von der Tochter zur Mutter der IG Farben i.A. herangewachsen ist und sich dann durch überproportionale Ausschüttungen bereichert hat. Vom jetzigen Fall der IG Farben bleibt jedoch WCM verschont, schon längst hat sie ihre IG-Farben-Anteile verkauft.

Sogar die Zahlungsunfähigkeit läßt die IG Farben i.A. zum ewig unerschöpflichen Quell für Spekulanten werden: Die Liquidatoren haben vorgesorgt, indem sie jetzt die 1999 gegründete IG-Farben-Stiftung mißbrauchen, um im Streit über die Interhandel AG gegen die Schweizer Großbank UBS zu klagen. Und dazu scheuen sie keinen Aufwand. Von dem erstrittenen Erlös soll etwa ein Drittel den Zwangsarbeitern zukommen, den Rest verbraten die Aktionäre und die Rechtsanwälte. Sollte die Klage erfolgreich sein, sind also wiederum die Aktionäre und deren Verteidiger die Gewinner. Bleibt der Prozeß verloren, dürfte das lächerlich geringe Stiftungsvermögen von 250.000 Euro ebenfalls zunichte sein.

Durch die angebliche Zahlungsunfähigkeit hat die IG Farben ihr Vermögen endgültig vernichtet und damit die Zwangsarbeiter ein weiteres Mal betrogen. Damit haben die Liquidatoren, die Aufsichtsräte und die Aktionäre ihr lang angestrebtes Ziel erreicht.

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