|
drucken
Fenster schließen
|
UPDATE: Der Streik bei Tekel: Arbeiter berichten / TEKEL is¸çileri anlatıyorlarRundreise - 24.06.2010 von faud1
In der Türkei kämpfen KollegInnen des ehemaligen staatlichen Tabak- und Alkohol-Konzern TEKEL seit Monaten trotz massiver Repression gegen massive Gehaltskürzungen, den Verlust von tariflichen und sozialen Rechten oder die Arbeitslosigkeit. Zwei der streikenden Arbeiter berichten.
Solidarität mit den ArbeiterInnen bei TEKEL in der Türkei! Bericht von der Veranstaltung in Duisburg
Aufgrund des kurzfristigen Zustandekommens der Rundreise, waren es leider nur 25 bis 30 Interessierte, die ihren Weg ins Internationale Zentrum der VHS gefunden haben. Die erlebten dafür aber eine sehr interessante Veranstaltung. O., ein Arbeiter bei TEKEL berichtete zunächst über den Kampf der Belegschaft gegen die Privatisierung bzw. gegen die massive Verschlechterung der Situation der Beschäftigten. TEKEL war der staatliche Monopolkonzern für die Produktion von Zigaretten und Alkohol. Rund 12.000 KollegInnen produzierten in 10 Zigarettenfabriken, 10 Alkoholdestillen und 24 regionalen Tabaklagern, Rauchwaren und Alkohol für mehrere Milliarden Euro jährlich. Die Regierung hat beschlossen, TEKEL zu privatisieren und an British Tobbaco (BAT) zu verkaufen. Die haben alle Werke bis auf eine Fabrik für Rauchwaren und eine Destille geschlossen und produzieren den Bedarf in ihren Werken in anderen Ländern. Auch die beiden verbleibenden Fabriken werden vermutlich geschlossen. Sie existieren nur noch, weil es eine zeitlich gebundene Auflage des Privatisierungsvertrages ist. Die 12.000 TEKEL-ArbeiterInnen, die quer über die Türkei verteilt sind, sollten in anderen (Staats-)Betrieben weiterbeschäftigt werden. Das allerdings zu drastisch schlechteren Bedingungen. Bei Tekel verdienten sie 600 Euro im Monat. Nach einer Gesetzesänderung sollen sie sich nun für 325 Euro im Monat neu anstellen anlassen. Es gäbe keine ganzjährige Arbeitsgarantie mehr, Krankenscheine sollen Kündigungsgrund sein. Mit einem Wort, der türkische Staat hat nicht nur versucht, sich durch die Privatisierung zu sanieren sondern er benutzt sie auch, um die in Staatsfirmen Beschäftigten massiv anzugreifen. Gegen diese Aussicht auf die permanente Misere durch Arbeit, richtet sich der aktuelle Kampf der entlassenen TEKEL-ArbeiterInnen. Mit öffentlichkeitswirksamen Protesten versuchen die seit Monaten, die Gewerkschaften - allen voran Türk-Is - dazu zu bewegen, einen Generalstreik der staatlichen Beschäftigten, gegen diese Neuregelungen auszurufen. Doch die Gewerkschaften verhalten sich faktisch als Komplizen und Erfüllungsgehilfen der staatlich organisierten Verarmung. „Wir mußten zehn mal mehr gegen die Gewerkschaft kämpfen, als gegen die Polizei und den Staat“ sagte O. So wurde in Ankara die Gewerkschaftszentrale von bis zu 15.000 Polizisten geschützt, als tausende von TEKEL-Beschäftigten in die Stadt kamen, um die Gewerkschaften dazu zu bewegen, sich für ihre Sache einzusetzen. „Wir standen vor den Polizeieinheiten, die uns mit Tränengas, Nebelbomben und Knüppeln angegriffen haben“ - berichtete O. - „und die Gewerkschaftsfunktionäre standen nicht solidarisch bei uns sondern hinter den Polizeiketten“. Trotzdem gelang es in Ankara die Gewerkschaftszentrale kurzfristig zu besetzen. Auf einem Platz in der Nähe wurde über Wochen ein provisorisches Zeltlager eingerichtet, das von der lokalen Bevölkerung mit Unterstützung in Form von Decken, Nahrungsmitteln, aufmunternden Worten und Spenden unterstützt wurde. „So etwas hat es in Ankara noch nie gegeben, auch in der ganzen Türkei noch nie. Wir waren alle zu Tränen gerührt, von der Solidarität, die entsteht, wenn ArbeiterInnen sich gegenseitig helfen. Niemand von uns wird das jemals vergessen" erzählte O. Auch andere Spaltungen wurden im Kampf der TEKEL-ArbeiterInnen aufgehoben. So hatte die Polizei die Busse der 8.000 ArbeiterInnen vor den Toren Ankaras gestoppt und erklärt, dass sie nur diejenigen in die Stadt lassen würde, die nicht aus kurdischen TEKEL-Werken stammen würden. Daraufhin sind alle 8.000 zu Fuß an der verdutzten Polizei vorbei kilometer weit in die Stadt marschiert. „ ,Türkische‘ und ,kurdische‘ KollegInnen haben sich nicht spalten lassen“, erzählte O. Auch das traditionelle Geschlechterverhältnis wurde während des Camps in Ankara angeknackst. Im Kampfkomittee, das sich aus VertreterInnen der verschiedenen Standorte zuammensetzt, spielen Frauen eine wichtige Rolle. „Mit der Entwicklung des Kampfes“ - erklärte O. - „spielte die Frage danach, ob jemand Mann oder Frau ist, eine zunehmend geringere Rolle“. Der monatelange Kampf der TEKEL-Belegschaft hat bei den ArbeiterInnen in der Türkei einiges in Bewegung gebracht. So haben sie zusammen mit streikenden ArbeiterInnen anderer Staatsbetriebe (u.a. Hafenarbeiter und Feuerwehrleute) in Istanbul eine Plattform der kämpfenden Arbeiter gegründet. Am 1. Mai haben sie bei der Maikundgebung von 350.000 Menschen auf dem Taksim-Platz die Bühne besetzt und eine Statement gegen die Komplizenschaft der Gewerkschaften mit dem Staat verlesen. Die Gewerkschaftsbosse flüchteten von der Bühne und hetzten anschließend die Polizei auf die ArbeiterInnen. Die Plattform hat sich in den letzten Wochen weiter ausgedehnt. Am 26. Mai, dem Tag, an dem die Gewerkschaftsführung einen einstündigen Generalstreik zugesichtert hatte, der dann aber wieder abgeblasen wurde, besetzten ehemalige TEKEL-ArbeiterInnen und andere in vielen Städten die Gewerkschaftszentralen aus Protest. Vom Kampf den TEKEL-Belegschaft, der in der Bevölkerung enormes Ansehen geniest, wollen alle möglichen Parteien und Gruppen profitieren. So auch viele aus der türkischen Linken. Die meisten von ihnen haben jahrelang die Kämpfe von ArbeiterInnen bestenfalls belächelt. Und das getan, was ihr Vordenker Lenin ihnen aufgetragen hat. Sie haben versucht, die besten Arbeitermilitanten für ihre eigenen Parteien zu rekrutieren und die Streikenden vor den Karren ihres ja so viel wichtigeren „politischen Kampfes“ zu spannen. Das war auch bei TEKEL nicht anders. „Tekel war keine gute Prüfung fr die türkische Linke. Wir haben gedacht, die kommen, um uns etwas zu geben“ - meinte dazu O. - „aber wir mussten feststellen, dass sie eher gekommen sind, um uns etwas zu nehmen“. Das Kampfkomittee hat deshalb beschlossen, dass sie sich vor den Karren keiner Partei und keiner Organisation spannen lassen wollen. Stattdessen versuchen die TEKEL-ArbeiterInnen Verbindungen zu anderen Belegschaften in der Türkei und auch im Ausland zu spinnen. „Immer, wenn wir in den letzten Wochen von einem Arbeitskampf in der Türkei erfahren haben, sind KollegInnen von uns hingegangen und haben unsere Solidarität angeboten und die Erfahrungen aus unserem eigenen Kampf geteilt“, erzählte O. „Mit dieser Rundreise wollen wir die Verbindungen zwischen den ArbeiterInnen weltweit verstärken. Jetzt sind wir in Deutschland und der Schweiz. Demnächst werden wir eine Veranstaltung in Athen machen, um den ArbeiterInnen dort in ihrem Kampf gegen die Antikrisen-Programme unsere Solidarität zu zeigen“. „Denn eines haben wir gelernt“ - sagte O. - „Für uns ArbeiterInnen spielen Sprachen keine Rolle und auch keine Nationen. Wir haben nur uns selbst und wir sind eine Familie und eine Klasse überall auf der Welt“. Kein box_content vorhanden... |
|
11.02.2012 - Quelle: http://www.fau.org/artikel/art_100616-001822 |