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Aufruf - 10.11.08 von FAU VAB-Frankfurt

Alles in Frage stellen?

Was da gerade über uns hereinbricht, gilt als schwerste Krise seit der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Damals war der Finanzkrach 1929 erst das Vorbeben der großen Krise, in der sich in Deutschland z.B. die Arbeitslosigkeit in zwei Jahren vervierfachte und es zu großem Elend kam. Also kommen die dicken Brocken in den nächsten zwei oder drei Jahren erst noch auf uns zu. Haben die, die uns regieren und beherrschen, eigentlich noch einen Plan?

* Viele hundert Milliarden Euro sollen einen Flächenbrand löschen, der an immer neuen Stellen aufflackert.
* In den Talkshows sehen wir die fassungslosen Gesichter der »Experten«, die jahrelang immer so forsch Bescheid zu wissen vorgaben.
* Panik flackert in den Augen der Politiker, wenn sie ihre eilends zusammen gezimmerten Ermächtigungsgesetze bekanntgeben. Man meint fast ihren Angstschweiß zu riechen, während sie zusehen müssen, wie ihre scheinbar so fest gefügte Welt sich aufzulösen droht. Und es muss noch viel mehr krachen, damit diese Arschgesichter ihre Arroganz verlieren!

Aber die Krisen treffen meistens uns, dafür sorgen Unternehmer und Politiker schon! Nach der letzten wurde Hartz IV eingeführt, die Arbeitsbedingungen massiv verschärft, die Leiharbeit und der Niedriglohnsektor gewaltig ausgeweitet, Strom- und Gaspreise krass verteuert...

Diesmal ist nichts mehr sicher, weder Arbeitsplätze, noch der Studienkredit, und schon gar nicht die Altersvorsorge. Für viele ist es undenkbar, dass das kracht, denn es würde alles in Frage stellen. Können wir uns vorstellen, uns gemeinsam gegen die Auswirkungen dieser Krise zu wehren?

Das ist keine »Finanz- sondern eine Weltwirtschaftskrise«

Die Asien-Krise 1997 betraf nur eine Weltregion. Der Absturz der New Economy betraf nur eine Branche. Diesmal sind wir am Beginn einer Weltwirtschaftskrise. Die Arbeitslosigkeit steigt gewaltig an (im Weltmaßstab und in Deutschland: allein in einer einzigen Region in China sollen bis Jahresende zweieinhalb Millionen ArbeiterInnen rausgeschmissen werden). Die deutsche Autoindustrie und ihre Zulieferer sind bereits dabei, zigtausende von uns auf die Straße zu setzen. Auch in Teilen des Dienstleitungssektors erleben wir schon jetzt Kündigungswellen von 10 bis 20 Prozent der Belegschaften.

Bisher trifft die Krise viel stärker diejenigen, denen es sowieso schon schlechter geht: Leiharbeiter werden rausgeschmissen, viele rutschen in die Überschuldung, können ihre Miete nicht mehr zahlen, haben kaum noch Geld für vernünftige Lebensmittel. Im Vergleich dazu geht es den Stammbelegschaften mit wochenlanger Kurzarbeit noch relativ gut. Aber denkt nur nicht, dass das nur Leiharbeiter betrifft! Wir stehen erst am Anfang der Krise.

Sie versuchen, uns (die ArbeiterInnen rund um den Globus) das Ganze bezahlen zu lassen.

Die rot-grün-schwarzen Bundesregierungen haben Hedgefonds und hochspekulative Papiere legalisiert, sie haben alles getan, damit »Finanzinvestoren« Betriebe und kommunale Infrastruktur aufkaufen und ausplündern konnten. Zu diesem Zweck haben sie die Zinsen so niedrig gehalten, dass ein Sparbuch weniger als die Inflationsrate abgeworfen hat; sie haben die Riesterrente eingeführt usw. Sie haben selbst genau das angerichtet, was wir jetzt ausbaden sollen!

Das Rettungspaket für die Banken ist eine unerhörte Frechheit! 500 Mrd. Euro sind fast ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts der BRD. Kredite sind Ansprüche auf Gewinne aus zukünftiger Arbeit. Wir müssten also fast drei Monate lang komplett für umsonst arbeiten und dabei weiter unsere Miete, Heizung usw. zahlen, um diese Summe zusammenzubringen! Ab 1. Januar 15,5 % Krankenkassenbeiträge! Dass sie gleichzeitig die Arbeitslosenversicherung absenken und die Kurzarbeit verlängern, zeigt, wie genau sich der Staat den Unternehmerinteressen anschmiegt. Die Gas- und Strompreise werden weiter erhöht, obwohl Erdöl usw. massiv billiger geworden sind. Das sind alles keine Naturgesetze oder Sachzwänge, sondern gezielte Politik.

Sie wollen das Banksystem retten, damit die Politiker an der Macht bleiben und man uns weiter ausplündern kann. Und die Banken verteilen die Fördermilliarden als Boni an die Manager und als Dividendenzahlungen an die Aktienbesitzer! Jetzt schieben sie ein Konjunkturprogramm nach: ein bisschen Gebäudesanierung, ein paar Milliarden für die Autoindustrie und ihre Spritschlucker, Subventionen für Hausbesitzer. Das ist Klientelpolitik, die der CDUSPD im Wahljahr 2009 helfen soll, aber lächerlich angesichts der Dramatik der Krise! Gegen die helfen vermutlich keine Rettungsprogramme.

Was ist mit unserem »Kapitalbedarf«?

SPD und Grüne haben mit Hartz IV dafür gesorgt, dass der Niedriglohnsektor in Deutschland so stark wie in keinem anderen Land wächst. Bereits Ende 2007 haben rund 1,3 Millionen Erwerbstätige aufstockendes ALG II bezogen, trotz Vollzeitjob! Trotz Boom hatten wir auch in den letzten Jahren Reallohnverluste. Laut Statistischem Bundesamt kann in der BRD inzwischen eder zwölfte Haushalt seine Rechnungen nicht mehr bezahlen, weitere 1,5 Millionen Haushalte kommen gerade so über die Runden, schon eine kaputte Waschmaschine kann dort die Balance kippen. Die offizielle Hauptursache für Überschuldung ist »Arbeitslosigkeit«. Also die übliche Mischung aus miesen, schlecht bezahlten Jobs, ALG, Leiharbeit usw. Größere Lohnerhöhungen als die von der IG Metall geforderten 8 Prozent sind nötig! Wie wäre es mit 500 Euro mehr für alle und Abschaffung der Leiharbeit?!

Geld kann nicht arbeiten...

Der Dummspruch »mein Geld arbeitet für mich« ist jetzt aufgeflogen! Entweder jemand lässt andere für sich arbeiten - ein Unternehmer z.B. - oder man muss selbst für den Lebensunterhalt arbeiten. Man kann wieder Tacheles reden; statt vom »freien Spiel der Märkte« wird dieser Sachverhalt jetzt wieder beim Namen genannt: »Kapitalismus«. Ein System, das auf Ausbeutung unserer Arbeit beruht. Durch die Krise werden die Verhältnisse klarer, aber es ist nicht ausgemacht, ob wir gerade den Anfang vom Ende des Kapitalismus erleben, oder ob sich der Kapitalismus umso strahlender und mörderischer aus dieser tiefen Krise erheben wird. Das hängt ganz wesentlich von uns ab!

Es wird Zeit darüber nachzudenken, was wir auf den Ruinen tun, die sie uns hinterlassen werden.

Denn die tiefe Krise zeigt auch, dass uns das Kapital auch nach 30 Jahren Dauerangriff nicht besiegt hat, und dass ihnen die Optionen ausgehen. Wir, die ArbeiterInnen überall auf dem Globus sind es, die mit unseren selbstverständlichen Bedürfnissen das Kapital in die Klemme getrieben haben. Weil sie aus den Fabriken und Dienstleistungsunternehmen nicht genug Profit herausquetschen konnten, mussten sie immer riskanter auf den Finanzmärkten spekulieren.

Wir haben aber auch die Fähigkeiten, die Weltgesellschaft am Laufen zu halten! Wir tun es ja bereits, denn wir produzieren den gesellschaftlichen Reichtum. Aber können wir uns wirklich vorstellen, die Welt selbst zu regieren? Die Fragestellung scheint ungeheuerlich: ohne Regierungen und Staaten, ohne Banken und Geld - wie kann das gehen? Gibt es dann morgens Brötchen? Fahren die U-Bahnen? Wer streiken kann - wie die BVG-Fahrer in Berlin - kann auch die Produktion und den Betrieb aufrechterhalten. Noch viel wichtiger: der kann alles ändern und dafür sorgen, dass wir nicht mehr länger uns selbst und den Planeten mit unserer Arbeit und deren Produkten kaputtmachen! Es ist schließlich nicht nötig, dass jemand morgens um 2.37 Uhr Schichtwechsel hat! Oder dass jemand 40 Jahre lang acht Stunden am Tag in jeder Minute dieselben 73 Schrauben anzieht. Da können wir uns ganz andere Dinge vorstellen.

Und wenn das Geld in den letzten Jahren sowieso nur Spielgeld war - und diese Spielchen nun so furchtbar zusammengekracht sind - können wir uns dann nicht auch gleich eine gesellschaftliche Produktion ohne Geld vorstellen? Müssen wir uns das nicht sogar vorstellen? Anstatt in Demut abzuwarten, dass die Krise mal wieder auf unserem Rücken ausgetragen wird, sollten wir da ein Wörtchen mitreden!

Denkt mal drüber nach! Und redet mit Euren KollegInnen. Wir melden uns demnächst wieder.

Alles in Frage stellen.

"Wir, die Arbeiter, haben all diese Paläste und Städte in Spanien, Amerika und überall sonst gebaut. Wir, die Arbeiter, können neue an ihrer Stelle bauen. Und bessere! Wir fürchten uns nicht im geringsten vor den Ruinen. Wir werden die Erben der Erde sein, da gibt es nicht den leisesten Zweifel. Die Bourgeoisie mag ihre Welt zerstören und ruinieren bevor sie die Bühne der Geschichte verlässt. Wir tragen eine neue Welt in uns, in unseren Herzen. Diese Welt wächst bereits in dieser Minute."

(Buenaventura Durruti, 1896-1936)

zur Information

Dieses Flugblatt wird derzeit in verschiedenen "Varianten" von mehreren Gruppen in Deutschland und Österreich verteilt. Der inhaltliche Kern wurde auf einer Konferenz in Potsdam diskutiert und von von einer Arbeitsgruppe zusammengefasst. Die hier veröffentlichte Flugblattversion stammt von einigen GenossInnen der FAU.

krisenflugblatt_ffm.pdf

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