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Archiv - 14.10.03 von Hansi Oostinga

'Entweder ein neuer Strindberg oder Du' - Annemarie Dagerman

Annemarie Dagerman ist eine Frau, die durch zwei Dinge geprägt wurde: Ihr Aufwachsen in der radikalen Arbeiterbewegung und ihre Liebe zu dem bekannten schwedischen Schriftsteller Stig Dagerman. Zwei Pole, die ineinander übergingen, die sich aber auch aneinander rieben und zu scheinbaren Widersprüchen führten. Auf der eine Seite die Anarchistin, auf der anderen die klassische Frauenrolle als selbstlose Partnerin.

Auf den Barrikaden

Als Annemarie sechzehnjährig den ebenso jungen Stig kennenlernte, hatte sie bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Sie sprach fünf Sprachen, hatte den deutschen Faschismus und den Spanischen Bürgerkrieg hautnah miterlebt und war überzeugte Anarchistin.

1924 wurde sie in Leipzig geboren, in einer Familie, die geprägt war durch die radikale Arbeiterbewegung, und in der sich gerade die Frauen durch ihr Engagement hervortaten. Bereits als neunjährige war sie gemeinsam mit ihrer Großmutter Anna Götze, einer Mitbegründerin des Spartakusbundes, als Kurrierin im antifaschistischen Widerstand aktiv. Ihre Eltern, Elly und Nante Götze, waren führende Aktivisten der anarchosyndikalis-tischen Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD).

Als Leiter der ab 1933 illegalen FAUD mußte ihr Vater bald untertauchen, und auch für Annemarie begann damit eine Odysse durch halb Europa. Beeindruckt durch die Stärke der spanischen Anarchosyndikalisten floh die Familie 1934 ins „Mekka der Bewegung“, nach Barcelona. Dort übernahm die Mutter die Leitung der exilierten deutschen Anarchosyndikalisten, während Annemarie Unterricht von der Psychoanalytikerin Etta Feddern bekam und viele Größen der Arbeiterbewegung
auf deren Schoß sitzend kennenlernte.

Im Laufe des 1936 beginnenden Spanischen Bürgerkrieges und der damit einhergehenden Sozialen Revolution wurde der sowjetische NKWD, dem diese von Moskau unabhängige und von der anarchosyndikalistischen CNT dominierten Bewegung ein Dorn im Auge war, auch auf die Familie Götze aufmerksam. Nachdem die Tante und Elly kurzzeitig verhaftet wurden und nach Nante intensiv gefahndet wurde, flohen sie Ende 1937 über Paris nach Norwegen. Eine Entscheidung, die nicht zuletzt aufgrund der Begeisterung der Familie für die skandinavische Literatur getroffen wurde.

Neben Ibsen, Nexö, Lagerlöf und Strindberg erwartete sie allerdings auch die Realität politischer Flüchtlinge in Norwegen. Außerhalb von Oslo mieteten sie eine kleine Hütte, schliefen auf Stroh und ernährten sich von gekochtem Lachskopf. Dann drohte die Okkupation, und nachdem ein alter Freund aus der spanischen Zeit – Willy Brandt – ihnen nochmals die brenzlige Situation klarmachte, flohen sie in einer Nacht- und Nebelaktion in Richtung Schweden. Auf dieser beschwerlichen Reise wurde Annemarie von ihren Eltern getrennt, und sie sollte sie erst sechs Monate später wiedersehen.

Annemarie kam mittellos in Stockholm an. Dank einer Liste mit Namen von Genossen bekam sie schnell Unterkunft und Anschluß an die syndikalistische Jugend- und Frauenbewegung. Neben ihrer Arbeit als Näherin begann sie alsbald auch als Journalistin zu arbeiten. Sie begann, sich insbesondere mit den Schicksalen der Frauen in der damaligen Zeit auseinanderzusetzen.

Im Schatten des Schriftstellers

In dieser Situation traf sie auf Stig Dagerman, der ebenso wie sie bei Arbetaren, der Tageszeitung der syndikalistischen Gewerkschaft SAC, arbeitete. Gemeinsam lasen sie Korrektur und schrieben Theater- und Filmkritiken.

Aus dieser Zusammenarbeit wurde bald Liebe und für Annemarie ein Zurücktreten hinter den angehenden Schriftsteller. „Entweder ein neuer Strindberg oder Du“, umriß ihr Vater Nante ihre Situation. Und Annemarie entschied sich für einen neuen Strindberg. Obwohl sie als Anarchistin einer Ehe eher skeptisch gegenüberstand, gab sie dem Drängen Stigs nach. Die beiden heirateten 1943 - da minderjährig - mit der Sondererlaubnis des Königs.

1945/46, nach der Geburt ihrer zwei Söhne, gab Annemarie ihre journalistische Tätigkeit beim Arbetaren auf, und für Stig begann seine intensivste und fruchtbarste Schaffensperiode. Stig schrieb wie ein Besessener, zwei, drei Tage ohne Unterbrechung, Annemarie besorgte ihm die notwendige Ruhe, korrigierte seine Manuskripte und tippte sie ab.

Stig wurde berühmt, nicht nur in Schweden. Sicherheit gab dies dem „Schriftsteller des Zweifels“ jedoch nicht. Auch die Ehe begann zu bröckeln. Die Presse berichtete von Affären mit Schauspielerinnen. Schließlich ließ sich Annemarie 1953 von ihm scheiden, und er heiratete das damalige Starlette Anita Björk.

Für Annemarie, die fortan die beiden Söhne allein aufzog, bedeutete dies auch einen sozialen Abstieg. Aber auch Stig hatte den Halt verloren, er fand keine Ruhe zum Schreiben mehr. Seine täglichen Gedichte im Arbetaren, die dagversen, waren das einzige, was er noch zustandebrachte. 1954 nahm er sich, nach einer Reihe von Selbstmordversuchen, schließlich mit den Abgasen seines Autos das Leben.

Annemarie fing wieder an, mehr an sich selbst zu denken, arbeitete in verschiedenen Berufen, war in der Gewerkschaft aktiv, war aber ebenso die geistige Nachlaßverwalterin Stigs. Seit den 80ern engagierte sie sich für ein Stig-Dagerman-Museum, daß 1992 im Geburtsort des Schriftstellers, Älvkarleby, eröffnet wurde.

Die 79jährige ist nachwievor Mitglied der SAC lebt heute als Rentnerin in Stockholm.

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